Aus der Amazon.de-Redaktion
Die meisten dieser Lieder schrieb Schubert bevor er 20 Jahre alt war, doch alle zeugen von außerordentlichem Kompositionstalent und emotionaler Reife, selbst diejenigen, die von dem damals populären Balladenstil beeinflusst sind. Die Begegnung mit Goethes Dichtung war für Schubert unzweifelhaft eine bedeutsame Anregung und inspirierte ihn zu einigen seiner großartigsten Lieder. Das älteste Lied auf der CD entstand 1814; es handelt sich hierbei um die kaum bekannte "Szene aus Faust": Gretchen will in der Kirche beten und wird von einem bösen Geist bedrängt, während die Gemeinde das "Dies Irae" singt. In diesem unheimlichen, beklemmenden Stück verkörpert der Sänger -- teils im Rezitativ -- sämtliche Charaktere einschließlich des Chors.
Von drei selten dargebotenen Balladen, die in derselben Form gehalten sind, beruht nur "Der Sänger" -- ein heiteres, temperamentvolles Lied, das sich durch lange Klavierzwischenspiele auszeichnet -- tatsächlich auf einem Text Goethes (trotz des Titels stammen drei der Gedichte, die als Vorlage für diese Lieder dienten, in Wirklichkeit von anderen Autoren); die anderen beiden sind düster und dramatisch: das Lied "Der Zwerg", dessen regelmäßig an- und abschwellende Begleitung die Meereswellen darzustellen scheint, und "Liedesend", eine schöne opernhafte Kantilene. Thomas Quasthoff singt meisterlich. In dem Lied "Erlkönig" werden die drei Stimmen durch Klangfarben und durch die Aussprache differenziert; der Schluss ruft beim Hörer kalte Schauer hervor.
Die drei "Gesänge des Harfners" sind herzzerreißend; "Ganymed" steigert sich von zarter Lyrik bis zu strahlender Ekstase. Es ist interessant, diese Aufnahme aus dem Jahr 1993 mit jüngeren von Quasthoff zu vergleichen. Die einzigartige Schönheit und die makellose Technik seines Gesangs sind hier bereits voll ausgeprägt, und dasselbe gilt für die Gefühls- und Ausdruckstiefe, gleich, ob Leises, Besinnliches oder Hochdramatisches wiedergegeben wird. Der Hauptunterschied liegt in der hier schlichteren Ausgestaltung, die weniger Gewicht auf Nuancen der Klanggebung legt. Vielleicht ist dieser Interpretationsstil nach Quasthoffs Auffassung Schuberts frühen Liedern eher angemessen als dessen späteren Zyklen; jedenfalls aber lässt Quasthoff so die gefühlsintensive, ergreifende Musik unmittelbar auf den Hörer wirken. Der Pianist Charles Spencer spielt einfach wunderbar. --Edith Eisler