Pressestimmen
»[...] schildert Yglesias aus distanzierter, gerade darum aber umso ergreifenderer Perspektive. Es ist unnötig, den Schmerz in grosse Worte zu packen. Tränen, zitternde Stimmen, letzte Worte, ob gesagt oder nicht gesagt, lassen mehr als deutlich erkennen, um was es hier geht.« NZZ, 13.10.2010 »Aber trotz des extrem hohen Taschentuchverbrauchs entlässt diese traurige, schöne Geschichte einen nicht ausgewrungen und erschöpft, sondern am Ende doch bereichert. ... ich bin froh, dass mir dieses Buch nicht entgangen ist.« Antje Deistler, WDR2, 23.5.10 »Ein genialer Coup, der zeigt, welche Kraft eine bedingungslose Liebe freisetzen kann.« Brigitte, 5.5.2010 »... er benötigt weder ein umfangreiches Personal noch einen Griff in die erzähltechnische Trickkiste, um das zu schaffen, was wir vor uns haben: einen brillanten, lebensklugen, zutiefst menschlichen Roman, der ohne jede Sentimentalität Leben, Lieben und Sterben seiner Protagonisten inszeniert.« Christoph Schröder, Süddeutsche Zeitung, 7.4.2010 »Ein Buch gelesen. Geweint. Kommt ja auch nicht so häufig vor. Hat nicht nur mit dem Tod zu tun.« Elke Schmitter, Der Spiegel, 12.04.2010 »Wo Glück ist, fehlen nicht selten die Worte. Wo sich kein vergebliches Sehnen und Begehren breit macht, fehlt oft die Inspiration. Rafael Yglesias zeigt, dass es nicht das Krisenhafte braucht, um einen spannungsvollen Roman über die Ehe zu schreiben, der tieftraurig ist und lustig und lehrreich. « Karolin Jacquemain, Hamburger Abendblatt, 05.08.2010 »Ein intimes, ein rührendes Buch.« Annabelle, 10.03.2010 »Yglesias hat zu einer Wahrhaftigkeit des Schreibens gefunden, die einem beim Lesen manchmal den Atem stocken lässt.« Ulrike Frenkel, Stuttgarter Zeitung, 16.04.2010 »Rafael Yglesias hat ein bewegendes Buch geschrieben über das Sterben und den Schmerz des Zurückbleibenden. Und ganz nebenbei mit dem Vorurteil aufgeräumt, in einer glücklichen Ehe müsse es immer harmonisch zugehen.« Marion Lühe, MAZ, 15.05.2010 Eine Love Story ohne Ryan-O'Neal-Kitsch, ein Roman stattdessen, der seine beiden Protagonisten Margaret und Enrique auf jenem Weg begleitet, an dessen Ende schon Philemon und Baucis winkend auf sie warten.« Marko Martin, Rheinischer Merkur, 19.04.2010 »Am meisten Gewinn hat man von diesem Roman wohl, wenn man ihn als Beschreibung einer großen emotionalen Reise liest.. Sie mündet in einen Schluss, der einen sehr beschäftigen kann. In einer Parallelmontage bringt Rafael Yglesias auf den letzten Seiten den Moment des ersten Sexes mit dem Augenblick von Margarets Sterben zusammen...tieftraurigen wie lustigen, so lehrreichen wie nahe gehenden Romans.« Dirk, Knipphals, Die Tageszeitung, 10./11.04.2010 »»Glückliche Ehe« ist ein bewegendes Buch.« Sebastian Fasthuber, Falter, 17.03.2010 »In Zeiten, wo kaum noch jemand willens oder in der Lage zu sein schein, eine über Jahrzehnte dauernde Ehe zu führen, in Zeiten, wo bei jeder kleinen Krise der Scheidungsrichter bemüht wird, ist dieses Buch ein ermutigendes Zeugnis.« Winfried Stanzick, bookreport.de, 27.04.2010 »In seinem grandiosen Roman gelingt es Yglesias, über die Liebe und deren Bedingungen, über den Tod und das Glück auf eine Weise zu schreiben, die jederzeit eindringlich, aber niemals sentimental ist. Fabelhaft!« Journal Frankfurt, 25.03.2010 »Dieser wunderbare Roman ist eines der schönsten Bücher über das Zusammenleben von Mann und Frau, das ich in den letzten Jahren gelesen habe.