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Nico Rosts Tagebuch «Goethe in Dachau»
Inmitten des allgemeinen Jubiläumsrummels befremdet der Titel. Wir haben Goethe für Anfänger, Goethe für Liebhaber, Goethe als Comic, Goethe für den Hausgebrauch und nun noch Goethe im KZ? Wohlplaciert hat dies der Verlag zum 250. Geburtstag, doch der Autor selbst, der Niederländer Nico Rost, der von Mai 1944 bis zur Befreiung politischer Häftlinge in Dachau war, hat seinem unter höchster Gefahr verfassten Tagebuch diesen Titel gegeben.
Die himmelschreiende contradictio der beiden Namen deutscher Geist und deutsche Barbarei hat er in der Ursprungsausgabe von 1947 noch überboten. «Literatur und Wirklichkeit» lautete der damalige Untertitel des jetzt neu aufgelegten Dokuments, das von der äussersten denkbaren Funktion der ersteren zeugt: Literatur als Überlebensmittel. Die erste Eintragung lautet: «Die alte Erde steht noch, und der Himmel wölbt sich über mir . . . So lange ist kein Grund zum Verzweifeln. Goethe hat wieder einmal recht, und ich bin ihm dankbar dafür.» Ein Jahr später wurde Dachau befreit. Der Entkommene rettete die mit chiffrierten und verkürzten Aufzeichnungen bedeckten Zettel, alte Zeitungen, Tabellen, Pack- und Klopapier und verbrachte ein weiteres Jahr damit, sie zu überarbeiten. Seine deutsche Frau hat sie übersetzt.
Nico Rost war ein aufrechter, engagierter Mann. Er arbeitete als Reporter und als Kulturkorrespondent in Berlin, kämpfte in Spanien, übersetzte Döblin, Joseph Roth, Fallada, Feuchtwanger, Kisch und war bekannt mit Brecht, Musil, Toller, Lasker-Schüler, sogar Kafka: Er war ein unbeugsamer Liebhaber der Deutschen und ein Sozialist, dessen lauterer Humanismus nachträglich dadurch beglaubigt wurde, dass er aus der DDR, wo er später arbeitete, buchstäblich hinausgeworfen wurde. Eben jenes KZ-Tagebuch hatte die Zensoren und Schnüffler auf den Plan gerufen; seit 1950 war «Goethe in Dachau» nicht mehr zu lesen. Aus den Klagen des Häftlings über polnische Kapos hatte man «Tendenzen gegen das polnische Volk» herausgelesen, aus seinen Sympathien für Sozialdemokraten und Katholiken (Dachau war Sammellager für Geistliche) Rechtsabweichlertum. Allein um der Dokumentation dieser Affäre willen ist die Neuausgabe auf erschütternde Weise interessant. Was bedeutet Goethe in Dachau, auf der Bank vor der Totenkammer, zwischen Appell, Malaria-Versuchen, Erschiessungskommandos, Tod und wieder Tod? Was teilen sie mit, die Notate aus dem privilegierten Kreis der Hölle, der «Idylle» des Krankenreviers? «So lange bin ich hier vorläufig in Sicherheit, kann sogar lesen und . . . schreiben!»
Der «verrückte Holländer, der Bücher verschlingt und Papier frisst», ergattert Schriften aus der Lagerbibliothek, Bücher von Lebenden und Toten, befragt gebildete Mithäftlinge. Ob Goethe, Rilke oder Grillparzer, «Goethe in Dachau» ist das Programm einer Distanzierung ebenso wie das Symptom einer Abspaltung. Mittels disziplinierter Exerzitien mobilisierte Rost geistige Abwehrkräfte gegen die Präsenz des Grauens und der Todesangst: «Wer vom Essen spricht, bekommt stets den grösseren Hunger. Und diejenigen, die am meisten vom Tode sprachen, starben zuerst. Vitamin L (Literatur) und Z (Zukunft) scheinen mir die beste Zusatzverpflegung.» Goethe ist die Chiffre nackten Lebenswillens. «Mir fest vorgenommen, nach meiner Rückkehr nochmals Jean Pauls Siebenkäs zu lesen» «all diese Bücher später zu lesen Rückkehr! Später!» Interpunktionszeichen der Hoffnung zwischen den regelmässigen Meldungen an den Blockschreiber: «Heute 200», «heute 198», «heute, bis jetzt, 136 Tote.»
Der Gefangene zwingt sich zum Lesen. Nur solange der Widerspruch zwischen Goethe und Dachau aufrechterhalten wird, kann er aus dem einen Widerstandskraft gegen das andere gewinnen. Die Literatur als blosses Mittel, nicht den Verstand zu verlieren, soll den Todesalltag zurückdrängen. Aus diesem Grund erfährt man wenig über «Goethe» und meist nur Indirektes über das Lager. Rosts Gedanken lesen sich als rohe, intellektuell ausgesprochen bescheidene Kommentare. Hölderlin wird zum Jakobiner erklärt, Schlegels «Lucinde» als «rein persönliches Dokument» charakterisiert, und die Lektüre des «Wilhelm Meister» gipfelt in der Erkenntnis, dass dessen wichtigstes Problem das Verhältnis des Menschen zur Gesellschaft sei.
Literatur als Widerstand eben. Bewusst wird der Geist auf seine rettende Funktion zugespitzt. Während einer Flecktyphusepidemie geben Goethe und Dante mehr Halt als der irritierende Strindberg, der hemmungslose Jean Paul oder der tief bohrende Dostojewski, und Stendhals geniale Sachlichkeit «bietet ein Gegengewicht zur hiesigen Hölle». Ihr hält Rost, um nicht zu versteinern, seinen verzweifelten Idealismus entgegen wie ein verrostetes Schild. Dass es den, der es trug, vor dem Wahnsinn, ja dem physischen Tod bewahrt hat, diese Botschaft hat wohl Nico Rosts Überarbeitung seines ertrotzten Tagebuchs geleitet. Uns bleibt nur, die Reflexe des Entsetzlichen anzuschauen, die in diesem Schild sichtbar werden, und darin das Ganze des Grauens zu erahnen.
Dorothea Dieckmann -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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