Pressestimmen
»… er benötigt weder ein umfangreiches Personal noch einen Griff in die erzähltechnische Trickkiste, um das zu schaffen, was wir vor uns haben: einen brillanten, lebensklugen, zutiefst menschlichen Roman, der ohne jede Sentimentalität Leben, Lieben und Sterben seiner Protagonisten inszeniert.« --Christoph Schröder, Süddeutsche Zeitung, 7.4.2010
»Ein intimes, ein rührendes Buch.« --Annabelle, 10.03.2010
»Yglesias hat zu einer Wahrhaftigkeit des Schreibens gefunden, die einem beim Lesen manchmal den Atem stocken lässt.« --Ulrike Frenkel, Stuttgarter Zeitung, 16.04.2010
»Ein genialer Coup, der zeigt, welche Kraft eine bedingungslose Liebe freisetzen kann.« --Brigitte, 5.5.2010
»Am meisten Gewinn hat man von diesem Roman wohl, wenn man ihn als Beschreibung einer großen emotionalen Reise liest.. Sie mündet in einen Schluss, der einen sehr beschäftigen kann. In einer Parallelmontage bringt Rafael Yglesias auf den letzten Seiten den Moment des ersten Sexes mit dem Augenblick von Margarets Sterben zusammen…tieftraurigen wie lustigen, so lehrreichen wie nahe gehenden Romans.« --Dirk, Knipphals, Die Tageszeitung, 10./11.04.2010
»..er benötigt weder ein umfangreiches Personal noch einen Griff in die erzähltechnische Trickkiste, um das zu schaffen, was wir vor uns haben: einen brillanten, lebensklugen, zutiefst menschlichen Roman, der ohne jede Sentimentalität Leben, Lieben und Sterben seiner Protagonisten inszeniert.« --Christoph Schröder, Süddeutsche Zeitung, 7.4.2010
Kurzbeschreibung
»Glückliche Ehe« ist die Geschichte einer fast dreißigjährigen Ehe, von ihren beschwingten Anfängen bis zu ihrem durch Krebs erzwungenen Ende. Die Leichtigkeit und Komik des Kennenlernens in den ersten Wochen wechselt dabei ab mit den bitteren, aber auch erfüllten letzten Monaten von Margarets Leben, als sie sich von Familie und Freunden verabschiedet - und von ihrem Mann Enrique.
Klappentext
Über den Autor
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
1 LIEFERSERVICE
Er hatte sie sich bestellt. Während er darauf wartete, dass auf seinem neuen Trinitron (diese Farben, dieses klare Bild, welch Wunder der Technik!) Saturday Night Live anfing, erschien auf seine Bestellung die Traumfrau, von der er gar nicht gewusst hatte, dass er von ihr träumte, bis ihn ihre großen blauen Augen, von der Dezemberkälte tränend, erstaunt und amüsiert musterten. Der Lieferant war sein zuweilen nerviger Freund Bernard Weinstein, der, stoffelig wie immer, ihre Namen in Richtung Fußboden murmelte, »Enrique, Margaret - Margaret, Enrique«, und sich prompt vor ihr in das neue Studio-Apartment drängte. Neu für Enrique Sabas und überhaupt. Das fünfstöckige Haus ohne Fahrstuhl in der Eighth Street in Greenwich Village war praktisch entkernt worden und seit zwei Monaten frisch saniert, so dass die erhöhten Preisbindungsmieten jetzt das Marktniveau erreichten. Eine Woche nach dem Verfugen der letzten Badfliese war Enrique eingezogen. Also war in Enriques Leben alles nagelneu, von den Leitungen bis zum Fernseher, als jetzt auch noch diese neue Frau hereinspazierte, zum einzigen Luxus des Apartments, einem echten Kamin, ging. Ein Lavastrom von glänzend schwarzem Haar floss ihr die Schulter herab, als sie ihre rote Baskenmütze abnahm. Dann wandte sie der Komposition aus Bleichziegeln und hellem Marmor den Rücken zu und heftete ihre tränenden Suchscheinwerfer auf Enrique, während sie den Reißverschluss einer schwarzen Daunenjacke öffnete und ein feuerwehrroter Wollpullover zum Vorschein kam, der sich eng an ihren schlanken Oberkörper und ihre kleinen Brüste schmiegte. Beim Anblick dieses bourgeoisen Striptease durchzuckte Enrique ein Stromstoß, der sich so real anfühlte, als hätte er den Warnaufkleber ignoriert, die Rückwand seines neuen Trinitron geöffnet und den Finger irgendwohin gesteckt, wo er nichts zu suchen hatte.
