Gould ein Alchemist ?
Zitat."Doktrin der Alchemisten zufolge war diese weltliche Macht, Materie auf Wunsch zu verwandeln, nur ein Vorwand und externes Ziel: das, was wir heute als eine Herausforderung bezeichnen würden. Denn der Begriff der Alchemie und die goldene Regel des Alchemisten beruhten auf einem gemeinsamen Grundprinzip: der Geist sollte die Materie und die Materie den Geist beeinflussen und sich gegenseitig durchdringen und verwandeln können.Für den Alchemisten übt also die Tatsache, daß er auf die Materie einwirken und sie manipulieren, studieren, analysieren und ihre Bestandteile kombinieren kann, einen Einfluß auf seinen Geisteszustand, seine Mentalität, seine Gedanken und sein Verhalten aus. Und die Veränderungen, die in ihm stattfanden, konnten die Materie - die Welt und die greifbare Realität - beeinflussen und sogar den Verlauf ihres Daseins verändern."
In langen Gespräche mit Bruno Monseingnon entfaltet Glenn Gould seine Welt-Anschauung. Aufnahmen sind seine Art, mit der Welt zu kommunizieren. Diese haben nur eine Berechtigung, wenn es einen neuen Blick auf ein Werk gibt. Gould sieht klar, dass er durch Studio-Aufnahmen eine perfekte Kontrolle über das Werk hat. Genau so "komponiert" er seine Aufnahmen. Aus vielen "Schnipseln" entsteht dann seine Neu-Komposition, teilweise durch Abmischen verschiedener Mikropositionen.
Ein wenig gepflegter, eloquenter und charmanter Mann lässt sich befragen.Seine Marotten stehen nicht im Vordergrund,sondern die Einstellungen von Gould zu einer Fülle von musikalischen Aspekten, insbesondere seine Auffassung, Konzerte seien überholt und sein Werben für Studioaufnahmen.
Monseingnon beschreibt im booklet, wie er gegen alle Bedenken und Widerständen dieses Porträt von Gould herstellen konnte und dass ihm der Zufall eines Streiks die Gelegenheit verschaffte, seinen Film im Hauptprogramm des Fernsehens unter zu bringen.
Gould ist immer auch kundig- intelligenter Musik-Philosoph, und keinesfalls nur ein Pianist. Stücke, die rein "pianistisch" sind, wie diejenigen von Chopin, interessieren ihn nicht.Der Klavierpapst Joachim Kaiser prognostizierte einst Gould eine geringe Halbwertzeit. Wenn man die Fülle des Materials betrachtet, das von Gould und über Gould existiert, ist er vielleicht der Pianist, der am meisten medial präsent ist. Immer noch und immer wieder übt sein Klavierspiel eine grosse Fascination aus. Darüber hinaus hatte Gould sicher ein Interesse an der Verbreitung seiner Meinungen über Musik und Interpretation.
Die Filme von Bruno Monseingnon liefern ihren Beitrag dazu.
Vielleicht irrt Joachim Kaiser.