Diese rororo-Monographie einigermaßen objektiv zu beurteilen, ist alles andere als einfach. Denn es gibt wohl nur wenige historische Personen, die so umstritten sind und von denen so viele Selbstzeugnisse vorliegen. Wie soll man sich Joseph Goebbels nähern? Wie sind seine an die dreißig Bände umfassenden Tagebücher einzuordnen? Wie stark soll die psychologische Gewichtung ausfallen? Und wie soll zwischen historischen und individuellen Prägungen unterschieden werden? Der Historiker, Politologe und Germanist Jörg von Bilavsky musste auf all diese Fragen tragende Antworten finden und sich durch eine Sekundärliteratur durchlesen, die kaum zu überblicken ist. Es wäre daher ein Leichtes, dem Autor einseitige Betrachtungsweisen, Unterlassungssünden oder mangelnde Objektivität vorzuwerfen. Ich habe mich für die Höchstbewertung entschieden, weil ich nach gut 140 Seiten das Gefühl hatte, Jörg von Bilavsky habe vom Propagandaminister Hitlers ein Bild entworfen, das bestehende Vorstellungen ebenso bestätigt wie korrigiert. Und wie schwierig diese Aufgabe ist, zeigen auch die Einschätzungen anderer Autoren am Schluss des Buches.
Fest steht, dass Goebbels in Hitler eine Erlöserfigur sah, der er bedingungslos folgte. Der kleinwüchsige, vom Leben enttäuschte und gehbehinderte Goebbels fand in der Identifikation mit dem Nationalsozialismus und Adolf Hitler eine Möglichkeit, Bedeutung und Macht zu erlangen. Daher ist diese Monographie auch ein Lehrstück, wohin die Kombination von Verzweiflung und Ehrgeiz führen kann, wenn die Aufarbeitung persönlicher Schwächen ausbleibt. Aber Jörg von Bilavsky entwirft in seinem Buch mehr als das Psychogramm gekränkter und verletzter Seelen. Durch geschicktes Verweben mit historischen Gegebenheiten und Vorgängen zeigt der Biograph auf, wie komplex die Frage nach der Schuld ist. Denn wie zum Beispiel das Kapitel "Über mir und den Frauen hängt ein Fluch - der Verführer" zeigt, braucht es zur Ausübung von Macht auch immer Menschen, die sich von der Macht angezogen fühlen.
Aufschlussreich fand ich auch, wie Jörg von Bilavsky mit dem Mythos umgeht, Goebbels habe die politische Propaganda erfunden oder zumindest so perfektioniert, dass sie nicht zu übertreffen sei. Wie so oft in der Geschichte, spielte auch bei Joseph Goebbels der Zufall eine Rolle. Und nicht alles, was wir heute als konzeptionelle Meisterleistung betrachten, war geplant. Da Goebbels um jeden Preis bewundert und als Vorbild erkannt werden wollte, musste er sich hinter seiner aufpolierten Fassade verbergen, intrigieren, unangenehme Allianzen schmieden, Liebe vorheucheln, die Seiten wechseln und natürlich seine wahren Ziele verbergen. Von all diesen Strategien, mit inneren Widersprüchen fertig zu werden, ist in diesem Buch die Rede. So wie Hitler als Kunstmaler gescheitert war, scheiterte Goebbels als Schriftsteller und Journalist. Und die fehlende öffentliche Anerkennung war für Goebbels offenbar so existentiell, dass der tief Verunsicherte die Möglichkeiten gar nicht ausschlagen konnte, die ihm Hitler 1926 bot, als er ihn Gauleiter nach Berlin berief.
Ein Buch über Goebbels handelt zwangsläufig auch von Mitläufern, Opportunisten und Profiteuren. Und weil sich politische Propaganda aller Mittel bedient, muss Jörg von Bilavsky von den Künstlern und ihren Eitelkeiten sprechen. Als Kulturmanager war Goebbels ebenso Schutzpatron wie Häscher. Doch nicht jeder Kulturschaffende wurde zum Mitmachen gezwungen. Zumindest nicht in den ersten Jahren des nationalsozialistischen Machtapparates.
Mein Fazit: Wie es das Konzept dieser erfolgreichen Monographien vorsieht, webt der Autor ein Bild aus Zitaten, Erläuterungen, historischen Fakten, Dokumenten, Illustrationen und Abbildungen. Und auch bei diesem Band gibt es am Schluss Anmerkungen, Zeittafel, Zeugnisse, Bibliographie, Namensregister und Quellennachweise. Jörg von Bilavsky hat meines Erachtens die schwierige Aufgabe, aus der fast unübersehbaren Materialfülle eine stimmige Biographie zu verfassen, hervorragend gelöst.