Neue Zürcher Zeitung
Weltgenuss
Das Goethe-Handbuch
Drei Bände des neuen Goethe-Handbuches sind den grossen Gattungen gewidmet, der vierte wird ein Lexikon der Personen und Sachen bieten. Das Handbuch will den Leser vor allem über Textgeschichte, Interpretation und Wirkung unterrichten. Der Band «Gedichte» wird mit einer die bestimmenden Antinomien (z. B. Weltgenuss und Erkenntnis, Emporhebung ins Allgemeine und Gelegenheitsgedicht, Selbstbewusstsein und Selbstbehauptung usw.) hervorhebenden Einführung in das etwa 3000 Gedichte umfassende lyrische uvre eröffnet.
Den grössten Teil des Bandes nehmen Werkmonographien zu rund 100 ausgewählten Gedichten und Zyklen ein, die sechs chronologischen Abschnitten (frühe Lyrik, Sturm und Drang, erstes Weimarer Jahrzehnt, klassische Zeit, Sonette und «West-östlicher Diwan», Spätwerk) zugeordnet sind. Zusammengenommen bilden die umsichtigen Einführungen zu diesen einzelnen Abschnitten zugleich einen diachronen Abriss und einen problemorientierten Aufriss zu Goethes lyrischem Schaffen. Höchst einleuchtend wird die Einheit des Spätwerks, neben sprachlich-stilistischen Momenten, aus Kategorien wie dem Historischen der eigenen Person, dem Symbolischen des eigenen Lebenswerks und einem kommunikativen Modell hergeleitet. Die einzelnen Werkartikel informieren über Entstehung, Text- und Interpretationsgeschichte und führen die wichtigste Forschungsliteratur an, bieten aber auch allenthalben eigene Analysen.
Ein wenig abgesprengt nehmen sich die Artikel zu den Versepen aus; darunter ist ein besonders lesenswertes Kabinettstück zum «Reineke Fuchs». Dass die Versepen unter den «Gedichten» versteckt sind, resultiert aus der Reservierung des dritten Bandes für die Prosaschriften, spiegelt aber wohl auch die allgemeine Hilflosigkeit der heutigen Literaturwissenschaft gegenüber dieser epischen Form. Noch befremdlicher ist allerdings bei den «Gedichten» die unzureichende Berücksichtigung der musikalischen Rezeption vieler Texte («Heidenröslein»; «Erlkönig»; zum Mignon-Lied gibt es gar keinen Eintrag).
Der zweite Band zu Goethes dramatischem Werk zeichnet sich da durch einen weiteren Blick aus: Goethes praktischer Theaterarbeit ist ein eigenes Kapitel eingeräumt, und die «Faust»-Rezeption wird sogar in drei Beiträgen zu den Bereichen Literatur, bildende Kunst und Bühnengeschichte ausgebreitet. Die Anordnung folgt auch hier im wesentlichen der Chronologie, die gelegentlich von «Dachartikeln» zu einzelnen Genres unterbrochen wird. Die geringere Zahl der Artikel im zweiten Band lässt Spielraum für unterschiedliche Konzepte: höchst anregend etwa der streng nach der Szenenfolge geordnete «Durchgang» durch den zweiten «Faust». Trotz den wenigen Einwänden kann man zu den beiden ersten Bänden allen Beteiligten nur bestätigen, dass es ihnen gelungen ist, an die Stelle des Vorläuferunternehmens, das 1965 in unreflektiertem Positivismus als Torso geendet hatte, ein Werk zu setzen, das in meist erfreulich unprätentiöser Diktion für gelehrte Kenner eine Summe der internationalen Goethe-Forschung mit fundierten Verständnishilfen für interessierte Laien verbindet.
Hans-Albrecht Koch
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
Das Goethe-Handbuch wird jetzt als kartonierte Sonderausgabe in einem sehr günstigen Preis-Leistungs-Verhältnis angeboten. Für jeden Goethe-Liebhaber ein unbedingtes Muß! Dieses Handbuch ist umfassend. lehrerbibliothek.de Die vorliegende Neufassung des Goethe-Handbuchs unterscheidet sich von ihren Vorgängern durch eine grundsätzlich neue Konzeption. Vor allem rückt sie die Kommentierung, Analyse und Kritik von Goethes Texten in den Vordergrund. So werden im ersten Band rund hundert ausgewählte Gedichte sowie Gedichtzyklen, Sammlungen und Versepen behandelt. Ergänzt werden diese Einzelinterpretationen durch Überblicksartikel zu den einzelnen Phasen von Goethes lyrischem Werk sowie zu den Lebensabschnitten, in denen es entstand. Literatur-Report