Vorweg: die Kritik vieler an die deutsche (synchronisierte) Fassung kann ich nachvollziehen, ist aber bei meiner Bewertung nicht berücksichtigt bzw. ausschlaggebend.
Die erweiterte Blu-ray-Fassung ist hervorragend!!!
Die neue ca. Viereinhalbstundenversion vertieft nicht nur das eigentliche Kriegsgeschehen. Auch die filmische Umsetzung als Drama kommt besser zu Geltung.
War die DVD-Version mehr geschichtsorientierte Spielfilmdoku, werden hier mit etlichen Szenen gänzlich neue Handlungsfäden gesponnen. Da ist z.B. der Theaterschauspieler und Lincolnattentäter Booth und dessen Kollege Henry T. Harrison, der in "Gettysburg" schon seinen Auftritt als Spitzel an der Seite von General Longstreet hatte. Jetzt erst, ergibt die (Spitzel)Charaktere in "Gettysburg" Sinn. Und die dramaturgische Verflechtung des zukünftigen Präsidentenattentäters für den hoffentlich erscheinenden dritten und letzten Teil (THE LAST FULL MEASURE) bietet spannende Serienatmosphäre im Gewande eines Cliffhanger. Sie verinnerlicht (zwar nicht gerade geschichtlich Korrekt) die Zerwürfnisse der seelischen Konflikte des zukünftigen Mörders, der dann in Teil 3 seinen großen Auftritt haben wird.
Folglich bieten die ausgedehnte, hier vorliegende Extended-Fassung, eine wirklichen Querschnitt div. Ideologien (abseits der neu gezeigten Schlacht Antietam/Sharpsburg), um die Handlungen der Kriegsparteien (die sich hier durch div. Charakteren äußert) "objektiver" zu verstehen. "Falsch" und "Richtig", Sinn und Irrsinn, wechseln so im blutigen Geschichtsverlauf, aus heutiger Sicht, die Seiten; decken so beim Zuschauer die Fatalität des Krieges auf. Schuld und Nichtschuld sind zur Sinnlosigkeit verdammt und lassen nur die Äußerung des sterbenden Jackson zu, der den Krieg als Geißel brandmarkt.
Der rein amerik. Film und dessen Umsetzung fasziniert mich total. Entfaltet aber seine ganze Kraft nur im Original(!), mit dem zum Teil kautzigen Südstaatenslang und dem rezitierten Shakespeare-Zitaten. Jeff Daniels oft verwendetes "ähh" als Rhetorikprofessor Chamberlain, Duvalls underacting mit seiner zuweilen sprachlosigen Schüchternheit, die sich einer vehement disziplinierten Sturheit im Ich des General Lees entgegenstellt, sowie das unerschütterliche, mit alttestamentarischer Religiosität durchzogene Schauspiel des Stephen Lang (in "Avatar" Colonel Quaritch u. in "Gettysburg" General Pickett) als "Stonewall", erreicht in der Synchronfassung in keinem Augenblick des Films die Würze gegenüber dem Original. Zwar bin ich ein großer Fan der deutschen Übersetzungsarbeit (dazu hab' ich schon div. Rezis zum Besten gegeben), rate aber jedem, auch der sich des Amerikanischen kaum mächtig ist, dieses Filmbollwerk, evtl. mit deutschen Untertiteln zur Stütze, anzusehen.
Die verdeutsche Fassung lässt herablassendes Kopfschütteln und einhergehendes Schmunzeln zu, bzw. lädt den ein oder anderen Seher mit Amerikavorbehalt zu Magenverstimmungen ein, denn die inbrünstigen Textpassagen, der meist religiösen Südstaatler, erscheinen uns "weltlichen" Europäern mehr als fremdartig; im Sinne von schwülstig. Das alles hat dann mehr den Charme eines kitschigen US-Heimatfilmes.
Diese Verständnislosigkeit ändert sich aber im Original allein schon durch den Klang, durch die "Melodie" der Stimmen, mit ihren facettenreichen Färbungen in den jeweiligen Stimmungslagen (zur Veranschaulichung: Szene des "Stonewall" Jackson mit Kind am Weihnachtsbaum; überbrachte Nachricht in Lees Zelt von nahenden Tod Jacksons; Jacksons Ansprache von Pferd an die 1st Brigade; Lees fabulieren vom Pferderücken mit Blick ins Tal über den Begriff Heimat; Chamberlains Erläuterung zu Lincolns Proklamation der "Sklavenfrage" an dessen Bruder). Bietet so also die amerik. Version unverfälschtes, geniales Schauspielkino vom Feinsten (welches in der deutschen Übersetzung platt und abgedroschen daherkommt) und unterstreicht so die geschickte Auswahl an einzigartigen Schauspielern. Dazu sei noch die hier hervorragende Arbeit der Drehbuchschreiber erwähnt, die die Rollen den Hauptakteuren regelrecht auf dem Leib brannten.
5 MEGASTERNE und großes DANK an die Verantwortlichen, für diese Lehrstunde(n) in Geschichte und Schauspielkunst.