Obwohl Vattimo die christliche Lehre und ihre Gestalt ebenfalls von außen, aus der Sicht eines Philosophen betrachtet, verbindet er sie mit der Sicht auf seine persönliche Biografie, die aus der Verhaftung in der katholischen Frömmigkeit in eine deutliche Distanz und von dort wiederum in die Wahrnehmung der Wiederkehr von Religion führte, die er aber keinesfalls als Rückkehr bezeichnet. Im Grund ist er auch in dieser Periode der Wiederkehr Atheist geblieben, was er in der Dankesrede für die Verleihung des Hanna Arend Preises der Stadt Bremen im Jahr 2002 folgendermaßen beschreibt: "Ich sage immer wieder, Gott sei Dank bin ich ein Atheist - ich glaube nicht an diese Idole der absoluten Wahrheit in Politik und gesellschaftlichem Leben und so fort. Ich glaube, dass Christentum ist wichtig für die Politik als ein Ideal der Gesellschaft, in der nicht Prinzipien dominieren, sondern die caritas, das heißt, der andere, der Dialog, das Gespräch und nur Gesetze, die wir zusammen etabliert haben und die nicht aus der Natur kommen." [3] Die Aufgabe, die ich als Theologe von Gianni Vattimo gestellt sehe, ist also die, nicht nur die Fragen, sondern auch die von ihm angezeigte Weichenstellung in ein theologisches Denken zu übertragen. Dies ist insofern gar nicht so schwer, weil sich Vattimo einiger theologischer Ansätze bedient und Namen wie Luther und Bonhoeffer in seine Argumentation einbezieht. Weiterhin ist ausgesprochen hilfreich, dass er sich nicht nur mit der Argumentation einer traditioneller katholischen Theologie, sondern auch mit der dialektischen Theologie auseinandersetzt, die er als Beschreibung eines tragischen Christentums ansieht. Doch fangen wir von vorn an.
Schon der Anfang ist eine theologische Herausforderung, denn der von der katholischen Kirche entfremdete Philosoph Vattimo entdeckt sowohl in seinem Leben als auch in seiner Philosophie, dass er ohne die Grundgedanken des Christentum nicht auskommt, dass also bei ihm persönlich, sowie in der Kultur und Politik das Christentum wiederkehrt. Diese "Wiederkehr" der Religion beschreibt er zum Teil in der ersten Person, "weil das Thema der Religion und des Glaubens eine notwendig "persönliche" und engagierte Schreibweise erfordert." [4] Was also geschieht andererseits, wenn Theologen und Theologinnen in scheinbar objektivierend, wissenschaftlicher Art und Weise theologisch schreiben und reden, und die Rede in der ersten Person vernachlässigen? Wenn wir also so tun, als könne man objektivierend von Gott reden, setzen wir eine Metaphysik voraus, eine feststehende Vorstellung vom Sein. In diese Kritik ist sowohl eine natürliche Theologie in Gefolge der Argumentationen eines Thomas von Aquin einbezogen, wie auch die der dialektischen Theologie, wenn diese die zunächst subjektivistische Rede nach Kierkegaard in einen formalen Gegensatz von Glauben und Vernunft etwa im Sinn eines Glaubenssprungs überführt. Vattimos Ausgangspunkt ist die Philosophie Heideggers: "Die 'richtigen' Gläubigen können natürlich die Idee der Wiederaufnahme und der Wiederkehr als Zeichen dafür lesen, dass es hier nur darum geht, einen Ursprung wiederzufinden, der einfach die Abhängigkeit des Geschöpfes von Gott ist; aber was mich betrifft, bin ich der Ansicht, dass ebenso bedeutsam und wichtig ist, nicht zu vergessen, dass dieses Wiederfinden auch die Anerkennung einer notwendig entleerten Beziehung ist. Wie im Fall der Seinsvergessenheit, von der Heidegger spricht, handelt es sich auch hier nicht so sehr darum, sich an den vergessenen Ursprung zu erinnern, ihn in jeder Hinsicht zu vergegenwärtigen, sondern darum, sich daran zu erinnern, dass wir ihn immer schon vergessen haben und dass das Gedenken an dieses Vergessen und diese Distanz das ist, was die einzig authentische religiöse Erfahrung ausmacht." [5] Diese Grunderfahrung der Entleerung wird an anderer Stelle auch unter Verwendung des griechischen Wortes KENOSIS wieder aufgegriffen und gibt uns m. E. die Möglichkeit die Beobachtungen Vattimos theologisch zu vertiefen. Ich möchte daher jetzt die weitere Beschreibung der "Wiederkehr" an dieser Stelle verlassen und versuchen, in den nächsten Kapiteln die Grundlinien seiner Argumentation zu verfolgen [6]. Zunächst einmal muss man als Theologe mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen, dass sich die Kritik der Metaphysik zuerst gar nicht auf die Religion bezieht, sondern auf die Grundeinstellung der Moderne selbst. Die Moderne ist nämlich mit einem Rationalismus verbunden, der eine feste Vorstellung vom Sein voraussetzt, etwas im Sinne des Satzes von Marx: "Das Sein bestimmt das Bewusstsein". Dieser Ausgang des modernen Denkens wird, wiewohl bis heute noch nicht endgültig überwunden, bereits von der Philosophie Nietzsches markiert, den Grundgedanken Vattimo folgendermaßen