Offenbarung und Metaphysik
Kurt Hübners Buch «Glaube und Denken»
Von Jan-Heiner Tück Nicht nur Gläubige sind Zweifeln ausgesetzt. Vorstellbar ist, dass ein eingefleischter Skeptiker, der einem schweren Unfall entronnen ist, ebenfalls ins Grübeln kommt und an seinem Unglauben zweifelt. Letztlich kann er die glückliche Koinzidenz von Umständen, die zu seiner Rettung geführt haben, nur dankbar annehmen, erklären kann er sie nicht. Grenzerfahrungen wie diese mögen blitzartig erhellen, dass der wissenschaftlich- technische Zugang zur Wirklichkeit, der den Glauben immer wieder unter Rechtfertigungsdruck setzt, Grenzen hat. Das Erklärungsmonopol der Wissenschaft zurückzuweisen und deren verdeckte Grenzen freizulegen, ist die eine, eher erkenntniskritische Absicht von Kurt Hübners Buch «Glaube und Denken», die Rehabilitierung des Mythos und der christlichen Offenbarung die andere. Er vertritt dort die These, dass Wissenschaft, Mythos und Religion erkenntnistheoretisch gleichberechtigte Zugänge zur Wirklichkeit darstellen. Da die Wissenschaft immer nur hypothetischen Charakter habe, könne sie die Wahrheit des Mythos und der Offenbarung weder beweisen noch widerlegen. Mit der Depotenzierung des wissenschaftlichen Geltungsanspruchs schafft Hübner Raum für alternative Zugänge zur Wirklichkeit. Dabei geht es ihm vor allem darum, den Logos der christlichen Offenbarung von dem des metaphysischen Denkens abzuheben. OFFENBARUNG In einem ersten weit ausholenden Teil rekonstruiert er unter dem Titel «Der Logos der Offenbarung als Essen vom Baum des Lebens» den mythischen Sinn zentraler Elemente des christlichen Glaubens. Mit Bultmann teilt er dabei die Einsicht, dass die biblischen Offenbarungszeugnisse durchgehend mythischen Charakter haben. Anders als Bultmann verfolgt er allerdings nicht eine modernitätsverträgliche Entmythologisierung, welche den Glauben seiner Anschaulichkeit beraubt und um seinen substanziellen Gehalt bringt. Nach Hübner trägt die Offenbarung, insofern sie sich weltimmanent an den Menschen richtet, mythische Züge. Erst insofern in ihr der eine und transzendente Gott ins Spiel komme, durchbreche sie das mythische Weltbild. Im Blick auf die grossen Themen Schöpfung, Erbsünde und Erlösung, Gnade, Trinität und Gericht wird dieses Verhältnis von Mythos und Offenbarung durchbuchstabiert. Dabei entsteht ein kraftvolles Gemälde der christlichen Glaubenslehre, das auch vor heiklen Punkten nicht zurückscheut, die einer «aufgeklärten» Theologie Kopfzerbrechen bereiten: An der Jungfrauengeburt hält Hübner fest, weil nur so die «mythische» Rede von Jesus als dem Sohn Gottes konsistent sei; Wunderheilungen und Dämonenaustreibungen werden nicht entschärft, da sie die göttliche Herkunft Jesu illustrieren; die Forderung nach Frauenordination sei «widersinnig», da der Priester im Sinne der Wieder-Holung der Gegenwart Christi beim letzten Abendmahl als dessen «Stellvertreter» agiere. Auch verabschiedet Hübner die Lehre von Engeln und Dämonen nicht, erinnert vielmehr im Gespräch mit Rilkes «Duineser Elegien» an halb vergessene Einsichten der Angelologie und erörtert mit Thomas Mann, Bernanos und Dostojewski die Dimension des Satanischen. Es entstünde freilich ein falscher Eindruck, wollte man Hübners Darstellung auf entlegene Seitenstücke beschränken. Im Mittelpunkt stehen die grossen Themen, welche die Leben spendende Kraft des Glaubens demonstrieren. Anders als manche historisch-kritische Hypothese, die zu keiner Wahrheit mehr vordringt, für die es zu sterben lohnte, geht es Hübner um den Logos der Offenbarung, der seine Hörer unbedingt fordert. Nach einer Auslegung des Schöpfungsberichts, welche die Kompatibilität des Schöpfungsglaubens mit der Evolutionstheorie und Kosmologie erweisen soll, werden Erbsünde und Erlösung als Eckpfeiler des Glaubens zur Geltung gebracht. Hübner bemerkt, dass Erbsünde kein moralischer, sondern ein religiöser Begriff ist, der die fundamentale Gottferne des Menschen vor allem individuellen Freiheitsgebrauch anzeigt. In kreativer Fortschreibung von Heideggers Daseinsanalyse werden die Implikationen dieser Gottferne entfaltet. Die Sorge um sich selbst, Welt- und Todesangst, absolute Einsamkeit kennzeichnen die adamitische Verfassung des Menschen. Jeder eigenmächtige Versuch, sich aus dieser Selbstverfallenheit zu befreien, führe nur umso tiefer in die Verstrickung hinein. Erst die Selbstoffenbarung Gottes in Christus vermag die Gottferne des Menschen in Gottnähe, die Sorge um sich selbst in die Sorge um Gott und sein Reich zu