Ich weiß nicht, ob eine Rezension bei glee wirklich weiterhilft, weil man es nicht wirklich beschreiben kann - und damit meine ich jetzt noch nicht einmal, dass die Show so genial und deshalb unbeschreiblich wäre, sondern vor allem, dass sie 50 Sachen auf einmal und ziemlich absurd ist und sie letztlich sowieso fast jeder anders sieht. Aber versuchen wir`s mal.
Ich dürfte Glee wohl nicht mögen. Tatsächlich wollte ich erst überhaupt nicht reinschauen, weil die Beschreibung etwas nach "High School Musical: Die Serie" klang. Nun, ich mag keine High-School-Filme mit diesen üblichen "Charakteren", und ich habe nichts gegen Filme mit guter Laune, aber wenn ein Film schon als "Gute-Laune-Film" angepriesen wird, bedeutet das allzu oft: "Tja, Handlung und Charaktere haben wir leider nicht, aber einem Haufen gutaussehender Leute mit idiotischem Dauergrinsen zuzugucken ist doch auch ganz nett, oder?" . Außerdem bin ich kein Fan von Jukebox-Musicals (d.h. die Lieder sind Coverversionen und nicht für das Musical selbst geschrieben) und unlogischen oder überdrehten Handlungsverläufen. So wirklich ausgelassen wird in "Glee" nichts davon, und ich mag es trotzdem. Hier kommt der Versuch einer Rechtfertigung:
Zum einen ist glee eine fröhliche Show mit einem sehr realistischen und traurigem Unterton. Es spielt in einer Stadt namens Lima in Ohio, und die Jugendlichen in der Serie sind vor allem motiviert von ihrer Angst davor, zu "Lima Losern" zu werden - also nie aus der Stadt rauszukommen sondern ihr Leben lang im örtlichen Supermarkt o.ä. zu verbringen. Wie fast jeder möchten sie irgendetwas größeres aus ihrem Leben machen, am liebsten im Showbiz. Animiert von einem Lehrer, der seine eigenen nie wahr gewordenen Träume auf seine Schüler projiziert, performen sie als "glee club", freuen sich aneinander und dem Publikum, und träumen sich allesamt an den Broadway. Aber alle wissen letztlich, wie unwahrscheinlich das ist. Es werden Charaktere vorgestellt, die einstmals dieselben Träume hatten und jetzt alkoholabhängig, verbittert und/oder einsam sind, und bei denen man sich nur allzu leicht fragt, ob man gerade die Zukunftsversionen von den Jugendlichen sieht.
Ich glaube, dieser Teil der Show geht an vielen wegen der Witze und der Songs vollkommen vorbei, aber er zieht sich durch die ganze Serie und ist vielleicht der Teil, der mir am liebsten ist und meiner Meinung nach auch sehr wichtig, weil er dem ganzen eine realistische Grundlage gibt und die Fröhlichkeit nicht oberflächlich, sondern sogar mutig und bewundernswert wirken lässt.
Gleichzeitig kann glee ein typisches Musical sein - sehr emotional, mit Momenten, die an Wirkung nicht zu übertreffen sind, aber auch immer in Gefahr, ins Kitschige oder Klischeehafte abzurutschen. Oder es kann eine völlig durchgeknallte, sinnlose Show sein, die Handlung und Charakterzüge jederzeit für einen guten (oder auch weniger guten) Witz oder einen Song opfert und deren Charaktere sämtliche auf Drogen erscheinen ( oder es sogar tatsächlich sind ;)).
Man kann sich vorstellen, was dabei insgesamt rauskommt - ein gigantisches Chaos. Sowohl im Stil - manchmal hat man wirklich den Eindruck von verschiedenen Serien, in denen zufällig die gleichen Charaktere mitspielen - als auch in der Handlung. Es kommt durchaus vor, dass sich die Autoren erinnern, was sie die letzte Woche mit den Charakteren angestellt haben - aber verlasst euch lieber nicht drauf. Es ist eine Show, die hundert verschiedene Leute aus hundert verschiedenen Gründen gucken, und die bei dem Versuch, allen gerecht zu werden, manchmal noch mehr im Chaos versinkt.
