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Amitav Ghoshs literarische Erkundung der Geschichte Burmas
Die Arbeit am «Glaspalast» seinem vierten und neuesten Roman habe ihn verändert wie keines seiner Bücher, habe ihn zur Revision seines Geschichtsverständnisses gezwungen, sagte Amitav Ghosh in einem Interview. Das erstaunt insofern, als fast alle seine Romane und Schriften die herkömmliche Historiographie und Ethnographie auf höchst komplexe Weise in Frage stellen. Besonders die «Schattenlinien» (1988) und «In einem alten Land» (1992) zeigen, dass Ghosh, der 1956 in Kalkutta geboren wurde, in Delhi und Oxford studierte und bis vor kurzem Anthropologie an der New Yorker Columbia University lehrte, mit den wissenschaftlichen Debatten der letzten Jahrzehnte bestens vertraut ist sie bilden den kaum sichtbaren Hintergrund seiner Bücher.
Historisches Panorama
Denn Ghosh kann erzählen, und er tut es mit jener präzisen Vorstellungskraft, die auf genauer Recherche beruht. Am «Glaspalast» hat er fünf Jahre geschrieben, er hat sich durch Unmengen von Material gearbeitet und ist Tausende von Kilometern durch Malaysia, Burma und Indien gereist, um sich die Romanschauplätze anzusehen und um mit Überlebenden der Indischen Nationalarmee und des sogenannten Langen Marsches zu sprechen, jenem kaum bekannten Exodus von 400 000 Burma-Indern, die 1941/42 vor den Japanern nach Bengalen flohen. Ein erstes Zeugnis dieser geradezu besessenen Recherche war der 1997 erschienene Reiseessay «At large in Burma», der die postkoloniale politische Arena Burmas beleuchtet. Denn in Ghoshs neuestem Roman geht es unter anderem um die Frage, wie Burma vom unter Burma-Indern fast sprichwörtlichen «goldenen Land» zu einem vergessenen, hermetisch abgeriegelten, düsteren Nachbarhaus werden konnte. Entstanden ist auf diese Weise ein gross angelegtes Panorama der Geschichte Burmas von der Einverleibung ins Britische Empire 1885 bis zu den öffentlichen Versammlungen vor dem Haus der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi 1996. Es ist aber auch ein Roman über die indische Diaspora über die, die aus freien Stücken nach Burma und Malaysia kamen, um ihr Glück zu machen, und über jene, die als Plantagenarbeiter dorthin verkauft wurden manchmal von den eigenen Landsleuten.
Selbstkritik, also der Aspekt der Kollaboration, der ausführlich am moralischen Dilemma der indischen Offiziere in der britisch-indischen Armee dargestellt wird, ist für den «Glaspalast» ebenso zentral wie die Kritik am britischen Kolonialismus. Ghosh klagt nicht an, sondern führt die subtilen Mechanismen vor, die das Denken der Kolonialisierten verformen in Burma und Indien je anders. Dem Niedergang der burmesischen Monarchie, das heisst der Verbannung der Königsfamilie in die indische Provinzstadt Ratnagiri, wird kontrapunktisch der Aufstieg des mittellosen indischen Waisenknaben Rajkumar zum Teak-Tycoon gegenübergestellt.
Bei der Plünderung des Glaspalastes jener legendären, mit Spiegeln und Kristall besetzten Audienzhalle im Palastgarten von Mandalay verliebt sich der Elfjährige in das Waisenmädchen Dolly, das als Kindermädchen der Prinzessin im Palast aufwächst. Zwanzig Jahre und 120 Seiten später, auf denen Rajkumar zusammen mit seinem Arbeitgeber und Mentor Saya John, einem malaiischen Chinesen, die Teakholzlager mit Proviant versorgt und man unter anderem aufs Spannendste über Teakholzgewinnung und Arbeitselefanten unterrichtet wird, kommt er als reicher Mann nach Ratnagiri, findet und heiratet Dolly und geht mit ihr zurück nach Burma. Dolly hat sich im Exil mit Uma angefreundet, der Frau des indischen Bezirksverwalters, die nach dessen plötzlichem Tod nach New York geht und sich der indischen Unabhängigkeitsliga anschliesst. Dort trifft sie auf Saya Johns Sohn, der bereit ist, zusammen mit seiner amerikanischen Frau eine Kautschukplantage in Malaysia aufzubauen. Die Kinder der befreundeten Familien heiraten und verknüpfen auf diese Weise die Schauplätze.
