Zunächst sei von vornherein angemerkt: Die Wissensfülle von Eugen Drewermann allein nötigt großen Respekt ab. Auch die Tatsache, dass Experten verschiedener Wissenschaftsgebiete Drewermann bescheinigen, auf den jeweiligen Wissensgebieten den Stand heutiger Erkenntnis souverän zu beherrschen. Es gibt Rezensenten, die von einem "Phänomen Drewermann" oder "vom einzigen heute lebenden Universalgelehrten" sprechen, den unser Land aufzubieten habe. Das alles mag stimmen, doch damit ist nicht die Frage beantwortet, ob die Bücher Drewermanns auch theologisch auf der "Höhe der Zeit" sind.
Ich bleibe beispielsweise beim letzten Band von "Glaube in Freiheit"-wieder ein "Tausender"-und das bei mittlerweile 7 Bänden. Dazu die vielen anderen Bücher, die Interviewbände. Sicher wird man kaum so viel lesen können, wie Drewermann schreibt. Geschweige, dass man alles versteht und die jeweiligen Angaben wirklich nachprüfen kann. Also, um bei Drewermann "dran zu bleiben", ist selbst schon eine Menge "Glauben" erforderlich.
Doch wie sieht es mit dem theologischen Gehalt wirklich aus? Bleiben wir bei Band 2 von "Atem des Lebens". Da ist auf S. 719 zu lesen: "Die Unendlichkeit, auf welche der menschliche Geist stößt, ist mithin keine Eigenschaft der Welt, sie ist als erstes eine Auszeichnung seiner selbst." Vorangegangen ist eine umfangreiche Begründung, wie die Evolution unser Erkenntnisvermögen geformt hat. D. h. dass unsere Erkenntnis nicht die Wirklichkeit "an sich" widerspiegelt, sondern uns eine "evolutiv-begründete bessere Überlebenschance" sichert. Darum lautet folgerichtig der Satz, der sich unmittelbar anschließt: "Eben deshalb aber ist es nicht möglich, aus der Unendlichkeit des menschlichen Geistes auf eine Unendlichkeit in der Realität zu schließen."
Was auffällt, ist zunächst die Tatsache, dass Hoimar von Ditfurth in seinem Buch "Der Geist fiel nicht vom Himmel" ,auf S. 318, quasi als Resümee, genau zum entgegengesetzten Schluss kommt. Dort kann man lesen: "So, wie Beine ein Beweis sind für das Vorhandensein festen Bodens und ein Flügel ein Beweis für die Existenz von Luft,dürfen wir auch vermuten, dass unser Gehirn ein Beweis ist für die reale Existenz einer von der materiellen Ebene unabhängigen Dimension des Geistes." Ditfurth hält es für "eine wahrhaft aberwitzige Vorstellung, wenn wir immer so tun, als sei das Phänomen des Geistes erst mit uns selbst in dieser Welt erschienen."
Und Karl Rahner, der bei Drewermann m.E. nach sehr schlecht "wegkommt", gibt in seinem "Grundkurs des Glaubens"(Herder, Freiburg, Basel, Wien,1984) auf S. 76 zu bedenken: "dass das noch nicht Erkannte und das bloß Gedachte defiziente, nachträgliche Modi des Gegenstandes der Erkenntnis sind, die prinzipiell und von vornherein auf das Wirkliche als solches gehen, weil ohne diese Voraussetzung gar nicht gesagt werden könnte, was mit Wirklichem als solchem überhaupt gemeint sei."Und auf S. 422 sagt Karl Rahner in seinem "Grundkurs" über den Menschen in der Zeit: "Wäre er aber nicht mehr als Zeit, die zerrinnt, dann wäre diese Tatsache nicht einmal als Schein oder als Einbildung verstehbar, da auch dieser eingebildete Schein seinen Grund braucht, auf dem er steht."