ABER: Es ist ein einzigartiges, vielseitiges, berührendes und sehr unterhaltsames Chaos! ;)
Die Figuren entwickeln sich von den typischen Stereotypen allmählich immer weiter, bis man tatsächlich eine Gruppe überzeugender Charaktere hat. Es gibt eine Menge Humor - wunderbar zitierbare Sprüche ("Did you know that dolphins are just gay sharks?"), eine Menge Selbstironie, Popkultur-Anspielungen und Seitenhiebe - und, natürlich, Jane Lynch als Sue Sylvester - brillant. Der Cast ist aber durchweg großartig (7 Emmynominierungen allein für Schauspieler, soweit ich weiß ;) ) und es allein schon wert, sich die Show anzugucken.
Die Songs - muss man ja auch noch erwähnen - werden, keine Frage, vermainstreamt. Erstaunlicherweise macht mir das aber nur in den allerwenigsten Fällen was aus - was sicher auch an der Auswahl der Songs liegt, ein ziemliches Worst Of der 80er, dem noch mehr Mainstream auch nicht schadet. Vor allem aber gewinnen die Songs durch die häufig besseren Sänger, die Choreografien und den Zusammenhang, in den sie in der Show gestellt werden, häufig dazu. Irgendwie mag ich plötzlich Songs, die mich sonst vollkommen kalt lassen. (Wenn eine Serie mich dazu bringt, bei "Poker Face" zum Taschentuch zu greifen, bedeutet das entweder, das ich vollkommen durchgedreht bin, oder dass die Serie allermindestens erstaunlich ist ;) ).
Glee ist lange nicht perfekt. Den Mangel an Kontinuität und den Hang zum Kitsch hab ich schon erwähnt.Außerdem ist glee kein bisschen subtil - manchmal wird das Thema der Episode um die 100 mal in einer Dreiviertelstunde erwähnt, und man fühlt sich beleidigt, dass die Autoren einem nicht zutrauen, es schon nach 50mal zu kapieren ;). Die Handlung ist außerdem ziemlich oft Schwachsinn - eine vorgetäuschte Schwangerschaft, Geldmangel, der etwas von "Diese Woche nur 2 Millionen für Kostüme etc ausgeben" hat, eine Mutter, die ihre zur Adoption freigegebene Tochter auf einem völlig abstrusen Weg finden will (fragt lieber nicht) etc.
Aber: Ich habe überrascht festgestellt, dass es mir nichts ausgemacht hat, weil die Emotionen hinter der absurdesten Handlung noch echt wirkten, eben etwa der Wunsch der Mutter, ihr Kind wiederzufinden, und dann die Ratlosigkeit, wenn die beiden nicht wirklich etwas miteinander anzufangen wissen und erkennen, dass man 16 Jahre nicht einfach nachholen kann. Ob es jetzt die Schauspieler, die Songs, die Dialoge oder alles 3 sind - irgendwie rettet sich die Show im letzten Moment immer durch eine geniale Szene. Selbst wenn ich mir noch so deutlich selber sage "Das ist kitschig! Das macht überhaupt keinen Sinn!" - das hindert mich fast nie daran, eine Gänsehaut zu bekommen, mit einem breiten Grinsen vor dem Bildschirm mitzusingen, zu lachen, zu heulen - was auch immer die Szene im Moment gerade erreichen will. Man mag das jetzt Manipulation nennen, aber glee ist sehr, sehr gut darin.
So, ähm - habt ihr jetzt eine genaue Vorstellung davon, ob euch die Show gefallen würde? Ich bezweifel es (mich hätte diese Rezension möglicherweise eher abgeschreckt :D) - aber vielleicht konnte ich ja zumindest neugierig machen.
(Bemerkung zu der Punktzahl: Es ist ziemlich schwer, eine Bewertung abzugeben - einerseits steht für 5 Sterne "I love it" und bei 4 Sternen "I like it", und während in der Hinsicht 5 Sterne es für mich besser treffen würden, gibt es leider keinen "I love it most of the time and hate it occasionally"-Stern, sodass ich mich für diesen Kompromiss entschieden habe ;) - soll heißen: Ich mag glee lieber als manche Dinge, denen ich 5 Sterne geben würde, aber es hat dann irgendwie doch zu viele Fehler, als dass ich das guten Gewissens machen könnte).