Nwesletter Gesundheit 4/2004
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Klappentext
Über den Autor
Auszug aus Gleichgewicht und Schwindel der Seele. Ratschlag für Betroffene von Schwindelkrankheiten. von Helmut Schaaf. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Nichts scheint selbstverständlicher als ein funktionierendes Gleichgewicht. Um so erschreckender wird sein Schwinden erlebt.
Im Schwindel hat man im wahrsten Sinn des Wortes das Gefühl, dass einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Das geht oft mit Übelkeit, manchmal Erbrechen und Herzklopfen und verständlicherweise Angst einher.
Meist ist Schwindel der Ausdruck einer Orientierungsstörung des Menschen: Sowohl im Raum, im Gefühl aber auch in seinem sozialen und ganz persönlichen Koordinatensystem.
Die häufigsten und am meisten verkannten Schwindelursachen sind:
· Der sogenannte gutartige Lagerungschwindel
· die Migräne, die neben Kopfschmerzen oft auch Schwindel auslösen kann
· seelische Erkrankungen mit meist unbewussten
Ängsten und Depressionen bei den Betroffenen
Offensichtlicher erscheinen die mit Blutdruckschwankungen einhergehenden orthostatischen Schwindelformen etwa bei schnellem Aufstehen und die Panikstörungen.
Fälschlicherweise zu oft wird hingegen eine Menièresche Erkrankung mit den Symptomen Schwindel, Hörverlust und Tinnitus vermutet. Tatsächlich tritt diese spezielle Innenohr-Erkrankung nur bei 0,1% der Bevölkerung auf. Die Kombination der drei dazugehörenden Symptome aus anderen Gründen! ist aber so häufig, dass zu oft eine Menièresche Erkrankung angenommen wird. Dies ist etwa der Fall bei Menschen mit einer Blutdruckschwankung und einer Lärmschwerhörigkeit mit Tinnitus. Oft werden dann diese für sich meist gut behandelbaren Erkrankungen nicht ausreichend erkannt und behandelt.
Inzwischen gibt es einige gute bis sehr gute Ratgeber, etwa von Lempert, Haid, Hamann & Schwab und Füsgen, die gut die organischen (körperlichen) Anteile des menschlichen Gleichgewichtssystems und dessen Erkrankungen darstellen. Bei den wissenschaftlich ausgerichteten Werken gilt dies etwa für die Bücher von Scherer, Haid, Stoll und Westhofen.
Was allerdings nur meist sehr kurz angerissen wird, ist der seelische Anteil der menschlichen Balance, und zwar sowohl in seinen gleichgewichtserhaltenden wie seinen gleichgewichtsstörenden Anteilen.
Das liegt auch im Wesen des Phänomens Seele selbst und geht bis zu der Frage, ob es eine Seele überhaupt gibt. So ist es auch bei bestem Willen oft nicht einfach, die Psyche und ihre Krankheiten zu erkennen.
Körperliche Krankheiten offenbaren sich durch Anzeichen von Schmerz, Fieber, Lähmungen oder sichtbare Körperveränderungen. Dies sind alles Symptome, die im wahrsten Sinne des Worte be-greif-bar sind.
Viele seelische Veränderungen werden dagegen als schwer zu fassende, sozusagen un-be-greif-liche Störungen erlebt. Die Seele hat nicht die Möglichkeit, sich für alle verständlich, z.B. sprachlich auszudrücken. Sie bedarf anderer Formen, ihre Botschaft herüberzubringen. Dies geschieht eben oft indirekt über körperlich empfundene Beschwerden.
So sind die von seelisch bedingtem Schwindel Betroffenen fest davon überzeugt, dass ihr Schwindel organisch begründet ist. Seelische Ursachen erscheinen ihnen unwahrscheinlich, un-glaublich und auch unannehmbar.
Letzteres liegt auch daran, dass es immer noch weitestgehend verpönt ist, seelisch zu erkranken.
Denn anders als bei einem Gleichgewichtsausfall oder einem noch so leichtsinnig verschuldeten Beinbruch, wird beim psychischen Leiden gleich die Frage laut, ob man sich denn nicht anstelle oder insbesondere beim Schwindel nur simuliere.
Auf diesem weiten Feld soll in diesem Buch dem Phänomen des Seelischen im menschlichen Gleichgewicht und seinem Schwinden bei Schwindel nachgegangen werden. Dabei kann gleich festgestellt werden, dass die Seele (zumindest im irdischen Leben) ohne Körper wohl keine Wahrnehmungs- und Ausdrucksmöglichkeit haben kann. Deswegen soll diese Realität je nach Bedeutung mit dargestellt werden.