Genau deshalb wird Drewermann in der Tat aus theologischer Sicht fragwürdig: Er behauptet eine "Unendlichkeit des menschlichen Geistes" und meint gleichzeitig, wegen ("Eben deshalb") dieser "Auszeichnung seiner selbst",könne der Mensch "nicht auf eine Unendlichkeit in der Realität" schließen. Bei aller hirnorganischen Verursachung, bei aller Bedingtheit des Erkenntnisvermögens durch Evolution und andere Faktoren-mit dieser Behauptung kann Drewermann theologisch nicht einmal den Schein der "Unendlichkeit des menschlichen Geistes" verständlich machen und begründen. Geschweige, dass er für die von ihm benannte Realität (die reale "Unendlichkeit des menschlichen Geistes") eine hinreichende Bedingung der Möglichkeit benennt bzw. benennen kann.
Eugen Drewermanns theologische Aussagen-außer in seinen "Strukturen des Bösen"- erscheinen mir oft sehr gequält und sich von "Feindbildern zu nähren"("die Theologen", "die Kirche", "die Politiker")-im Gegensatz zu vielen anderen wissenschaftlichen Zusammenhängen, die er breit und umfassend solide aufbereitet. Dabei gibt es für mich ein Werk von Eugen Drewermann, das ich persönlich als sein theologisches Meisterwerk betrachte. Es ist sein dreibändiger "Erstling" mit dem Titel "Strukturen des Bösen". Dort kann man nicht nur eine umfassende Erläuterung darüber erhalten, dass ein Leben ohne Gott zwangsläufig in "Strukturen des Bösen"sich abspielen muss. Darum kann Drewermann hier auch schreiben: "Leben gibt es nur im Glauben".( Band III, S. XLI ff)
Um auf die theologische Problematik von "Glaube in Freiheit" zurück zu kommen, wie es mit dem menschlichen Geist und der Realität Gottes bestellt sei, kommt Drewermann in seinem Standardwerk, das er offiziell nie zurückgenommen hat, ja zudem er sich mehrfach bekannt hat ( u. a. in "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen",Drewermann, Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1988, S. 10) zu einer völlig entgegengesetzten Sicht der Dinge, die er umfangreich begründet. Als ein Beispiel für sehr viele möge darum dieser Satz aus dem dritten Band stehen:("Strukturen des Bösen",Schöningh, Paderborn, 1988, Band III, S. LI f) "Wenn jenseits der Gegensätze des Endlichen, nicht ein Unendliches, in sich Ruhendes, das ist und nicht erst wird bereits als absoluter Ruhepunkt des menschlichen Geistes vorausgesetzt wird, so müssen sich dem menschlichen Bewusstsein die Daseinsgegensätze der Natur notwendig verunendlichen". Und nur ein paar Seiten vorher (ebenda, S. XXXIV) finden wir jene unmissverständliche Aussage über die grundlegende Problematik des Menschen, die da lautet: "das ganze Problem seines Daseins liegt offenbar darin, dass er erst im Gegenüber einer einzigen und absoluten Person, die er selbst nicht ist, zu seiner eigenen Personalität und Würde findet."
Die Frage lautet, ob "Glaube in Freiheit" theologisch das hält, was es verspricht.Ich kann dies nicht bejahen und habe folgenden Verdacht: Je mehr sich Eugen Drewermann von den Aussagen und Begründungszusammenhängen seiner "Strukturen des Bösen" entfernt, desto verworrener wird das, was er theologisch sagt. Das schmälert nicht den Wert anderer wissenschaftlicher Aussagen, weist jedoch auf eine schwierige "theologische Gemengelage" beim "späten" Drewermann hin. Ist es da verwunderlich, wenn ich den Wunsch hege, er möge sich auf seinen "Erstling" (endlich wieder!)zurück besinnen?! Teilweise scheint ihm dies gelungen zu sein in seinem großartigen Dostojewski-Buch "Dass auch der Allerniedrigste mein Bruder sei" (Walter-Verlag, Zürich und Düsseldorf, 1998), in dem auf S.52 die wunderbaren Sätze stehen: "Wenn denn FEUERBACH recht hat und die Menschen haben Gott nur erfunden aus Angst und es gibt gar keinen Gott, wie leben sie dann vor allem mit dem Gefühl ihrer Entbehrlichkeit, Überzähligkeit, Minderwertigkeit? Wie antworten sie dem Hass auf sich selbst, der entsteht aus dem Empfinden der Unbedeutendheit, der Nichtgenialität, der zu niedrigen Größe im Konkurrenzvergleich?"