Man muss den Untertitel dieses Werkes genau lesen, um nicht falsche Erwartungen zu hegen: dort verspricht man nicht 500 Jahre Protestantismus im Rheinland, sondern "nur" 500 Jahre Protestanten, und tatsächlich bekommen wir hier keine erschöpfende Gesamtgeschichte des rheinischen Protestantismus, sondern die Geschichten einzelner protestantischer Persönlichkeiten im Kontext ihrer historischen Situation, auf die sie allerdings erheblichen Einfluß nahmen. Viele dieser Persönlichkeiten wurde bisher wenig beachtet und so waren auch die Dinge, für die sie gekämpft haben, allenfalls Fußnoten wert. Indem Klaus Schmidt, gesellschaftskritischer Theologe im Ruhestand, aber eigentlich eher im Unruhestand (im positiven Sinne), diese Geschichten dem Vergessen entreißt und in ihrer Tiefendimension und wahren Größe sichtbar macht, erzählt er damit auch viele Ereignisse neu, die zur rheinischen Geschichte der letzten Jahrhunderte gehören sollten und jetzt auch hoffentlich gehören werden.
Dabei handelt er, um den Obertitel auch noch aufzugreifen, weniger vom protestantischen Glauben selbst, als von seiner Instrumentalisierung für Machterhalt oder Freiheitsbestrebungen, was wegen der Oberhoheit der jeweiligen Landesherren über ihre protestantische Gemeinden von jeher ein Dauerthema war.
Es geht ihm also weniger um Theologie als um Ideologie, eingesetzt zur Zementierung bestehender Verhältnisse oder zur Freisetzung von Veränderungskräften, für die Benachteiligten und Unterdrückten. Dass der Autor hierbei ganz klar auf Seiten der Gesellschaftsveränderer steht, daraus macht er hier sowenig einen Hehl wie in seinen früheren Veröffentlichungen zur Märzrevolution im Rheinland und ihren Protagonisten wie Raveaux, Gottschalk oder Kinkel.
Hier weitet sich dieses rheinische Gesellschaftspanorama von den Wiedertäufern des Mittelalters bis zu den Kämpfern gegen die Notstandsgesetze der vom Kalten Krieg geprägten Wohlstandsrepublik. Wobei allerdings die frühen Epochen knapper behandelt werden, und das Schwergewicht eindeutig auf der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts bis zur Gegenwart liegt (etwa 2/3 des Textes). Anders wäre es allerdings auch kaum möglich gewesen, die erschütternden und teilweise noch immer kaum bewältigten Epochen der imperialen Großmachtsträume und der Kriegsverbrechen, und der wenigen aufrechten Glaubenskämpfer dagegen, so erschütternd auszubreiten, wie es hier dankenswerter Weise geschieht.
Wer sich in die behandelten Personen und Themen weiter vertiefen will, wird in einer Vielzahl von Fußnoten mit grundlegender und weiterführender Literatur versorgt, und in Exkursen auf zusätzliche Aspekte aufmerksam gemacht (macht etwa ein Viertel des Buches aus). Man sieht also, dass die lebendige und engagierte, teilweise auch sehr unterhaltsame Darstellungsweise nicht auf Kosten des wissenschaftlichen Diskursfähigkeit geht, auch wenn der Autor ständig in der Gefahr schwebt, durch sein Engagement jene Distanz zum historischen Gegenstand aufzugeben, die eine objektive Historiographie wahren sollte. Da es hier aber um lebendige Persönlichkeiten (von Hermann von Wied und Anne Maria von Schürmann bis zu Gustav Heinemann und Dorothee Sölle) und damit um zutiefst Subjektives geht, hält sich diese Gefahr in Grenzen.
Wichtige historische Ereignisse, die sich nicht an den von Schmidt ausgewählten Persönlichkeiten festmachen lassen, bleiben bei diesem Darstellungsprizip allerdings weitgehend außen vor. So kommt etwas das rheinische Mischehenproblem im 19. Jahrhundert, jenes Glaubensdilemma der Protestanten mit katholischen Ehepartnern, die durch die fundamentalistische Haltung der römischen Kurie schweren Gewissennöten ausgesetzt waren, gar nicht zur Sprache. Und obwohl die meisten der von Schmidt ausgewählten Protagonisten für die unteren Schichten eintraten , ergibt sich doch eigentlich keine Geschichte von unten, denn der kleine Mann und die kleine Frau in ihrer alltäglichen Glaubenspraxis, die ja nicht einfach auf Gesellschaftsveränderung reduziert werden kann, bleibt sozialgeschichtlich im Kernschatten, wo sich der Blick auf herausragende Lichtgestalten konzentriert. Daher hätte ich in gerne auf das Kapitel über Heinrich Heine verzichtet, der im Rheinland noch kein Protestant und als Protestant nicht mehr im Rheinland war, und als Modevorzeigefigur in dieser Republik geradezu inflationär herhalten muss. Lieber hätte ich noch mehr erfahren über weitere vergessene Helden/innen der Geschichte, von denen Schmidt ja etliche (wie z.B. Fliedner oder Adolph Schults) ausgegraben hat.
Wenn es bei der Darstellung sonst noch etwas anzukreiden gibt, dann die für ein Überblickswerk übertriebene Anzahl von Anmerkungen, die leider nicht unter dem Text, sondern im Anhang stehen, was zu einer ermüdenden und zermürbenden Hinundherblätterei beim Lesen führt. Manche dieser Fußnoten sind unnötiger Belast und belegen umständlich Sachverhalte, die keines Nachweises bedurft, oder einmal kurz hätten umrissen werden können, andere enthalten dann wieder extrem wichtige Exkurse, die eigentlich vorne im Text stehen sollten, und so vielleicht nicht gelesen werden, weil die lebendige Darstellung es leicht macht, vorne zu verweilen und hinten gar nicht reinzuschauen.
Ein weiteres Darstellungsmittel, was ich bei der lehrreichen Lektüre als lästig empfand, ist die Vorliebe des Autors, chronologisch fulminant vorwärts zu preschen, und zum Verständnis nötige Vortatsachen erst später nachzuliefern oder auf verschiedene Kapitel (und diverse Anmerkungen) zu verteilen.
Gleichwohl ist die Lektüre jedem historisch und thematisch Interessierten unbedingt zu empfehlen, nicht zuletzt, weil sie Lust macht, über den Tellerrand zu schauen und größere Zusammenhänge kritisch zu hinterfragen.
Das Preis-Leistungsverhältnis ist bei diesem großzügig gedruckten Werk sehr gut, lediglich das gänzliche Fehlen von Abbildungsmaterial ist zu bedauern, das bei der Personenhistoriographie ja eigentlich dazu gehört. Oder sollte da noch ein eigener Abbildungsband nachkommen? Wünschenswert wär's...