1.1 Die Grundlagen des körperlichen Gleichgewichtssystems
Wer sich im Raum orientieren will, ist darauf angewiesen, sich einen Eindruck von der Schwerkraft (Gleichgewichtsorgane) und möglichst auch ein Bild von der unmittelbaren (Nase und Tastorgane) und der näheren Umgebung (Augen, Ohren) zu verschaffen. Das menschliche Gleichgewichtssystem stützt sich dabei mit Hilfe vielfältiger Nervenverschaltungen im wesentlichen auf die Informationen aus:
· den Augen
· dem Gleichgewichtsorgan
· dem Gehör
· den sogenannten Körpereigenfühlern in den Muskeln, Sehnen und Gelenken
· und dem Tastsinn.
Weitergeleitet über die Rückenmarksbahnen und die Hirnnerven werden diese Informationen meist unbewusst und in Millisekunden-Schnelle im Gleichgewichtszentrum mit früheren Bewegungserfahrungen verglichen und bewertet. Wird eine Störung des Gleichgewichtszustandes festgestellt, folgen in der Regel sofort und unwillkürlich Reaktionen, um wieder ein ausreichendes Gleichgewicht herzustellen.
In aller Regel geschieht dies in Form von Muskelaktivitäten und Augenbewegungen (ausführlich dazu s. z.B. Lempert, Haid, Hamann, Füsgen). Wenn dabei die gewohnten (bis dahin erfolgreichen) Muster nicht ausreichen, sind wir Menschen in der Lage, uns einige der vielen Gleichgewichtseindrücke bewusst zu machen. Dies ermöglicht uns, auch neue Wege einzuschlagen und manchmal schwierige Situationen sogar vorausschauend zu beeinflussen.
1.2 Die Grundlagen des seelischen Gleichgewichtssystems
Genauso wie es ein körperliches Gleichgewicht gibt, existiert auch ein psychisches oder seelisches Gleichgewicht. Zwangsläufig stellt sich dabei gleich die Frage: Was ist überhaupt Seele und möglicherweise auch noch wo findet sich diese? Diese Frage ist so alt wie Menschen denken können (Ein ausführlicher Überblick in: Hinterhuber, 2001) Dabei wurde die Existenz der Seele im Laufe der menschlichen Entwicklung lange Zeit ganz selbstverständlich gemeinsam mit dem Körperlichen gesehen.
Das Symptom Schwindel ist seit den Anfängen der Heilkunde bekannt, konnte aber bis ins 19. Jahrhundert hinein noch keinem Sinnesorgan zugeordnet werden, so dass man es als Ausdruck einer Nervenkrankheit ansah.
1791 stellte der jüdische Arzt und Philosoph Markus Herz in seiner umfangreichen Arbeit Versuch über den Schwindel fest, dass das Wesen des Schwindels nicht ausreichend geklärt sei und das der Schwindel unter den Krankheiten, die im Körper und in der Seele zugleich ihre Quelle haben, eine vorzügliche Stelle einnimmt. ... nicht selten habe er seine wirkende Ursache bloß im widernatürlichen Zustand der Seele.
Schwindel sei daher derjenige Zustand der Verwirrung, in welchem die Seele sich wegen der zu schnellen Folge ihrer Vorstellungen befindet (gefunden bei Walter
& Beleites 2001).
Obwohl Herz damals schon viele Schwindelarten unterschied, konnte er zu seiner Zeit noch keine besseren Mittel empfehlen als den Baldrian und den Pyrmonter Brunnen. Dieses und andere Bäder erlebten durch den Schwindel einen raschen Ausbau. Dabei sollten diverse Diäten bei Schwindel helfen. Empfohlen wurden gebratene Hühner, Tauben oder dergleichen mit ein wenig Lorbeeren oder Wacholderbeeren.
Erst im Laufe des medizinischen Fortschrittes wurden beide, Körper und Seele, mehr und mehr getrennt und auch die Seele auf ihre stoffliche Seite hin hinterfragt. In diesem Sinne konnte mit zunehmender Aufklärung Descartes (überspitzt) formulieren: Ich denke, also bin ich. Logischerweise kam auch die Frage auf, ob die Seele nicht einfach ihren Sitz im Stammhirn und im limbischen System hat. Dort werden gefühlsbetonte Impulse wahrgenommen, interpretiert und automatisch in Aktionen umgesetzt meist bevor das Bewusstsein überhaupt erfährt, was geschehen ist.
In dieser Konsequenz wäre es möglich zu denken, dass auch die Seele nur ein erworbenes evolutionäres Programm mit deutlich emotionalen Komponenten ist.