Ihre blauen Augen fixierten ihn immer noch, während sie sich in einen Regiestuhl am Kamin fallen ließ, die dünnen Arme aus den Daunen wand und mit einem zierlichen Heben und Rollen der schmalen Schultern die Jacke schließlich abschüttelte. Sie hatte das körperliche Selbst bewusstsein eines Jungsmädchens, hakte ein Bein über die Armlehne des Stuhls, als hätte sie vor, sich darauf zu setzen. Stattdessen blieb sie, wie sie war, die Beine gespreizt, das geschmeidige Becken in einer ausgebleichten Jeans. Lange konnte Enrique da nicht hinschauen. Er betrachtete dagegen ihren außerordentlich schmalen Fuß, so schmal, dass ihm nur, wie Enrique später erfuhr, Sondergrößen passten. Er wusste weder, dass so kleine Füße für eine Frau, die Schuhe liebte, ein immenses Problem waren, noch, dass der schwarze Wildlederstiefel, der hin und her wippte, ihr des Preises wegen Seelenqualen verursacht hatte. Für ihn, einen ignoranten einundzwanzigjährigen Mann, war dieser Fuß in seinem Stiefel eine Provokation, nicht weil er so klein war, sondern weil er unablässig in Enriques Richtung kickte, als sollte er ihn dazu bringen, irgendetwas zu tun, um sie zu beeindrucken : Zeig was! Zeig was! Zeig was!
Er konnte sich schlecht über diese fordernde Präsenz beschweren, weil er sich die Frau ja selbst ins Haus bestellt hatte, so wie das chinesische Fastfood von Charlie Mom, dessen Reste jetzt in dem roten Mülleimer unter der blitzenden Edelstahlspüle steckten. Geblitzt hätte die Spüle ohnehin, denn er kochte kaum je in seiner neuen Küche, die eine Treppenstufe erhöht war, aber offen zum schmalen Schlaf-Wohn-Arbeitsbereich des Apartments, das er sich eigentlich nicht leisten konnte und das, obgleich schon seine dritte Bleibe, seit er das Reich seiner Eltern verlassen hatte, sein erstes wirklich eigenes Zuhause war, da er die beiden vorherigen Wohnungen mit jemandem geteilt hatte - in der einen auch das Schlafzimmer, in der anderen nicht. Er sah den mürrischen Bernard an, um ihm irgendein hilfreiches Wort abzuringen, denn, okay, er hatte sich das hier aus der Menükarte seines Freunds ausgewählt, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass die Nudeln so scharf sein würden.
Bernard hatte zwar Margarets außergewöhnliche Qualitäten gepriesen, aber nur auf seine typisch nebulöse Weise. Bei seinen ausschweifenden Beschreibungen hatte er weder die unglaublich großen, leuchtend blauen Augen erwähnt, die es von der Wirkung her mit Elizabeth Taylor aufnehmen konnten, noch das eiskremzarte Weiß ihrer sommersprossigen Haut. Dabei war Bernard ein heterosexueller Mann, und er hätte allemal ein Wort darüber verlieren können, dass sie perfekt proportionierte Beine hatte, dass sie schlank war, trotzdem einen Hintern und Brüste hatte und dass - soweit Enrique sich hinzuschauen gestattet hatte - man geneigt war, angesichts dieser reizvoll geöffneten Schenkel, schmal und dennoch wohlgerundet, den Verstand zu verlieren, weshalb doch, Himmelherrgott, eine Warnung angebracht gewesen wäre.
