Seit langer Zeit mal wieder ein Live-Album von Tom Waits. Klar, dass ich mir das zulegen musste. Bei Waits letzten Auftritten in Deutschland war es mir nicht vergönnt, Karten zu ergattern. Also muss das Live Vergnügen via Tonkonserve erfolgen. Sicher kein Vergleich, aber irgendwie muss man sich schließlich helfen.
-Glitter an Doom- splittet sich in zwei CD's. Zum einen gibt es 17 Titel, die auf Konzerten in Birmingham, Edinburgh, Tulsa, Knoxville, Mailand, Jacksonville, Paris, Dublin, Atlanta und Columbia mitgeschnitten wurden. Das sind satte 83 Minuten Waits Musik live. Auf CD2 dürfen wir dem Erzähler Tom Waits 35 Minuten lauschen, wie er von seiner Angst vom lebendig begraben werden erzählt, sich über verlorene Beine auslässt und einen wunderbaren Zusammenhang von important und impotent beschreibt. Wer sich diese Stories von Waits anhört, weiß wieso der Barde immer wieder mit Charles Bukowski in einem Atemzug genannt wird.
Was die Musik angeht, so ist Waits live noch immer ein Naturerlebnis. In -Lucinda/Aint goin down- hören wir diese musikalische Urgewalt, die wie ein Sturm aus den Lautsprechern fegt und uns mit einem Raubtierbrüllen empfängt. Diesem Sturm folgt der Wait'sche Dschungelsound in -Get behind the mule. Danach reichen eine Gitarre, ein Harmonium und Waits unvergleichliche Stimme, um uns direkt in die -Fannin Street- zu versetzen. -Dirt in the ground- ist wundervoll neu arrangiert worden. Leider wirkt die Aufnahme aus Mailand ein wenig verrauscht. In -Such a scream- folgen wir ein paar Gitarrenriffs der Extraklasse. -Live Circus- ist der typische Tom Waits Rummelplatzsound. Die beeindruckende, ergreifende Version eines Märchenerzählers, der von der Musik begleitet wird. Mit einer geradezu explosionsartigen Mundharmonika und Waits Begleitstimme kommt -Goin out west- daher. -Falling down- wurde von Waits neu erfunden. Seine Stimme jammert und winselt den Text, während eine fantastische Band zum Blues-Walzer aufspielt. Ein Hochgenuß! -The part you throw away- lässt die Stimme Waits direkt aus der Unterwelt erklingen und -Trampled Rose- ist eine Art schräger Indie-Cowboysong. -Metropolitan Glide- gleicht einem musikalischen Experiment. Es folgt eine Vaudevillenummer, die zum träumen anregt. -I shoot the moon- ist einfach nur geil. Beim Lauschen von -Green grass- können wir kaum glauben, was das für eine Bass-Stimme ist. In -Make it rain- erscheint uns Waits fast wie ein weißer James Brown. Zum Schluss gibt es für mich das absolute Highlight der CD. In -Lucky Day- hören wir den Prediger der musikalischen Geschichte. Bewegend, ergreifend, mitnehmend. Diese Stück ist Waits in Reinkultur!
-Glitter an Doom- ist ein absolut gelungenes Live Album des Musikers aus Kalifornien. Die Auswahl der Lieder ist gelungen, zeigt einen Karrierreabriss von Waits, der ein bisschen neben der Spur der all zu bekannten Lieder liegt. Wenn Waits erzählt, gibt es kein Halten mehr. Wenn er musiziert, ist er variabel und kunstvoll. Vor allem aber steht dort ein Kraftwerk von bald 60 Jahren auf der Bühne. Ein musikalischer Vulkan, der seinen letzten Ausbruch anscheinend noch lange nicht erlebt hat. Begleitet wird Waits von exzellenten Musikern, zu denen mittlerweile auch ein paar Familienangehörige zählen.
Wenn sie ein Waits-Fan sind, führt für sie an diesem Album kein Weg vorbei. Auch zum Kennenlernen von Waits halte ich -Glitter and Doom- für geeignet. Vor allem für Menschen, die Musik lieben, nicht immer nur die glatt polierten Oberflächen suchen, sondern auch mal ganz tief eintauchen wollen in einen Tümpel aus Blues und Crossoverelementen. Waits ist und bleibt ein Unikum im Musikmarkt. Hoffentlich noch recht lange...