Glucks "Orpheus und Eurydike" gehört zu den Opern, bei denen sich eine choreographische Gestaltung durchaus anbietet. Doch die Choreographin Pina Bausch belässt es nicht bei dem nahe liegenden Einsatz des Balletts als Furien oder Selige Geister sondern hat in ihrer bereits 1975 entstandenen, 2005 mit dem Ballett der Pariser Oper neu einstudierten "Tanzoper" eine Mischung aus Gesang und Tanztheater auf die Bühne gebracht, bei der die sängerischen Partien durch Tänzer quasi verdoppelt werden. Während die drei schwarzgekleideten Sängerinnen darstellerisch vergleichsweise unauffällig bleiben (wobei es aber durchaus zu Interaktionen mit den tänzerischen Doppelgängern kommt), entfaltet sich die Handlung in ausdrucksvollen choreographischen Bildern: eine düster-archaische Trauerfeier, das freud-und sinnlose Treiben der Furien und Schatten (kontrolliert von Höllenwächter Zerberus, hier verteilt auf drei aggressiv auftrumpfende Solisten in Metzgerschürzen) und traumhaft schöne, dabei völlig kitschfreie Tänze der seligen Geister. Auch die wechselnden Emotionen der Hauptfiguren werden überzeugend in Tanz übertragen, ohne dass es zu einer bloßen Bebilderung der musikalischen Abläufe kommt. Hier ist vielmehr durch die gelungene Verschmelzung von Tanz und Musik ein Kunstwerk ganz eigener Art entstanden, das sich weder als Operninszenierung noch als Tanztheater im herkömmlichen Sinne einordnen lässt. Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass Pina Bausch in ihrer Version (gesungen wird übrigens in deutscher Sprache) auf das gewohnte Happy End verzichtet und das Stück mit dem Tode Orpheus und der Wiederholung des Eingangschores enden lässt - im Kontext der eher düster-herben Athmosphäre dieser Inszenierung nur konsequent. Eine - auch in Hinblick auf die sängerischen und tänzerischen Leistungen der Beteiligten unbedingt sehenswerte Aufführung, auf die man sich allerdings einlassen muss. Wer in erster Linie die Oper als solche kennenlernen will oder mit modernem Tanz (der hier trotz der ausgezeichneten Sängerinnen Ricarda Wesseling, Julia Kleiter und Sunhae Im doch im Vordergrund steht) generell nichts anfangen kann, wird bei anderen Inszenierungen sicherlich eher fündig werden.