Der Klappentext spricht von einer "zutiefst beunruhigenden" Momentaufnahme des Christentums. Das ist schmeichelhaft, wo doch hier in Westeuropa Kirche oft als langweilig und harmlos bezeichnet wird. Abbas zeigt, dass "Christentum" nicht eine homogene Grösse ist, sondern eine faszinierende, farbige, bewegende, teilweise verstörende, teilweise berührende Welt. Es soll nicht verwundern, dass die historischen katholischen oder protestantischen Kirchen Westeuropas darin nicht vorkommen. Zum einen sind sie nicht besonders fotogen - vor allem aber: sie sind im Blick auf die ganze Welt eine Minderheit. Abbas' Bildband spiegelt wider, dass das Zentrum des Christentums sich schon längst in den Süden verschoben hat. Abbas' fotografischer Blick ist der eines Aussenstehenden, eines sensiblen, aufmerksamen, mit sich und dem Gegenstand ehrlichen Beobachters. In Zeiten, in denen manche dazu neigen, "das" Christentum "dem" Islam diametral gegenüber zu stellen, ist dieser respektvolle, differenzierende Blick wohltuend. Er lädt ein zum genauen Hinsehen, weckt Lust auf eigene Entdeckungsreisen nicht nur in die Christenheit, sondern auch in andere religiöse Welten.