verwandeln. Am Kreuz ereignet sich die Peripetie im heilsgeschichtlichen Drama, indem Christus durch sein stellvertretendes Sterben den Menschen einen neuen Zugang zu Gott ermöglicht hat, der in Taufe und Eucharistie bis heute sakramental angeeignet wird. Leider haben sich in Hübners Abriss, der im Übrigen anregende Passagen über Kunst, Musik und Humor im Horizont des Glaubens enthält, kleinere Mängel eingeschlichen, so z. B., wenn er den jüdischen Gottesnamen mit «Jehowa», einer nachweislich falschen Vokalisierung des Tetragramms JHWH, wiedergibt. Auch ist die Behauptung, dass im Ritus der katholischen Messe dem Priester die «Epistellesung» vorbehalten sei (es ist das Evangelium), falsch. Aber diese Petitessen wiegen wenig im Vergleich zu Hübners Auffassung, der Logos der Offenbarung enthalte die Lehre einer doppelten Prädestination. Wenn die einen von vornherein zum Guten, die anderen aber zum Bösen vorherbestimmt wären, verlöre die Heilsgeschichte ihren dramatischen Ernst und degenerierte zu einem Marionettenspiel Gottes. Mag der Mythos das unausweichliche Fatum kennen, für die hermeneutische Aneignung der christlichen Offenbarung sind Freiheit und Liebe unabdingbare Kategorien. METAPHYSIK Unter dem Titel «Der Logos der Metaphysik als Essen vom Baum der Erkenntnis» wird im zweiten Teil die Philosophie als Konkurrentin der Offenbarung ins Spiel gebracht. Hier geht es um die grossen Versuche, den Zusammenhang von Gott, Welt und Mensch unter Absehung der Offenbarung allein mit den Mitteln der Vernunft zu durchleuchten. Die Stationen des abendländischen Denkens von Platon und Aristoteles über die Systeme der Renaissance, des Rationalismus und des Deutschen Idealismus bis hin zu Nietzsche und Sartre werden abgeschritten. Der Leser durchläuft eine Galerie eindrucksvoller Gestalten, die am Ende zeigen, dass die metaphysische Gottsuche spätestens bei Nietzsche in eine Metaphysik der Gottlosigkeit umschlägt. Dabei geht es Hübner primär um den Aufweis, wie die Systeme an ihren eigenen Aporien zerbrechen. Es bleibt eine Landschaft von Trümmern. Die heutige Situation der sogenannten Postmoderne wird als Zerfall der Metaphysik charakterisiert. Das Denken löst sich in eine Pluralität von philosophischen Strömungen auf, die sich gleichwohl immer noch in Konkurrenz zum Logos der Offenbarung etablieren. Die Zerrissenheit der Moderne äussert sich daher nur oberflächlich im bunten Nebeneinander disparater Ansätze, sie gründet letztlich in einem schwelenden Konflikt zwischen Philosophie und Religion, zwischen Denken und Glauben. Die fundamentale Schwäche der Vernunft kann allerdings als Indiz für die Erklärungskraft der Offenbarung genommen werden. Im Lichte des Glaubens lässt sich die Geschichte der Metaphysik als eine Geschichte hybrider Versuche deuten, sich des Ganzen der Wirklichkeit qua Vernunft zu bemächtigen. Ist aber das Scheitern der Metaphysik und ihres Anspruchs, das Ganze auf den Begriff zu bringen, als Triumph der Offenbarung zu werten? Auf jeden Fall wird der Leser durch Hübners Opus magnum vor die Entscheidung gestellt, ob er am Ende dem Logos der Offenbarung oder dem der Metaphysik folgen wolle. Diese Entscheidung wird, wo sie ernsthaft als Herausforderung angenommen wird, nicht mehr nur hypothetisch ausfallen können. Denn Glaube und Denken sind letzte Haltungen, deren Verhältnis allerdings durchlässiger sein dürfte, als es bei Hübner gefasst wird. «Glauben ist nichts anderes als zustimmendes Denken», bemerkte schon Augustinus. Und er fügte hinzu: «Aber nicht jeder, der denkt, glaubt, da doch viele nur denken, um nicht glauben zu müssen.»
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Buchnotiz zu : Die Zeit, 08.11.2001
Nicht weniger als "ein epochales philosophisches Ereignis" und die Abrundung eines Lebenswerkes stellt dieses Buch für den Rezensenten dar. Das von Huber auf seinem Weg der Konfrontation des Offenbarungsglaubens mit dem Denken der modernen Naturwissenschaft verfolgte Toleranzprinzip ist Dieter Borchmeyer von Anfang an sympathisch. Staunend steht er zudem vor der universalen Kompetenz eines Autors, der es vermag, über Natur- und Kunstwissenschaften, Einstein und Goethe, das mosaische Gesetz und die Genom-Entzifferung gleichermaßen überzeugend zu urteilen und dem es darüber hinaus gelingt, die selbstsichere naturwissenschaftliche Vernunft sowie eine Theologie zu erschüttern, "die mit ihren Entmythologisierungs- und Rationalisierungstendenzen auf den Bahnhof des Zeitgeistes eilt."
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