Inzwischen denken Neurophysiologen (Roth, Damasio, Hüther) darüber nach, wie das Gehirn die Seele macht. Dabei finden sie auch durchaus stimmige Antworten und für Wissenschaftler notwendig: geordnete Regelkreise.
Unbestritten bleibt dabei, dass diese emotionale Intelligenz kein Luxus ist, sondern überlebenswichtig für das, was Menschwerdung und das spezifische Mensch-Sein ausmacht. Dabei wirken Körper und Seele sicher eng zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Möglicherweise sind sie gar nicht voneinander zu trennen, sondern sozusagen zwei Seiten einer Medaille. So wie es keine Wahrnehmung ohne Emotion gibt, so ist ein Mensch ohne Gefühle wie tot. So hält dann auch A. R. Damasio, als moderner Hirnforscher, Descartes ein Ich fühle, also bin Ich entgegen und sieht in der Psyche das, was das Leben vom Tod unterscheidet.
Sicher scheint auch, dass unser Denken nur einen Bruchteil unserer Regungen, Hirntätigkeiten und Motive bewusst erlebt oder gar steuert und laut Roth oft nur den Pressesprecher unserer Gefühle macht, während die Regierung auf ganz anderen, dem Bewusstsein oft kaum zugänglichen Ebenen entscheidet. So sorgt unser Gehirn dafür, dass das, was wir tun, im Einklang mit unseren Erfahrungen steht. Unsere Autonomie (Selbständigkeit) beschränkt sich dabei auf die Fähigkeit, aus uns selbst heraus zu entscheiden.
Damit bestätigen die modernen Hirnforscher die von Sigmund Freud aufgestellte Vermutung, dass das Unbewusste, und nicht etwa das Bewusste den Menschen regiert, was Anfang letzten Jahrhunderts ungeheuerlich erschien und auch heute noch eher ungute Gefühle auslösen kann.
Hoimar von Ditfurth, geb. 1921 in Berlin, war Professor für Psychiatrie und Neurologie, bevor er zu einem der erfolgreichsten Wissenschaftsjournalisten wurde und unter anderem in seiner Sendung Querschnitt verständlich Ergebnisse moderner Naturwissenschaften präsentierte.
Seelische Zusammenhänge blieben ihm, dem Psychiater, allerdings seltsam fremd, und er zeichnete sich vor allem als ein Gegner der Psychoanalyse (im damaligen Gewande?) aus. Trotzdem beschrieb er in seinem Buch, Der Geist fiel nicht vom Himmel, nahezu unnachahmlich, dass nicht nur die Wahrnehmung sich langsam immer weiter entwickelte, sondern auch die emotionalen Fähigkeiten:
So wenig, wie die Beine das Gehen erfunden haben oder die Augen das Sehen, so wenig hat das Gehirn das Denken erfunden. Beine sind die Antwort der Evolution auf das Bedürfnis nach Fortbewegung auf festem Boden gewesen. Augen waren eine Reaktion der Entwicklung auf die Tatsache, dass die Oberfläche der Erde in einer Strahlung erfüllt ist, die von festen Gegenständen reflektiert wird. Dieser Umstand erst gab der Evolution die Möglichkeit, Organe zu entwickeln, die sich dieser Strahlung zur Orientierung bedienten. (v. Ditfurth, Der Geist fiel nicht vom Himmel, 1997)
So gesehen seien die Augen also ein Beweis für die Existenz der Sonne,
so wie die Beine ein Beweis sind für das Vorhandensein festen Bodens
und ein Flügel für die Existenz von Luft.
Deswegen wollte er auch annehmen, dass unser Gehirn einen Beweis für die reale Existenz einer von der materiellen Ebene unabhängigen Dimension des Geistes darstellt.
Dementsprechend vermutete er, dass auch das Universum schon Geist gehabt hätte, bevor es überhaupt Menschen gab. So schloss er, dass die Evolution unser Gehirn und unser Bewusstsein allein deswegen hervorbringen konnte, weil ihr die Realexistenz dessen, was wir mit dem Wort Geist meinen, die Möglichkeit gegeben hat, in unserem Kopf ein Organ entstehen zu lassen, dass über die Fähigkeit verfügt, die materielle mit der geistigen Dimension zu verknüpfen.
Wenn wir nun von der Seite der Neurophysiologen immer detaillierter hören können, wie unser Gehirn Seele macht, lohnt sich m.E., nunmehr folgender Frage nachzugehen Wie erzeugt die Seele ihr dienliche Strukturen im Gehirn?
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.