"Ohne zu wollen, verraten die Verschwiegenen doch immer den Kern ihres Wesens."
(Emile Maria Cioran)
Um einen abgesonderten Menschen wie Beckett zu entschlüsseln, muss man sich der Redewendung "sich Abseits halten" zuwenden, um Einsamkeit wie Eigensinn zu erleben und aus diesen Begriffen eine endlose Aufgabe für den Menschen abzuleiten. So hartnäckig zu sein, wie eine Maus, die einen Sarg zernagt (eine Redewendung aus dem Buddhismus nach Cioran), so hartnäckig ist Beckett, wenn es um die Klärung der Existenz geht, gemeint ist damit die Zurückführung auf die wahre Existenz, in der die vermeindliche Klärung der Existenz eigentlich nur untergraben wird. Die Existenz erscheint dort wahr, wo der tiefste Punkt erreicht ist. Der tiefste Punkt auf jener Keat'schen Leiter, der eine neue Wärme für den Aufstieg erzeugt. Doch für Beckett bleibt nur die Illusion, nicht mal ein leichtes Gespür von Wärme, er ist nicht Romantiker im Schwarzen, er ist Existentialist im Absurden. Aus-ein- ander-setzen bedeutet eine höhere Form der Selbstzerstörung. Das bedeutet letztendlich: "Die Zeit, die wir auf Erden zu verbringen haben, ist nicht lang genug, dass wir sie für etwas anderes einsetzen als für uns selbst." Aus den Trümmern neu geboren. Oder wie Elliot in "Das wüste Land" schrieb, dass selbst die Scherben noch zu etwas zu gebrauchen sind ("Diese Scherben hab ich gestrandet, meine Trümmer zu stützen"). In welcher Form auch immer.
Wenn die "Tropfen des Schweigens aus dem Schweigen fallen", dann sind wir schon mitten in den "Glücklichen Tagen". Die Beckettschen Sinnbilder der Hinfälligkeit werden hier brutal ins Licht gesetzt. Zwei Personen, Winnie und Willie leben in einer Wüste des Lebens, sie (Winnie) eingegraben im Sandloch, er (Willie) unsichtbar in der Nähe liegend und schweigend. Winnies Tagesablauf wird durch einen Wecker bestimmt, der morgendlich den Weckton, der abendlich für die Gute Nacht und die Verabschiedung eines "Glücklichen Tages" klingelt. Welches Glück durchzieht den Tag? "Oh, dies ist ein glücklicher Tag, dies wird wieder ein glücklicher Tag gewesen sein! (...) Trotzallem. (...) Bislang." Das Futurum exactum definiert die Möglichkeit als Wirklichkeit.
Winnie, unbeweglich, einen schwarzen Sack voller Dinge (eine normale Handtasche dieses Lebens) in der Nähe, ansonsten bis zur Hüfte eingegraben in einem Sandloch. Sie redet den Tag schön, sie erfreut sich, wenn Willie etwas antwortet. Ihre Welt ist die Äußere, sie schminkt sich, sie will reden mit jemanden, der zuhört und wenn nicht, redet sie auch so. Mit sich. Es sind die Erinnerungen, die bewegen und heute und jeden Tag schön machen. Alles wird gut und doch sinkt Winnie weiter in das Sandloch. Sie redet, reden wirkt wie die Bewegung im Sumpf, strampeln wie reden bedeutet die Versenkung. Winnie im zweiten Akt ist noch tiefer versunkenen, Willie ist schweigsam und auf sich fixiert. Er hört nur selten, er redet kaum, er lebt in der nahezu endgültigen Absage an das Wort. Er ist wie Beckett, er ist wie Wittgenstein. Wo nichts mehr zu sagen ist, ist Schweigen,
Das Sein ist nun Wüste. In der leben die zwei, beide in ihrer Lebensweise. Winnie, der Welt der Dinge zugewandt, die in ihrem schwarzen Sack sind, mit Lust auf ein Gespräch immer redend und sich nahezu zufrieden gebend im Selbstgespräch, welches das Vergangene hofiert. Dabei unbeweglich und gefangen im Sand der Wüste aller Äußerlichkeiten. Willie, in der gleichen Wüste, aber ebenso unbeweglich aus sich selbst heraus. Er kann, doch er will nicht, weil er nichts merkt. Zwei Ursachen, eine Wirkung. Und die Frage, was mag die beiden aneinander gefesselt haben, scheint als Antwort auf den den Wunsch nach Selbstaufgabe im anderen zu führen. Falsch verstandene Liebe vielleicht, die das eigene Leben erst im anderen als Spiegelung erfahrbar glaubte. So Winnie, die auf jeden Satz von Willie den Tag als glücklich offenbarte. Und Willie, der am Ende den Sandhügel erklettert für den letzten Kuss oder das fällige Begräbnis. "Hab mich lieb!" Als wenn er all der Worte Leid wäre, ("s'wahr, s'wahr") die die Zunge als einzige Bewegliche von sich gab. Der Körper Winnies bereits gefesselt im Sand, doch die Zunge und die Worte in einer beredten Vielfalt im Spiegel des möglichen Lebens. Absurde Illusion, lebendiger Tod, ironisch glückliche Tage. Das Lächeln verschwindet. Es bleibt ein starrer Blick. "Es bleibt immer etwas übrig: Von allem."
Die "Glücklichen Tage" sind pure Ironie, sie gelten da, wo man sich sie lange genug einredet. Die "Glücklichen Tage" sind eine Form des absurden Existentialismus. Camus schrieb im Sisyphos: "Das Absurde entsteht aus der Gegenüberstellung des Menschen, der fragt, und der Welt, die vernunftwidrig schweigt." Camus wie Sartre nähern sich philosophisch der Existenz an sich, das absurde Theater löst den Sinn der Welt auf, das unumstößliche existentielle So-Sein tritt in den Vordergrund, das So-Sein im Absurden ist grenzenlose Apathie. Das Stück handelt vom reinen Zustand, von Winnies Zustand zwischen zwei Leben, dem gewünschten und dem tatsächlichen und damit auch zwischen Hoffnung und Vergeblichkeit. Da, wo es nicht schlimmer kommen kann als im Sandhaufen, unbeweglich selbst und doch weiter nach unten ziehend bis man weg ist, ist das Wenigste das höchste Glück. In der Tat, auf sich zurück geworfen, die einzige Perspektive die Erinnerung und das Selbstgespräch. Die versandete Winnie, eine Wüste um sich, weil sie das vorgebliche Leben nicht leben konnte. Ein dem Leben abgekehrter, aber sich selbst zugewandter Willie in all seiner Belanglosigkeit scheint ewig. Nicht die Aktion, die Darstellung im Äußeren ist wichtig, sondern sich selbst zu genügen reicht für das Leben. Vielleicht. Wenn die Verstummung zur absoluten Stille wird.
Mit diesem Schluss gelingt es, Beckett einzureihen in die Gedanken der Vorgänger. Von Schopenhauer und Ibsen soll die Rede sein. Ibsen, der in seinen Stücken (
"Peer Gynt") die Protagonisten zurückführt in das menschlich Tiefste, sie sich selbst wie ein Gewicht in die Tiefe drängen, selbst Gewicht sein wollen bis zu dem Punkt, wo keine Bewegung mehr möglich ist. Ibsen und Beckett erreichen eben diesen Punkt, an dem man wirklich bei sich ist, und nennen ihn Leben. Und für Schopenhauers fernöstliche Prägung gilt auch, dass man aus dem Nichts erst ins Leben treten kann.
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