Ca. 1.000 Einwohner lebten in dem Provinznest Monroeville gegen Ende der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet in diesem kleinen Ort zwei der bekanntesten Schriftsteller Amerikas Haus an Haus wohnten: Nelle Harper Lee (geb. 1926), die für ihren einzigen Roman
Wer die Nachtigall stört im Jahre 1961 den Pulitzerpreis gewann, und Truman Streckfus Persons (1924-1984), den Nachnamen Capote erhielt er erst als der zweite Mann seiner Mutter ihn im Jahre 1935 adoptierte.
Nelle ist ein burschikoses Mädel, welches sich auch gerne mit Jungen prügelt. Truman hingegen verzärtelt von den Tanten - eine steckt ihn sogar in Mädchenkleider. Gemeinsam ist beiden, dass Ihnen die mütterliche Liebe und Zuneigung fehlt. Nelles Mutter leidet an einer Nervenkrankheit, ist häufig über lange Perioden in Krankenhäusern oder anderen Institutionen. Trumans Eltern haben andere Interessen, kümmern sich nicht um den Jungen und geben ihn lieber bei den Verwandten in Monroeville ab.
Als Nelles Vater den Kindern eine Underwood Nr. 5, eine Schreibmaschine, schenkt, ändert sich das Leben der Beiden. Fortan schleppen die Kinder die Schreibmaschine zwischen den Häusern hin und her, um ihre Geschichten mit dem Einfinger-Suchsystem zu Papier zu bringen. Capote wusste bereits ab seinem 8. Lebensjahr, dass er nichts anderes als Schreiben wollte und steckte mit seiner Begeisterung die Freundin an.
Kindheit und Jugend bis hin zu den ersten beruflichen Erfolgen, das ist der Schwerpunkt im ersten Teil dieses Buches. Es folgen Literaturanalysen: die ersten Erfolge von Capote und Harper Lees einziger Roman WER DIE NACHTIGALL STÖRT. Bei beiden Büchern untersucht die Autorin wie viel von der Persönlichkeit des jeweils Anderen eingeflossen ist. Die auffallende Ähnlichkeit der Romanfigur Charles Baker Harris, genannt Dill, in dem Buch WER DIE NACHTIGALL STÖRT zu dem Jugendfreund der Autorin. Und auf der anderen Seite die Übereinstimmungen zwischen der Figur Idabel in
Andere Stimmen, andere Räume: Roman und Nelle. Wie haben die beiden Schriftsteller ihre gemeinsamen Erinnerungen verarbeitet? Diese Literaturanalysen nehmen viel Raum ein.
Auch der Mythos von der Autorschaft von WER DIE NACHTIGALL ... wird erwähnt - das eine ungelöste Rätsel der amerikanischen Literaturgeschichte. Wie viel Capote steckt in dem Buch? Ist die Tatsache, dass Harper Lee nie mehr einen zweiten Roman veröffentlicht hat, ein Indiz für seine Mitautorenschaft?
Ein letzter Schwerpunkt ist die Entstehung von
Kaltblütig. Die Dokumentation der grausamen Morde an einer Familie in einer Kleinstadt in Kansas. Was ursprünglich als Serie von Artikeln gedacht war, wurde aufgrund des umfangreichen Materials schließlich zu einem Roman. Einer der gefeierten Erfolge von Truman Capote. Harper Lee unterstützte den Jugendfreund vor Ort bei der Recherchearbeit, dokumentierte, führte Interviews, vor allem aber half sie ihm von der lokalen Bevölkerung akzeptiert zu werden, da er, der Großstadtmensch, aufgrund seines extravaganten Äußeren und seiner exzentrischen Manieren vor allem für Belustigung sorgte und man ihn nicht ernst nahm.
Natürlich wird auch die unterschiedliche Entwicklung der Lebensstile thematisiert: Capote mit einem ausschweifenden Leben, Harper Lee zurückgezogen. Er neidete ihr den Pulitzer Preis, sie gönnte ihm die Erfolge. Unterschiedlicher kann man nicht sein. Interessant ist der Zeitpunkt des Bruches, offensichtlich früher als bislang angenommen, wenn man Lavizzaris Deutung folgt: Harper Lee war enttäuscht, dass Capote sie bei KALTBLÜTIG nicht als Co-Autorin nannte, obwohl sie ihn bei der Recherche-Arbeit intensiv unterstützt hatte, ja manche Kontakte erst ermöglicht hatte. Statt dessen widmete er das Buch seinem Lebensgefährten und ihr gemeinsam. Die Einladung zu dem Black and White Ball schlug sie aus, der Kontakt zu Capote schlief ein. Die Folgejahre von Beiden werden nur oberflächlich gestreift.
Zur Lesbarkeit: Sehr lebendig geschrieben! Zitate sind im Text eingebaut, stören aber gar nicht. Es liest sich wunderbar leicht und flüssig. Obwohl die Autorin nicht in Monroeville war entsteht die Ortschaft vor den Augen des Lesers. Sehr bildhaft.
Mein Fazit: Dies ist eines der Bücher bei dem ich bedaure, dass ich so oft 4-5 Sterne vergebe. Denn es sticht aus der Masse eindeutig hervor und ich würde gerne auch mit der Punktzahl zeigen, dass es etwas Besonderes ist. Die von der Autorin gesetzten Schwerpunkte finde ich gelungen. Für mich war es ein sehr informatives Buch. Keine herkömmliche Biografie, aber eine hervorragende Dokumentation vom Entstehen und Auseinandergehen einer Freundschaft sowie interessante Literaturanalysen. Persönlich konnte ich vieles hinzu lernen und deshalb empfehle ich es auch sehr gerne weiter.
ACHTUNG: Nicht geeignet ist es aufgrund der Schwerpunktsetzung für diejenigen, welche eine allumfassende Biografie der beiden Schriftsteller suchen.