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19 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Bach neu erfinden, 11. Februar 2005
Die Interpretationsgeschichte der Goldberg-Variationen läßt sich in zwei Phasen einteilen, vor und nach 1955. Davor gab es einige wenige Versuche, diese technisch anspruchsvollen, selten gespielten Baßvariationen (nicht der Melodie, wie sonst üblich) entweder vollständig aufzuführen (Rosalyn Tureck) oder einzuspielen (Wanda Landowska, Claudio Arrau). Doch die Länge und Komplexität der für Graf Kayserlink komponierten Schlafmusik versperrten den Weg zu einer raschen Aufnhame durch das breite Publikum - bis sich plötzlich ein junger Kanadier über die europäisch dominierte Rezeptionsgeschichte Bachs auf eine Art und Weise hinwegsetzte, von der sich diese Variationen bis heute nicht erholt haben.Über zwei Jahrhunderte vegetierten die Goldberg-Variationen im Archiv der unspielbaren Werke, deren Aufführung nicht anzuraten sei und mit denen man keine Breitenwirkung erzielen könne. Ähnliches galt für Bachs Französische und Englische Suiten, seine zwei- und dreistimmigen Inventionen und - mit Abstrichen - die Partitas. Lediglich das Alte Testament der Klavierliteratur, das Wohltemperierte Klavier, besaß einen Platz im öffentlichen Bewußtsein. Dann trat Glenn Gould auf den Plan. Gewaltig war der Eindruck, den seine erste Schallplatteneinspielung hinterließ, und kaum einer der nachfolgenden Pianisten war in der Lage, seinem Ansatz etwas Ebenbürtiges oder vergleichbar Interessantes entgegenzusetzen. Derjenige, der diesem Versuch am nächsten gekommen ist, András Schiff, hat zwar eine auf einer imaginären Linie denkbar weit von Gould entfernte Interpretation geliefert, gab jedoch unumwunden zu, auch deshalb Bach so ganz anders zu spielen, weil er eigentlich stark von Gould beeinflußt war. Zu behaupten, Glenn Gould habe uns gezeigt, daß diese Werke nicht das sind, wofür man sie hielt, ist heute eine banale Feststellung - doch es bedurfte Goulds Widerlegung mehrerer Generationen musikkundiger Aufführungs- und Fachexperten, um sie zu einer solchen werden lassen. Es ist, als habe er Europa den Staub dieser Partitur ins Gesicht geblasen. Was übrig blieb, war das selbstvergessene Spiel eines jungen Mannes, der die Variationen tiefer und dichter las als andere. Die außergewöhnlichen musikalischen Freiheiten, die er sich nahm - Betonung der Baßvariation in der linken Hand, mitunter eigenwillige Tempovariationen sowie durchgängig analytisches non-legato-Spiel - standen ausschließlich im Dienst der musikalischen Erkenntnis über eines der aufregendsten Werke, das Bach hinterließ und das nun endlich als solches gewürdigt werden konnte. Der elektrisierende Schwung dieser Variationen hat auch Goulds zweite Einspielung des Werkes (1981, ein Jahr vor seinem Tod) überdauert. Zu den sachkundigen Gründen, die hernach von Otto Friedrich über Peter Ostwald bis hin zu Michael Stegemann ausgebreitet wurden, weshalb diese Einspielung eine Sternstunde der Klaviermusik ist, könnte man einen wesentlichen hinzufügen: Gould spielt die Variationen nicht ‚schön' (wie Gawrilow, Perahia und Rangell) oder ‚klassisch' (wie Kempff, Jarrett, Yudina und andere), nicht 'ansprechend', 'romantisch' oder gar 'authentisch' im Sinne eines fiktiven Ur-Bachs, sondern schlicht außergewöhnlich und eigenwillig, so daß dem Hörer nichts anderes übrigbleibt, als irgendwann reine ‚Gouldberg'-Variationen zu hören, gleichsam für ihn selbst komponiert, um uns zu zeigen, welche Aussagekraft Bach heute noch besitzt. Goulds Bach ist etwas, das die musikgeschichtliche Interpretationsgeschichte bereichert hat: ein vollkommen eigener, kreativer, gleichzeitig kritisch distanzierter Ansatz, der die Hörer seit einem halben Jahrhundert verzaubert und sie lehrt, Bach selbständig weiterzudenken, so wie Gould es getan hat.