zusammenfasst: "...schließlich gelangt das Denken zur Erkenntnis, dass das Wahrhaft Wirkliche das - wie die Positivisten sagen - "positive" Faktum ist, d. h. die durch die Wissenschaft festgestellte Gegebenheit; gerade dieses Feststellen ist jedoch eine Tätigkeit des menschlichen Subjekts, und die Wirklichkeit der Welt fällt mit dem zusammen, was durch die Wissenschaft ... "produziert" wird. Es gibt keine "wahre" Welt mehr... Heidegger greift die Kritik Nietzsches auf und stellt fest, "...dass das Ende der Metaphysik gekommen ist und damit jenes Denken, welches das Sein mit dem objektiv Gegebenen identifiziert..." [7] Das Ende des Rationalismus markiert gleichzeitig die Überwindung der Moderne, in der die Menschheit sich allenfalls immer weiter in eine künstliche Welt hineinentwickelt hat, die bekanntermaßen an ihre Grenzen gekommen ist. Gerde diese Grenzerfahrung ist ja ein Grund für die Wiederkehr der Religion. [8] Der Nihilismus im Gefolge der Philosophie Nietzsches entdeckt nun erstaunlicherweise gerade das christliche Erbe wieder. Was Vattimo als "schwache Ontologie" beschreibt, was beinhaltet, "das Sein so zu denken, dass es in keinem Sinne mit der für das Objekt charakteristische Präsenz identifiziert wird" [9]. Wenn in diesem gerade das Erbe der christlichen Religion gesehen wird, so scheint das zuerst erstaunlich. Wenn ich dann allerdings lese, dass sich hierin die fortschreitende Säkularisierung dadurch zeigt, dass die Menschwerdung Gottes konsequent gedacht wird, als Verzicht auf alle gewaltsamen Beschreibungen des Heiligen, als auf die natürliche Theologie, dann sehe ich dies als Theologie und nicht mehr als Philosophie an, an der ich anknüpfen kann. Ich stimme zu, wenn Vattimo in der Lektüre Girards schreibt: "Jesus wird nicht deshalb Mensch, damit der Vater ein seinem Zorn angemessenes Opfer erhält; sondern er kommt in die Welt, um eben dieses Band zwischen Gewalt und Heiligem zu enthüllen und damit auch aus der Welt zu schaffen." [10] Hier folgt Vattimo nun Feuerbach, indem er alle Züge der Allmacht Gottes auf das objektive Sein zurückführt und damit allein den Gott der Metaphysik, das ipsum esse substistenz als die Projektion entlarvt, dem allein der schwache, gewaltlose und letztlich machtlose Gott entspricht, der sich in der Geschichte Jesu Christi offenbart. Der Nihilismus und die Auflösung der Metaphysik markiert also das Ende dieses Bildes von Gott dem das Sein als objektive Gegebenheit entspricht. Die Folge der Demaskierung des gewaltsamen Gottes im Zustand der Heiligkeit ist also schon von Jesus her eine Form von Säkularisierung, wozu natürlich auch gut Luthers Beschreibung vom Priestertum aller Gläubigen passt, denn wenn alle Priester sind, ist dies ja gerade kein exklusiver Titel mehr, sondern eine entwertete Beschreibung. Die Folge ist wie geschehen "ein Gewinn an Autonomie der menschlichen Vernunft gegenüber einem absoluten Gott" [11].
So zeigt Vattimo [12] sehr plausibel den Grund des augenscheinlichen Widerspruchs, dass unsere Kultur entchristlicht ist und trotzdem in der jüdisch - christlichen Religion nach wie tief verhaftet. Die Säkularisierung ist danach ein gereinigter Glaube, der zur Auflösung von sakralen Strukturen führt, zumindest soweit sie dem Bild der in der Gewalt fußenden Heiligkeit verhaftet sind. Die Wirklichkeit Gottes ist nicht als absolute Transzendenz zu denken, wie dies noch die dialektische Theologie im Sinn von Barth bis Tillich getan hat. Wobei Paul Tillich vermutlich Vattimo gerade darin recht geben würde, indem er die säkulare Welt in die Beschreibung der Gegenwart Gottes einbezieht. Die Offenbarung Christi geht weiter als Geschichte, als Interpretation und fortwährende Neuinterpretation und Auflösung aller naturalistischen Heiligkeit. Die Kirche als Instanz des Religiösen hat nur die Möglichkeit sich auf die Geschichtlichkeit einzulassen, die gerade vom Grundereignis des Christentums ausgeht. Damit ist die Aufklärung im Grunde kein Gegensatz zum Christentum mehr, sondern seine konsequente Fortsetzung. Schon der Glaube Jesu ist im Grunde eine Demaskierung und führt zu Aufklärung. Ohne die Voraussetzung einer Metaphysik werden dann aber alle Ausprägungen des Glaubens in ihrer geschichtlichen Vorläufigkeit angesehen. Vattimo sagt: "Haben wir die Objektivitätsansprüche der Metaphysik einmal hinter uns gelassen, sollte heute niemand sagen können, dass 'Gott nicht existiert', andererseits auch nicht, dass seine Existenz und sein Wesen ein für allemal festgelegt sind." [13] Alles, was letztgültigen Anspruch erhebt, wird entmythologisiert, sowohl die Moral als auch die Dogmen. Jesus fordert gerade keinen Glaubenssprung und die Aufgabe der Vernunft. Das Sakrale wird nicht mehr als Ausübung von Gewalt verstanden.
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