Auch nach zweihundert Jahren ist Johann Wolfgang Goethe nicht nur der größte deutsche Klassiker, er ist und bleibt eine der universellsten Persönlichkeiten in der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte. Mit seinen Werken, seinen Tagebüchern, Aufzeichnungen und Gesprächen hat er die klassische Epoche so sehr verkörpert, dass man von der "Goethezeit" spricht.
Der profunde Goethe-Kenner Albert Meier, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Kiel, geht in seinem Buch weniger der Persönlichkeit Goethes nach, sein Interesse gilt vielmehr dem vielgestaltigen Werk des Dichterfürsten. In seinem Vorwort macht Meier jedoch gleich eine Einschränkung: Goethes Werk und dessen Umfang verhindert freilich, es erschöpfend abzuhandeln.
Daher verfährt der Autor exemplarisch und betrachtet in den jeweiligen schöpferischen Phasen des Dichters nur diejenigen Texte, "an denen sich das Neue, Eigene in besonderer Deutlichkeit zeigt". Dabei spannt sich der Bogen von der frühen Lyrik Goethes bis zu den Faust-Dichtungen, die eine Gipfelleistung der klassischen Literatur darstellen.
Bereits in den "Sesenheimer Liedern", die heute als ein Meilenstein in der Entwicklung der deutschen Lyrik gelten, zeigte Goethe eine neue poetische Ausdruckskraft. In der Straßburger Zeit hebt Meier besonders Goethes Aufsatz "Von deutscher Art und Kunst" sowie einige Volkslieder (namentlich "Heidenröslein") hervor.
Im Kapitel "Französische Revolution und Weimarer Literatur" geht der Autor u.a. auf das Versepos "Reineke Fuchs" ein, während in "Klassisches Schreiben" neben den Balladen die Prosawerke "Wilhelm Meisters Lehrjahre" und "Hermann und Dorothea" im Mittelpunkt stehen. Verkörperte "Wilhelm Meisters Lehrjahre" noch den Typus des klassischen Bildungsromans, so ist Goethes vierter und letzter Roman "Wilhelm Meisters Wanderjahre" von der Lebenserfahrung und dem Weltbild des alternden Dichters geprägt.
Obwohl Meier eine umfassende Einführung in alle Dimensionen von Goethes Schaffen - als Lyriker, Dramatiker und Erzähler, als Kunstkritiker und Naturforscher - bietet, ist sein Buch weder eine Biografie, noch ist es nicht als Einstieg in Goethe und sein Werk gedacht.
"Goethe - Dichtung, Kunst, Natur" aus dem Reclam Verlag ist ein ungemein lesenswertes Buch, das die Entwicklungen in Goethes Werk begreiflich macht und es in die Zeitströmungen einbettet. Ein Personen- und Werkregister erleichtert die Handhabung und ein Literaturverzeichnis, das vor allem die Goethe-Veröffentlichungen der letzten 25 Jahre auflistet, komplettiert den interessanten, literaturgeschichtlichen Band.
Manfred Orlick