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Trotz Glucks großer historischer Bedeutung ist die Musikgeschichte in der Folge etwas über ihn hinweg gegangen, denn was Mozart wenige Jahrzehnte später vor allem in seinen deutschen Singspielen an Neuem zu bieten hatte, war noch weitaus revolutionärer und außergewöhnlicher; immerhin behielt Gluck trotz aller Innovation in seinen Opern stets die traditionellen antiken Inhalte bei. Auch sein 1779 mit großem Erfolg in Paris aufgeführtes Spätwerk Iphigénie en Tauride bedient sich eines Stoffs aus der griechischen Mythologie: Es geht darin um die schicksalhaft getrennten Geschwister Iphigenie und Orest, die sich auf der von den grausamen Skythen beherrschten Inseln Tauris wieder begegnen und nur knapp dem gemeinsamen Opfertod entgehen.
Vom ersten Augenblick an gelingt es Gluck jedoch, die in die Handlung geworfenen Figuren zu Menschen aus Fleisch und Blut zu machen: Mit Hilfe sparsamer, aber effektvoll eingesetzter Mittel lässt er den Zuhörer gleich zu Beginn unmittelbar Anteil nehmen an der ohnmächtigen, todessehnsüchtigen Verzweiflung Iphigenies, die von dunklen Träumen gequält wird. Kurz darauf tritt der nicht minder düstere König Thoas als blutrünstiger Gegenspieler auf den Plan, und spätestens mit der Ankunft der Schiffbrüchigen Orest und Pylades, die dem Opfertod entgegen sehen, ist man in den Bann der tragischen Geschehnisse geschlagen.
Einmal mehr beweist die hervorragende Aufnahme dieser Oper unter Leitung von Marc Minkowski, dass die historische Aufführungspraxis bei der Wiedererweckung etwas aus dem Blick geratener Werke vergangener Epochen unschätzbare Dienste leistet: Mit schlankem, angenehm "trockenem" Klang setzen die "Musiciens du Louvre" den Instrumentalpart wirkungsvoll und ohne stilfremde Effekte um, wodurch der Blick auf das Wesentliche, die zahllosen den Text verdeutlichenden Details, frei wird. Unter den Sängern fallen vor allem Mireille Delunsch als Iphigenie und Simon Keenlyside als Orest auf: Beide agieren gleichermaßen stimmschön, intensiv und ausdrucksstark. Überzeugungskräftig und gut disponiert sind jedoch auch die anderen Solisten: Es gibt keinen einzigen "Ausreißer". So dargeboten, macht Gluck wirklich Spaß! --Michael Wersin
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