Einfach haben wir Deutsche es uns mit unserem Goethe nie gemacht. Und er es sich mit den Deutschen auch nicht. Dennoch: er ist unser aller Dichter, der vor 25o Jahren, "am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf", als "Jupiter und Venus" sich freundlich anblickten und "Merkur nicht widerwärtig" war, in Frankfurt am Main auf die Welt kam. Er kam übrigens - wie er es uns in "Dichtung und Wahrheit" wissen läßt - "für tot auf die Welt". Was ihn nicht hinderte, dann doch noch fast 83 Jahre alt zu werden - dazu Politiker, Staatsbeamter, Künstler und nicht zuletzt Deutschlands und wahrscheinlich auch der Welt größter Dichter.
Also noch einmal: leicht haben wir es mit diesem Manne nicht. Und leicht gemacht haben es sich die vielen Biographen, die sich seines langen Lebens und und schier unerschöpflichen Werks angenommen haben, ebenfalls nicht. Wir möchten an dieser Stelle nur Emil Staiger, Friedrich Gundolf, Richard Friedenthal, K.R. Eissler, Karl Otto Conrady nennen. Sie haben entweder aus dem Blickpunkt der totalen, teilweise unkritischen Verehrung geschrieben (Staiger, Gundolf), sie haben, wie Eissler, Goethe auf die Couch des Psychologen gelegt, oder sie waren wie Conrady bestrebt, bei aller wissenschaftlicher Akribie eine Goethe-Biographie (im besten Sinne) für alle zu erzählen.
Mit Boyle kommt Johann Wolfgang etwas anders daher. Sein Biograph ist Engländer und lehrt Deutsche Literatur und Geistesgeschichte an der University of Cambridge. Er hat bei seinen Goethestudien den Dichter als einen "guten Menschen" kennengelernt und hält es für eine Ehre, mit dem zweiten Band seiner fulminanten Goethe-Biographie des Dichters "250. Jubiläum markieren zu können". "Schon beim ersten Band habe ich als das eigentlich Neue meines Ansatzes hervorgehoben, daß nichts Wesentliches als bekannt vorausgesetzt werden darf". 1995 ist dieser erste Band ("Goethe - Der Dichter in seiner Zeit" 1749-1790) einer auf zwei Bände (es werden mittlerweile insgesamt drei werden) angelegten Arbeit erschienen und hat relativ viel Aufsehen erregt. Zwischen großem Lob und Ablehnung bewegte sich die Kritik.
Fast fünf Jahre hat sich Boyle Zeit für den zweiten Band gelassen. Es sind die Jahre 1790-1803, in denen gemäß dem programmatischen Untertitel "Der Dichter in seiner Zeit" große Zeitergeignisse für Leben und Werk des Dichters eine Rolle spielen. So die Französische Revolution. Allerdings keine entscheidende. Zwar nimmt Goethe im Gefolge seinens Dienstherren an der Kampagne in Frankreich teil, ansonsten aber berühren ihn die direkten Ereignisse weniger. Wohl aber etwas anderes: den Gegensatz von Individuum und Masse. Goethe erfährt - so Boyle - was es heißt, ein Opfer zu werden. "Ich versuche in diesem Band zu zeigen, wie verbissen Goethe in diesen Jahren mit der Aufgabe gerungen hat, den Sinn eines Einzellebens in einer Zeit historischer Umwälzungen und der werdenden Massengesellschaft in Worten auszudrücken".
Das ist ebenso spannend zu lesen, wie Boyles Ausführungen über die parallel verlaufende philosophische Revolution, besser unter dem Begriff "deutscher Idealismus" bekannt. Namen wie Kant, Fichte, Schelling und Hegel sind nicht nur Mittelpunkt intensiver Gespräche mit Freund Friedrich Schiller. Goethe stand dieser philosophischen Richtung nahe - mit Wirkung auf das Werk. Goethe als Philosoph also? Ein völlig neuer Ansatz.
Wirkung auf das Werk hatte natürlich auch das großartige Italien-erlebnis. Mehrfach gab es Versuche Goethes, seiner Sehnsucht nach dem "Land, wo die Zitronen blühn" zu folgen. Es blieben Versuche. Er sollte es nie wiedersehen.
Von "Entsagung" spricht Boyle. Ein Begriff, den der Biograph auch in den Beziehungen zwischen Goethe und Schiller verwendet, wenn er die Schiller und Christiane um Goethes Zuneigung rivalisieren läßt. Schiller ist unterlegen, er muß "entsagen", und Goethe erringt nach Boyle einen seiner größten moralischen Siege. Wie überhaupt der Biograph in einem der zentralen Kapitel dieses Buches die Liebe zwischen dem Dichter und Christiane Vulpius feiert. Hier erweist sich Goethe als der "gute Mensch" von Weimar, der um dieser Liebe und um seiner Familie willen entsagt.
Das sind in der Tat oft sehr neue Betrachtungsweisen, die der englische Germanist, der übrigens ausgezeichnet zu formulieren versteht, anstellt. Auf jeden Fall ist es eine ungewöhnliche Biographie, die für den Leser einer aufregende und spannende Herausforderung darstellt. Über tausend Seiten Text, eine Fülle von neuen und bekannten Informationen - Nicholas Boyle erweist sich als kenntnisreicher Biograph, der andere Gedanken zu denken wagt und in Leben und Werk des Dichters Goethe neue Bezüge zur Zeit und ihren Strömungen erkennt. So entsteht ein überraschendes Goethe-Bild. Das allerdings erfordert vom Leser einige Anstrengungen, die er letztlich aber mit Gewinn erbringt.