Enrique hatte Bernard damit aufgezogen, er solle Margaret doch mal vorzeigen, als sie wie gewohnt bei ihrem Nachmittagsfrühstück im Homer Coffee Shop saßen und Bernard wieder in einem fort von seiner tollen Freundin von der Cornell University redete, sich aber nicht breitschlagen ließ, ihn mit ihr bekannt zu machen. ( Margaret Cohen, nörgelte Enrique, welche jüdischen Eltern nennen ihre Tochter denn Margaret? Ein Einwand, der vielleicht eher überzeugt hätte, wenn er nicht ausgerechnet von jemandem gekommen wäre, der Enrique Sabas hieß und mit einer aschke nasischen Mutter selbst Jude war.) Bernard erklärte, er wolle nicht Freunde aus verschiedenen Ghettos seines Lebens zusammenbringen.
»Warum?«, wollte Enrique wissen.
Bernard zuckte nur die Achseln. »Ich bin eben neurotisch.«
»Quatsch«, sagte Enrique. »Du willst nur deine ganzen sorgsam gedrechselten Betrachtungen auf verschiedene Dinnerpartys verteilen.«
»Was für Dinnerpartys?«
»Okay, Schüssel Chili. Aber wenn du all deine Freunde nur einzeln siehst, kannst du jeden deiner kostbaren Gedanken siebenmal ausbreiten.«
Bernard lächelte matt. »Nein, ich habe Angst, wenn meine Freunde sich treffen, finden sie sich gegenseitig toller als mich.«
»Du hast Angst, das fünfte Rad am Wagen zu sein?«
»Ich habe Angst, überhaupt kein Rad zu sein.«
Enrique konnte das aus Bernards Sicht gut verstehen, aber in seiner äußerst widerstandsfähigen Eitelkeit glaubte er, Bernards Paranoia beziehe sich nur auf ihn, weil er der Schriftsteller war, für den sich Bernard nur ausgab. Gerade mal einundzwanzig, hatte Enrique schon zwei Romane veröffentlicht, und ein dritter würde bald folgen, während Bernard mit fünfundzwanzig lediglich ein permanent umgeschriebenes Manuskript als Rechtfertigung dafür vorweisen konnte, dass er die gleiche Künstleruniform aus schwarzer Jeans und knittrigem Arbeitshemd trug wie Enrique. Der stolze Enrique glaubte, Bernard enthalte ihm seine Freunde - und insbesondere Freundinnen - deshalb vor, weil sich, wenn die Welt sie beide auf einmal sähe, neben dem wahren Kronprinzen der Literatur der falsche Thronbewerber schnell als solcher entlarven würde.
Noch immer nicht bereit, ein Treffen zu arrangieren, erging sich Bernard weiter in unspezifischen Elogen auf Margaret. »Sie ist wirklich total außergewöhnlich. Ich kann es nicht in banale Worte fassen, aber sie ist stark und gleichzeitig feminin, intelligent, ohne prätentiös zu sein. In vielem ist sie wie die Heldinnen der amerikanischen Dreißigerjahrefilme, besonders der Schwarzen Serie, aber auch der Sturges-Komödien«, und so weiter und so fort, eine Lobesflut, die einen kirre machte, weil sie alle erdenklichen Qualitäten beschwor, ohne konkret auf irgendetwas einzugehen. Die unpräzise Beschreibung schien Enrique zu bestätigen, dass Bernard ein schlechter Schriftsteller war. Keine seiner Margaret-Geschichten kam zu einem (sexuellen oder sonstigen) Höhepunkt. [...]