Wer sich auf Toni Morisson einlässt, sollte wissen, was auf ihn zukommt. Die Autorin hat 1993 den Nobelpreis für ihr Gesamtwerk erhalten und 1988 den Pulitzerpreis für ihr Buch "
Menschenkind. Roman", durch das sie vor allem bekannt wurde und von dem die amerikanische Presse behauptet, der Beste Roman der letzten 25 Jahre zu sein.
Die Autorin scheint sich am Thema Sklaverei abzuarbeiten, was schon Thema vom Menschenkind war.(Genauso wie es eine Herta Müller tut, wenn sie "innere Beschädigungen" aufarbeitet). Für mich sind es eigentlich zwei Bereiche, mit denen wir als Leser konfrontiert werden. Der Inhalt ist ungemütlich, wir werden mit einem Stück amerikanischer Geschichte konfrontiert, das wir so in Europa gar nicht kennen.
In diesem Inhalt, geht es um Menschenwürde, um Werte, Schmerz, Erinnerung, Verdrängung, Würdelosigkeit, Grausamkeit, Recht und Unrecht, Gerechtigkeit, darum wie sich die Menschen in all diesem Sammelsurium von menschlichen Dramen und Leideserfahrungen erleben und was es aus es aus ihnen und ihrem Leben macht. Geister treten in Erscheinung und werden auf unscheinbare Art und Weise aktiv. In der Literatur einer Toni Morisson, stehen sich Kontrolle seitens der Menschen, und die Unkontrollierbarkeit, seitens von Geistern, Begebenheiten, und Lebensumständen gegenüber, ein Klimaterium einer inneren Welt, die das Zentrum dieser Autorin ausmacht und den Leser bis an seine Grenzen zu fordern vermag.
Zum Anderen ist es die Sprache. Sie ist anspruchsvoll, manchmal poetisch, tiefsinnig, surreal, düster, unheimlich, ("Jacob Vaark stieg aus dem Grab, um sein mächtiges Haus zu besuchen") grausam, verwirrend, eigenartig, undurchsichtig, rätselhaft. Sie verwendet u.a. portugisische Ausdrücke wie "minha mae" (Meine Mutter), arbeitet mir Rückblenden, Zeitsprüngen, arbeitet mit verschiedenen Zeitebenen, Erzählperspektiven, so dass man als Leser der Gefahr ausgesetzt ist, schlicht hinwegzulesen, auch wenn wir uns dabei längst dem tieferen Verständnis einer Toni Morisson entfernen.
(Nebenbei sei erwähnt, dass ich persönlich letztes Jahr bei einem Aufenthalt in Amerika, mit der schwierigen Thematik von Schwarz und Weiss dort konfrontiert wurde, was mich sehr betroffen gemacht hat. Wir Europäer haben keine Ahnung, welche Wirkung beider Welten noch bis heute in den Menschen sich tut und noch immer vorhanden ist, auch wenn die Sklaverei längst abgeschafft ist, ist sie in den Menschen noch längst nicht vergessen. Toni Morisson arbeitet hier etwas auf, das an Aktualität aus meiner Sicht nichts verloren hat, im Gegenteil.)
Schnelllesern, dürfte man spätestens hier abraten. Toni Morisson ist etwas für geduldige und anspruchsvolle Leser, die sich zu langsamen lesen nicht zu schade sind, bis hin zum zweimaligen Lesen, die Ahnung das ein zweites Lesen, manche Unklarheit zu mehr "Durchsicht" verhelfen könnte, ist nicht ganz von der Hand zu weisen.
Eine Story die im Jahr 1682 angesiedelt ist, der Farmer Jacob Vaark nimmt eine junge Schwarze (Florence) in Zahlung. Er stirbt, und hinterlässt eine gewisse Menschlichkeit. "Dass sie und Jacob sich einst über solche Dinge austauschen konnten und beraten konnten, machte seinen Verlust vollends unerträglich. Er war, in welcher Laune oder Verfassung auch immer, ein Gefährte im wahren Sinn des Wortes gewesen." Gemeint ist Rebekka, einer gekauften Frau aus England, die hier ihr Leben nach deren Verlust reflektiert.
Daneben sind noch Lina eine indianische Dienerin, und Sorrow ein krankes Waisenkind, sowie eine namenlosen Gutsherrin. Im Kontext vor allem dieser Frauen, entwickelt Morisson, eine Geschichte, um Schwangerschaften, Konkurrenz, Krankheiten, Ungerechtigkeiten, von Verlusten, Kinderverlusten, verlorenen Kindern, um das Ringen nach Leben, angesichts der Versklavung, und dessen mitgebrachter Würdelosigkeit. Ein Überlebenskampf auf einer amerikanischen Farm in der damaligen Zeit und den damaligen Bedingungen, unter all diesen Frauen. Wir bekommen einen Einblick, in verschiedene Lebenswege, bis dahin, auf welchem Weg, das Leben diese Frauen zusammengebracht hat.
Im Grunde lesen wir einen Frauenroman, der sich mit der Ungerechtigkeit der Menschlichkeit gegenüber verschreibt, aber auch dem Weiblichen, das vom Männlichen ausgenutzt oder missbraucht wurde. Eine innere Suche, zu inneren Werten, über Generationen, über unsere Mutter, Muttersein, wo die Vergangenheit wie ein Nachhall in die Gegenwart zu wirken scheint und damit die Menschen heute darin irgendwie umzugehen haben.
Eine Lektüre für anspruchsvolle Leser, einem Thema gewidmet, dass sich alle Mal für eine ernsthafte Beschäftigung mit einem Stück amerikanischer Geschichte lohnt, und dem was Menschen auch nach Jahren ihrer Befreiung noch immer in ihrer Seele zu beschäftigen und nicht loszulassen scheint, Toni Morisson scheint eine davon zu sein, gut das es sie gibt, gut das sie darüber schreibt, gut das ausgedrückt wird, was schwarze Menschen auch nach all den Jahren ihrer Anerkennung immer noch umtreibt, ist eine Stück kostbare Literatur, die es verdient hat gelesen zu werden, Kompliment an Toni Morrison...
Zitat aus dem Vorwort zu Menschenkind:
"Wer die seelische Innenansicht der Versklavung in Worte fassen will, darf die Grenzen der Sprache nicht achten."