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Die "Canaille Mensch",
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Goebbels und die Juden. (Taschenbuch)
Über keine andere nationalsozialistische Führungsfigur liegen - mit Ausnahme Hitlers - so viele Biographien vor wie über Joseph Goebbels, den Berliner Gauleiter, späteren Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda und Chef der Reichskulturkammer. Der promovierte Germanist mit dem Klumpfuß inszenierte den „Führerkult" und schürte noch im Angesicht der Niederlage mit Haßtiraden gegen die „bolschewistischen Horden" einen Antikommunismus, der über das Kriegsende hinaus fortwirkte. Daß Christian T. Barth in seiner Dissertation ausgerechnet die „Erscheinungsformen, Entwicklungsstufen und Einflußfaktoren" von Goebbels' Antisemitismus untersucht, erstaunt, ist doch gerade dieser Aspekt in der biographischen Literatur erschöpfend abgehandelt. Auch die Goebbelschen Tagebücher, auf die Barth sich maßgeblich stützt, sind eine hinlänglich erforschte Quelle. So räumt Barth bereits im zweiten Absatz der Einleitung gewunden ein, daß die „Untersuchung von Judenfeindschaft in den Bezügen zu ihren Betreibern nicht unbedingt bedeutsam neues Licht auf die ereignisgeschichtlichen Sachverhalte" wirft. Die vulgären Attacken, die Goebbels seit Ende der zwanziger Jahre auf jüdische Repräsentanten in Kultur und Politik ritt, um die NSDAP in Berlin als radikale politische Kraft zu profilieren, sind ebenso bekannt wie seine Rolle beim reichsweiten Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 und dem Novemberpogrom von 1938. In öffentlichen Äußerungen und in seinen Tagebucheinträgen sprach er sich bereits früh für radikale Lösungen der „Judenfrage" aus, doch am Entscheidungsprozeß in den „schicksalhaften Monaten" (Browning) vom Sommer 1941 bis zum Frühjahr 1942, in denen die Ermordung der europäischen Juden eingeleitet wurde, war Goebbels nicht beteiligt. Erst mit dem Niedergang des „Dritten Reichs" stieg sein Stern in der nationalsozialistischen Führungsriege wieder. In der Propaganda für den „totalen Krieg" kehrte er zum penetranten Antisemitismus und Antibolschewismus aus der „Kampfzeit" zurück, mit dem er zugleich die heterogene Antihitlerkoaltion zu spalten versuchte. Über die Rekapitulation dieser Tatsachen gelangt Barth kaum hinaus. Der Vergleich mit den antisemitischen Movens anderer NS-Größen fällt knapp aus, und die Feststellung, daß Goebbels' Judenhaß nicht in einem manichäischen Rassismus, sondern in „nationalistisch-sozialistischen Überzeugungen" gründete, wird sogleich relativiert. Statt Goebbels hätte Barth sich besser einer anderen Person aus dem nationalsozialistischen Führungskorps zugewandt. Wissenschaftlich fundierte Biographien von Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich stehen immer noch aus.
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