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13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Mein Klassiker, 23. Oktober 2002
Diese Aufnahme ist ein einzigartiges Dokument: Ich höre eine vollkommen konzentrierte Musik. Es ist ein glückliches Zusammentreffen zwischen dem Komponisten Bach, der eine durchsichtige, grammatisch klar geformte Musik geschaffen hat, und dem Interpreten Gould, der seine Auffassung von der ersten Note an so unglaublich selbstbewusst und klar artikuliert, dass kein Denken mehr die auf dem Klavier angeschlagenen Töne begleitet, sondern alles in einer vollkommenen Präsenz und Fraglosigkeit geschieht. Beim Hören erscheint mir diese Musik vollkommen. Warum, frage ich mich, wirkt das so natürlich, wo doch die Eigenarten des Spiels von Gould so klar, fast dominant, hervortreten? Ich höre bei Gould einen unbedingten Gestaltungswillen, einen formenden, persönlichen Zugriff. Andererseits scheint Gould völlig hinter die Musik zurückzutreten, sie scheint "von selber" so entstehen, so entwickelt werden zu wollen. Für mich ist es das Faszinierende an dieser Aufnahme - die Persönlichkeit, und (dennoch?) die "reine Musik". Gould spielt mit höchster innerer Spannung. Diese äußert sich in starken Kontrasten: Er spielt sehr langsam - oder sehr schnell. Er hebt Themen und Melodiebögen sehr deutlich gegenüber anderen heraus. Er spielt leise - oder plötzlich, in der nächsten Variation, überraschend laut. Aber das ist es noch nicht. Die innere Spannung führt in langsamen Passagen paradoxerweise zu großer Ruhe, weil jeder Ton an seinem Platz in der Zeit sitzt, nicht zu früh, nicht zu spät. Wenn ich den entscheidenden musikalischen Parameter für das Spiel Goulds nennen sollte, so würde ich die unglaublich klare und durchgehörte "micro-time" nennen, d.h. das timing von Note zu Note, von Anschlag zu Anschlag. Gould hält das Tempo in dieser spannungsgeladenen "microtime", ohne zu schwanken - gerade deswegen wird alles viel klarer. Die Musik Bachs trägt das Gestalten, das Entscheiden in sich. Bei Bach wird man nicht in schmerzvollen Meldodiebögen und schwellendem Klang fortgerissen. So passt es, dass Gould sich entscheidet, manchmal radikal, aber klar und konsequent. Diese Kompromisslosigkeit bewundere ich. Die Klarheit und Konstruktion in der Musik Bachs, die Abwesenheit von Gefühl und Schmerz mag Gould so sehr entgegengekommen sein, dass er in ihr aufging, dass es für ihn möglich und notwendig war, in ihr sogar zu "leben", dass er deswegen diese rational kalkulierte Musik mit einer solchen innerlichen, in der Aufnahme fühlbaren Spannung spielt. Das ist natürlich Spekulation - aber das spielt keine Rolle. Für mich ist Gould eine klavierspielende Legende, und nicht ein Mensch, der einmal ein Leben wie andere Menschen auf dieser Erde geführt hat. Wer diese Legende kennenlernen möchte, dem empfehle ich die "Goldberg-Variationen" zu hören und Thomas Bernhards "Der Untergeher" zu lesen - in dieser Reihenfolge.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Bach pur, 27. November 2002
Glenn Gould taucht völlig in die Bach'sche Polyphonie ein, jede Melodie ist ihm wichtig, eine jede führt ihr Eigenleben um dennoch im Gleichklang mit den anderen Stimmen ein lebendiges Kunstwerk zu gestalten. Gould selbst stimmt wohl unbewusst mit ein, greift Melodiestücke mit auf, und geht mit der gerade für ihn wichtigen Stimme mit. Dies erklingt wie ferner Sphärenklang - ist auch fast nur zu erahnen - gibt der Bach'schen Musik den spezifischen Gouldklang. Der Hörer wird gleichsam mitgezogen in die Tiefe der Musik, man fühlt sich, auch dank der hervorragen Aufnahmequalität, als säße man neben Glenn Gould, sehe und höre ihm aus nächster Nähe beim Spielen zu. Sein Spiel ist eindringlich, ausdrucksvoll, mit fast mathematischer Genauigkeit im Rhythmus, und doch blitzt hin und wieder Schelmisches sprunghaft - lebendig auf, wodurch auch nach langem Zuhören nie Eintönigkeit Raum gewinnt. Glenn Gould interpretiert Bach, ganz und gar reinen, unverfälschten, erhabenen Bach und es ist doch unverkennbar sein, Goulds, ursprünglicher Stil. Ein klarer, konzentrierter Genuss.
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