Anfangs hatte die New Yorker Band Aventura ein klares Zielpublikum: eine Million dominikanischer Landsleute in jener amerikanischen Metropole, weitere drei Millionen Newyoricans (New Yorker puertorikanischer Abstammung), sowie ferner die Menschen auf den alten Heimatinseln: Santo Domingo und Puerto Rico. Dass sie aber zunächst in der High School als „Los Teenagers" auftraten, zeigte schon, dass sie sich dem gewaltigen Sog des Melting Pots nicht entziehen konnten. Nun ja, in der Bronx kriegt man wenig Folk oder Hard Rock zu hören, dafür aber jede Menge R&B oder Hip Hop. Diese Einflüsse waren einfach da, in ihren Köpfen, in ihrer musikalischen Wahrnehmung, in ihrem Geschmack. Aber Anthony Santos -Sänger, Leader und Komponist aller Songs- schrieb Bachatas, und Aventura spielte Bachatas. Das machte die ersten zwei Platten (Next Generation / We Broke The Rules) so kraftvoll. Es war wie der Winzer-Sohn, der in der Stadt Agrarwissenschaft studiert hat und nun die uralten Reben des Vaters mit seiner neuen Sichtweite weiterpflegt. Bei den Alben drei (Love & Hate) und vier (God's Project) von Aventura sieht es aber eher so aus, als würde der Winzer-Sohn die Reben genetisch manipulieren, um mehr Wein zu verkaufen. Jetzt vermischen sie mit der Bachata alles, was das Zeug hält. Das Ganze wächst zum Teil ins Kakophonische hinein. Wahrscheinlich erleben sie gerade eine Phase von Post-Psychedelic-Pre-Acid-Bachata. Es ist jedenfalls zum Heulen wie die in manchen Songs heulen.
Aber das können sie sich sogar leisten, denn sie sind Markenware geworden. Der Erfolg, der zunächst auf die Zielgruppe eingeschränkt war, schwappte mit 2jähriger Verspätung zu nicht weinigen amerikanischen Anglos rüber, sowie über Spanien -wo eine halbe Million dominikanischer Immigranten lebt- nach Europa. Sogar in Russland fanden sie Fans. Im dominikanischen Mutterland ergeben Umfragen, dass sie die derzeit bekanntesten Bachata-Performer sind, und das mit über 80% der Stimmen!
Bachata war bis Ende der 80er Jahren nur „Musik zum Bügeln", Musik für einfache Hausfrauen und Hauspersonal. Es ging immer um „Liebeskummer" („wie so hast Du mich vergessen?") und „Liebesversprechen" („ich werde Dir neue Schuhe kaufen"), und schlimmeres noch. Dabei gab es nur ein wichtiges Instrument: die Gitarre, die für immer kehrende Harmonien sorgte. Das war ein extremer Kontrast zur Volks- oder Nationalmusik Merengue, wo die rhythmischen Instrumente wie die Tambora dominant und die Texte vorwiegend Schmäh sind („kauf dir einen Hund, der auf deine Frau aufpasst".) Erst Juan Luis Guerra brachte eine Orchestrierung in die Bachata mit dem Megaseller-LP „Bachata Rosa" 1990. Heute, nachdem die Salsa mit dem künstlerischen Ableben der exilkubanischen Musiker und ihrer direkten puertorikanischen Schüler beinahe trocken ist, und nachdem das einspringende Merengue Syntheziser-beschleunigt seine musikalische Wachstumsgrenze schnell erreicht hat, hat die Bachata einen Platz auf dem Markt sicher. Und da ist es egal wie die vier Aventureros die Bachata verunstalten, sie werden muchos pesos verdienen.