Dass der deutsche Klappentext den Roman als «Familiensaga» und Liebesgeschichte etikettiert, ist irreführend, nicht nur weil man mit gleichem Recht von einem Abenteuer- und Kriegsroman sprechen kann, sondern weil es nicht, wie in den «Schattenlinien», um eine erschöpfende Darstellung der Figuren geht. Sie dienen hier in erster Linie dazu, das Geschichtspanorama zusammenzuhalten und mit Leben zu füllen, und es ist Ghoshs Erzähltalent zu verdanken, dass sie dabei nicht zu blossen Sprachrohren für Ideen werden. Gewisse unglaubliche Zufälle in der Handlung nimmt man bereitwillig hin, weil auch die historischen Fakten so unglaublich klingen, dass ein Märchenerzähler sie nicht besser hätte erfinden können: Die Grausamkeit dreissigjähriger Gefangenschaft im indischen Exil beispielsweise kann sich durchaus mit derjenigen der Königin Supayalat messen lassen, die an die hundert Mitglieder der königlichen Familie in Teppichen zu Tode knüppeln liess, «um das Vergiessen königlichen Blutes zu verhindern».
Zu glatte Oberfläche?
Ghosh hat die Materialfülle so gekonnt aufbereitet und verlebendigt, dass man den fast 600 Seiten die Mühe niemals anmerkt. Wie er ein Stück kaum bekannter Geschichte so belichtet, dass man sich als Leser nie belehrt fühlt oder langweilt, ist beachtlich und gleichzeitig das Problem. Denn eine Erzählweise, die vor allem auf Eingängigkeit bedacht ist und alles Metafiktionale, alle Brüche vermeidet, macht den Leser leicht blind für die Ungeheuerlichkeiten, die hier verhandelt werden. Wer den Roman vor allem als Liebesroman rezipiert, wird über andere, wichtigere Ebenen hinweglesen. Zwar gibt es Reflexion in Form multiperspektivischer Debatten, die vorführen, wie die Figuren zu neuen Standpunkten gelangen, aber das genügt nicht, um wirklich zum Nachdenken anzuregen. Als hätte Ghosh sich in seinen anderen Romanen schreibend durch alle Fragestellungen durchgearbeitet, gibt er nun Antworten.
Mit anderen Worten: Ghosh ist bei einem Typus des historischen Romans angelangt, der zwar Widersprüche zulässt, diese aber durch die ungebrochene Erzählweise wieder einebnet. Die neue Einfachheit bewirkt, dass man ihm glaubt, ohne sich gross zu wundern, geschweige denn die Verwandlung nachempfinden zu können, die die Niederschrift dieses Buches bei ihm bewirkt hat. Dass sie stattgefunden hat, zeigte sich, als er zum eurasischen Regionalgewinner des diesjährigen Commonwealth Writer's Prize erkoren wurde und den Preis notwendige Qualifikation für die Endrunde ablehnte: Der Begriff «Commonwealth», so seine Begründung, stehe für eine Lesart der Vergangenheit und der Gegenwart, die mit seinem Buch nicht zu vereinbaren sei.
Claudia Wenner
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11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Eine faszinierende Reise durch ein Jahrhundert Geschichte,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der Glaspalast (Gebundene Ausgabe)
Im Unterschied zu den meisten obigen Rezensenten fand ich das Buch großartig - es ist nur ganz anders als europäisch-amerikanische Familiensagas. Die Personen werden ganz anders präsent - und das hängt damit zusammen, daß der Mensch in buddhistisch-hinduistischer Tradition eine völlig andere Rolle hat als in christlich-abendländischer. Die riesige versunkene Welt des alten Birma und des alten Indien wird ebenso deutlich wie die des britischen Empire. Schade nur, daß das moderne Indien weniger vorkommt, dafür wird aber die Militärdiktatur in Birma anschaulich präsent. Ein Muß für alle, die sich für die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus einem anderen Blickwinkel als dem bei uns gängigen interessieren!
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Wo ist der rote Faden?,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Der Glaspalast (Gebundene Ausgabe)
Ich habe wahrlich nicht zu früh aufgegeben, aber nach 400 von 600 Seiten gebe ich jetzt auf. Das Buch hält nicht das, was es verspricht. Die Familiensaga in Burma lässt einiges vermissen, was ich von einem guten Roman erwarte. Die Personen sind oberflächlich beschrieben, die Story ist lediglich eine Aneinanderreihung von mehr oder weniger interessanten Gegebenheiten. Es fehlt ein roter Faden, der mir den Anreiz gibt, das Buch weiter zu lesen. Die Sprache ist nicht schlecht, tröstet aber nicht über die mangelnde Spannung hinweg. Schade, ich hatte mir mehr versprochen!
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Langweilig und endlos,
Von alois@astro.ch (Meilen, Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Der Glaspalast (Gebundene Ausgabe)
Ich habe das englische Original gelesen und fand es sprachlich fad und uninspiriert. Ich schätze epische Breite und Familienromane, aber in diesem Fall war das Ganze langweilig und zog sich endlos hin. Wenn es stimmt, was der Autor im Nachwort schreibt, dass alle Figuren mit Ausnahme der Königsfamilie frei erfunden sind, so liegt vielleicht genau darin der Grund, warum die Personen so flach und eindimensional daherkommen. Verglichen z.B. mit 'A suitable Boy', einem grossen indischen Familienroman, ist 'The Glass Palace' schwach.
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