Diese Geschichte setzt da ein, wo andere Fantasy aufhört: der tyrannische, blutrünstige König Hern ist tot, seine friedliebende Tochter Gloriana ist ihm nachgefolgt. Doch damit ist keineswegs alles eitel Wonne. Vergangen ist nicht vorbei. Das vom Lordkanzler Montfallcon ausgerufene Goldene Zeitalter ist nur eine Fassade. In den Seelen wie in der Unterwelt des gigantischen Palastes wirkt das blutige Erbe Herns weiter. Gewalt zeugt fortwirkend Gewalt, nur jetzt heuchlerisch verborgen. Der Lordkanzler deligiert das scheinbar politisch notwendige Morden an inferiore Gestalten, allen voran an die grausame Tricksterfigur Quire, einen Meister der Intrige.
Als sich Quire gegen seinen Auftraggeber wendet, scheint er den Niedergang der Sitten und des Reiches einzuleiten. Oder doch nicht? In diesem Roman kommt vieles anders, als man denkt, oft sträuben sich dem Leser die Haare, und doch ist alles in seiner Anti-Schablonenhaftigkeit schlüssig.
Gloriana, einst von ihrem Vater vergewaltigt, musste sich klarerweise genauso wie der Lordkanzler einen Charakterpanzer zulegen, um überleben zu können. Ideal für die Repräsentationsaufgaben einer Königin, aber schlecht für den Menschen. Vielleicht muss sie erst gezwungen werden, ihre schreckliche Vergangenheit aufzuarbeiten...
Soweit ein paar Aspekte dieses Kunstwerkes, die in früheren Rezensionen nicht zur Sprache kamen. Nicht zu vergessen die suggestiven Bilder, die Moorcock vor allem dann liefert, wenn er den "verdrängten" Schlossteil, die verbauten geheimen Gänge und lichtlosen Gewölbe schildert. Ebenbürtig sind allerdings auch die farbigen Figuren des Hoflebens.
Und wo bleibt die Phantastik? Gute Frage, Philip. K. Dicks "Orakel vom Berge" (zum Beispiel), spielt auch in einer Parallelwelt, wird aber der SF zugerechnet. An die Willkür solcher Zuordnungen könnte man auch einmal einen Gedanken verschwenden...