Glucks französische Version von Orphée et Eurydice ist seltsamerweise nicht so oft auf CD (oder gar auf der Bühne) auffindbar. Man findet eher Mischfassungen mit allen möglichen Transpositionen. Grund dafür ist wohl die Hauptrolle mit ihrer mörderischen Höhe. Léopold Simoneau sang sie stilsicher aber transponiert und ohne die Bravour-Arie im ersten Akt. Nicolai Gedda in der Originaltonart aber unerträglich affektiert.
Juan Diego Flórez ist den Herausforderungen der Partie völlig gewachsen und singt ein hervorragendes Französich. Nicht nur, was die Aussprache betrifft, sondern auch in bezug auf die Diktion und den Vortrag. Sogar seine leicht nasale Tongebung erinnert an die großen französischen "ténors légers" von einst. Die Koloraturen der Bravourarie meistert er problemlos, aber auch die Kantilenen im zweiten Akt und die Rezitative singt er stilsicher. Nicht zu reden von "J'ai perdu mon Eurydice", wo er den Schmerz mit der in der französichen Oper erforderten Eleganz beeindruckend ausdrückt.
Das kann man leider nicht von seiner Eurydice, Ainhoa Armendia, behaupten, obwohl sie sich nach der Arie "Cet asile aimable et tranquille" deutlich verbessert. Die Duettszene im dritten Akt ist aber zwischen einem teilweise provinziell klingenden Sopran und Orpheus selber unausgewogen.
Alessandra Martinelli ist aber ein überzeugender Liebesgott, auch wenn ihre Aussprache nicht so perfekt ist wie Flórez'. Dies wird durch ihren stilvollen Vortrag wettgemacht.
Das Orchester unter der Leitung von Jesús López-Cobos ist schlank und farbenreich, präzis in der Intonation. Das symphonische Orchester Madrids kann sich mit den besten "HIP"-Ensemblen messen. In "Quel nouveau ciel" malt es eines der schönsten atmosphärischen Bilder Glucks, in "J'ai perdu mon Eurydice" atmet es mit dem Sänger. Es braucht einen Teil des ersten Akts, um sich warm zu spielen und ganz am Drama beteiligt zu sein, aber es ist halt eine Live-Aufnahme.
Leider sind von den sieben Nummern des Ballet Final nur drei vorhanden. Sie werden so überzeugend dargeboten, daß der Verlust umso schmerzlicher ist.
Alles in allem eine sehr empfehlenswerte Aufnahme. So möchte man öfter (mit der Ausnahme der Eurydice) französische Barockoper hören. Die erwähnten Negativpunkte reichen nicht aus, um den fünften Stern zu verweigern.
Ich frage mich allerdings, ob Frau Pieschacón Raphael dieselben CDs gehört hat als ich.