Das Phänomen OFWGKTA (Odd Future Wolf Gang Kill Them All) ist tatsächlich eine lange Zeit an mir vorbeigegangen. An dem überwältigenden Kritikerlob für "Goblin" allerdings führte selbst für mich kein Weg vorbei, und so landete "Goblin" schließlich auf meinem Schreibtisch.
Tyler, The Creator, der führende Kopf hinter OFWGKTA, liefert mit seinem ersten richtigen Tonträger ein Solodebut ab, das finsterer, verrückter und verstörender kaum sein könnte. Was den Hörer hier erwartet ist kein Horrorcore, kein sinnfreies aneinanderreihen pubertärer Gewaltphantasien. "Goblin" geht tiefer. Die schleppenden, trägen, über weite Strecken anstrengenden und fast ausnahmslos selbst produzierten Beats begleiten Tyler, The Creator bei seinen verbalen Ausflügen in die tiefsten Abgründe der menschlichen Psyche. Ggenaugenommen in die Abgründe eines frustrierten Teenagers: Liebeslieder voller frauenverachtender Schimpfworte, das gestörte Verhältnis zum eigenen Vater, Hass auf die Schule und überhaupt alles. Die tiefe Stimme des Rappers erzählt Geschichten, die gleichzeitig weit entfernt und erschreckend greifbar sind. Politisch inkorrekt, bizarr und scheißwütend.
In Zeiten, in denen Hiphop dominiert wird von Künstlern, die weit jenseits des 30sten Lebensjahres immer noch nicht müde sind, mit Geld zu prahlen, Designeranzüge und Goldschmuck zur Schau zu stellen, scheint der 19jährige Skater-Rapper den Zahn der Zeit zu treffen. Wie der mittlerweile zum erwachsenen Familienvater gereifte Eminem seinerzeit, platzt auch Tyler, The Creator stinkwütend mit allem heraus, was ihm gerade durch den Kopf geht und stellt alles auf den Kopf. "Goblin" ist kein Horrorcore-Album, "Goblin" ist kein Hipster-Album, "Goblin" ist auch kein Conscious-Album und erst Recht kein Gangster-Album. "Goblin" ist ein schleppender, hypnotischer, düsterer musikalischer Radikalschlag und definitiv eines der interessantesten Hiphop-Alben 2011.
Und das trotz oder gerade wegen dem Ausbleiben großer Namen: Tyler, The Creator verzichtet auf namhafte Gäste. Gastauftritte haben ausschließlich die Mitglieder seiner Odd Future Wolf Gang, die Beats sind fast alle selbst produziert, lediglich Crewmitglied Left Brain steuerte einen Beat bei. Die Formel geht auf: "Goblin" ist eigenwillig und selbstständig. Es gehört zu diesen Alben, mit denen man sich selbst dann beschäftigen sollte, wenn man sie eigentlich garnicht mag. Vielleicht soll man das garnicht mögen. Aber man sollte es unbedingt gehört haben. Uneingeschränkte Kaufempfehlung.