Stell dir vor, dein Telefon klingelt...dran ist dein bester Freund, zu dem du allerdings seit ein paar Jahren keinen Kontakt mehr hast. Er hat Todesangst und du realisierst, dass er gerade ermordet wird. Das Letzte, was er seinen Mördern sagt, ist deine Adresse. Deine Kinder spielen unschuldig im Garten und dein Verstand, der noch gar nicht glauben mag, was er da gerade gehört hat, beginnt auf Hochtouren zu laufen. Du schnappst dir die Kinder, bringst sie zur ungeliebten Schwiegermutter und beginnst, deine Frau zu suchen. Sie ist nicht zu erreichen und als du ihren Arbeitsplatz erreichst, findest du Blut auf dem Boden. Dann wirst du von einem Maskierten angegriffen, anschließend verhaftet und wieder freigelassen und dann entführt. Du hast deine Frau immer noch nicht gefunden und hast nicht den Schimmer einer Ahnung, was hier eigentlich los ist. Die Entführer wollen etwas von dir, nur leider weißt du nicht, was. Aber deine Frau soll es angeblich wissen. Du musst sie finden, wenn sie nicht schon tot ist. Und du musst sehen, dass du selber mit dem Leben davonkommst, da dir ein paar skrupellose Killer im Nacken sitzen. Und dabei wolltest du doch eigentlich nur einen entspannten Samstagnachmittag mit deinen Kindern im Garten verbringen, anstatt entführt, zusammengeschlagen, mit Pistolen und Messern attackiert oder verbrannt zu werden. Und dies hier waren nur die ersten paar Stunden der 24stündigen brutalen, perfiden und unfasslichen Tour de Force von Tom Meron, seines Zeichens britischer IT-Fuzzi ohne besondere Kennzeichen und unfreiwillig Gejagter.
Simon Kernick, der schon ein recht bewegtes 45jähriges Leben hinter sich hat, hat erst recht spät zum Schreiben gefunden. Der Londoner war nach dem Abitur unter anderem als Straßebauer, Barmann und Lagerist tätig. Dann unternahm er eine mehrjährige Weltreise und machte anschließend seinen Abschluss in Geisteswissenschaften an der Uni von Brighton. Aber erst 2002 wurde sein erster Roman veröffentlicht, seitdem schreibt er jährlich einen. "Gnadenlos" ist somit sein fünfter Roman, insgesamt wurden sechs seiner Werke ins Deutsche übersetzt. "Gnadenlos" ist mein erster Eindruck von Simon Kernick und es ist nicht der Schlechteste.
Der Einstieg in "Gnadelos" gelingt Kernick hevorragend, es dauert keine zwei Seiten, schon ist man mittendrin in der sich anbahnenden Katastrophe, die Tom Meron gänzlich unvorbereitet heimsucht. Und von da an geht es eigentlich fast ausnahmslos in gleichem Tempo weiter. Kernick hetzt Meron so kompromisslos durch seine Story, dass dem Leser kaum Zeit zum Luftholen bleibt. Natürlich sind die auf dem Cover abgedruckten Schlagzeilen wie "Sie werden sich vor Spannung sämtliche Fingernägel abbeißen" und "Man sollte eine Taschenlampe einschalten, bevor man sich in Kernicks finstere Welt wagt" gnadenlos (ha ha) übertrieben, aber spannend ist das Ganze allemal.
Kernick unterteilt seine Geschichte in zahlreiche kurze Kapitel, die er oftmals mit einem Cliffhanger abzurunden versucht, um einen dann mit dem parallel zu Tom Merons Flucht verlaufenden Handlungsstrang um Sonderermittler Mike Bolt auf die Folter zu spannen. Natürlich ist der zweite Handlungsverlauf ebenso interessant, da Bolts Ermittlungen natürlich in engem Zusammenhang mit Merons Schicksal stehen, aber so kann Kernick natürlich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Auch die unterschiedlichen Erzählperspektiven (Meron spricht in der Ich-Form, über Bolt und seine Ermittlungen wird durch den Autor berichtet) sorgen für Abwechslung und perfekte Identifikation mit dem gerade Geschehenden. Übrigens Identifikation: diese ist durch die Figur Tom Merons, eines Durchschnittstyps par exellence, bestens gegeben. So unvermittelt und grausam, wie das Schicksal über ihn hereinbricht, bietet einem dieser "Normalo" eine wunderbare Projektionsfläche der eigenen Ängste, die sich beim Lesen seiner Geschichte durchaus ab und an einstellen.
Womit wir auch schon zu den zwei kleinen Kritikpunkten von Kernicks Roman kommen: Die ganze Geschichte wirkt letztendlich doch recht unglaubwürdig und maßlos übertrieben. Das, was Tom Meron in nur 24 Stunden alles erlebt und ertragen muss und welche Verstrickungen und Dimensionen sich aus dem ganzen Dilemma entwickeln, kann so natürlich niemandem, besonders keinem unbescholtenen Durchschnittstypen, passieren. Die Haken, die Kernick hier schlägt, sind oftmals übertrieben, unglaubwürdig, unlogisch und arg konstruiert. Soviel Glück im Unglück, so viele Kugeln, die ihr Ziel verfehlen, so viele Zufälle und rasend schnelle Ermittlungserfolge erscheinen natürlich kaum nachvollziehbar. Darüber hinaus bedient sich Kernick immer mal wieder einer Sprache, die so überhaupt nicht zum recht schnörkellosen Stil des Buches passen will. Worte wie "enigmatisch", "inkriminieren" oder "indigniert" wirken wie ein Abiturient in der Grundschule, so, als wolle der Autor beweisen, dass er trotz simpler Schreibe mehr auf dem Kasten hat und durchaus in der Lage ist, Fremdwörter anzuwenden. Das kann man jetzt Unbeholfenheit oder Arroganz nennen, jedenfalls passen diese stilistischen Irritationen nicht zum Rest des Romans.
Das wäre dann aber auch schon alles, was man Kernick vorwerfen kann. Erstaunlich ist sogar, dass seine Geschichte trotz aller Übertreibungen und Logiklöcher konstant spannend und unterhaltsam ist. Die Story verdichtet sich zunehmend, auch wenn schlussendlich nicht jeder kleine Handlungsstrang zu Ende geführt wird. Man legt das Buch wirklich nur ungern aus der Hand, auch wenn dem Autor gen Ende mehr als einmal die Pferde durchgehen und er mehr oder weniger erfolgreich versucht, noch die intellektuelle Kurve zu kriegen. Klappt nicht immer, macht aber nix. "Gnadenlos" ist somit ein wirklich spannender, kurzweiliger und rasant geschriebener britischer Krimi, der es mit Logik und Realitätsnähe zwar manchmal nicht ganz so genau nimmt, dafür aber über 400 Seiten lang Adrenalin durch des Lesers Adern pumpt. Somit wohlwollende vier von fünf unheimlichen Telefonanrufen, die einem die Hölle auf Erden bereiten könnten.