« Winfried Stanzick, libri, 27.04.2010 »Das ist wirkliche, tief empfundene Intimität.« New York Times »Geschichten über die Ehe sind die ältesten der Welt, aber in Yglesias' zärtlicher, zugleich komischer und reumütiger Schilderung wird eine lebenslange Beziehung zur Geschichte des Lebens an sich.« Wall Street Journal »...ein trauriger und heiterer, ein wunderbarer Roman. Dessen Held ein Schriftsteller ist, der mehr kann, als sein Autor von ihm behauptet: Denn all die feinen Beobachtungen, die tiefen Erkenntnisse, mit denen er uns im Verlauf des Buches bedacht hat, rühren von seiner Fähigkeit her, seine Mitmenschen als literarische Figuren zu betrachten (ja, zuweilen sogar sich selbst). Sie also gelten zu lassen, wie sie sind, und nicht nur auf sich zu beziehen. Literatur also als Schule der Menschenfreundlichkeit.« Martin Ebel, Tages-Anzeiger, 14.06.2010 Stimmen aus dem Buchhandel »Ich finde, dass "Glückliche Ehe" ein großartiges Buch ist. Ein reifes, wunderbar erzähltes Buch, voller Leben und Liebe, berührend, herzerwärmend - einfach ganz groß!!!« Frank Menden (Thalia Buchhandlung, Ballindamm, Hamburg) »Ich bin restlos begeistert! Dieses Buch ist ein echter Glücksfall. Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Man kann nur mit Superlativen um sich schmeißen. Also gratuliere ich herzlich und freue mich auf das Erscheinen.« Diana Pietruschka (Mayersche Buchhandlung, Köln) »Selten habe ich eine so intensive "Innenansicht" einer Ehe gelesen, die durch den Krebstod der geliebten Frau nach 30 Jahren zu Ende geht. Und der Autor schafft es, bei aller deutlichen Krankheitsschilderung dennoch eine zarte Geschichte zu erzählen, deren Essenz heißt: verschiebe nie ein wichtiges Gespräch, der richtige Zeitpunkt ist: JETZT!« Franziska Bickel (Buchhandlung Vogel, Schweinfurt) »Eine herzergreifende, bewegende Geschichte, die unter die Haut geht. Große Klasse!« Regina Gabrich (Buchhandlung Schläfke, Obernburg) »Je mehr man liest, umso intensiver ist man in diesem packenden Eheportrait gefangen - nicht zuletzt Dank des gelungenen Erzählkonzeptes, die Geschichte vom Anfang, bis zum schonungslos, aber dadurch umso ergreifenderen Ende parallel zu erzählen.« Tobias Wrany (Buchhandlung Jost, Bonn) »Ein ergreifend schönes Buch, berührend erzählt, ein Highlight in diesem Frühjahr!« Gisela Meyer (Buchhandlung Lesezeichen, Roetgen)
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Gebundene Ausgabe
.
Klappentext
Als der 21-jährige Enrique Sabas im wildromantischen Manhattan der Siebzigerjahre auf die drei Jahre ältere Margaret Cohen trifft, weiß er, dass sie die Liebe seines Lebens ist. Doch die familiären Gegensätze könnten größer nicht sein: Er ist ein literarisches Wunderkind, ein eigenbrötlerischer Schulabbrecher, der sich ganz dem Leben der Boheme hingibt, wohingegen die lebhafte, attraktive Margaret aus einem bürgerlichen Haushalt kommt und die kontrollierte Emotionalität ihrer Mutter geerbt hat. Die erotischen Abenteuer und Missgeschicke in den ersten Wochen ihres Kennenlernens sind verwoben mit Szenen ihrer Ehe - die Erziehung der Kinder, der Verlust eines Elternteils, die Versuchungen eines allzu leichten Seitensprungs -, bevor Margaret mit Mitte fünfzig ihrer Krebserkrankung erliegt. Eine wahrhaftige Geschichte über ein gemeinsames Leben - und darüber, was eine glückliche Ehe ausmacht.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Gebundene Ausgabe
.
Über den Autor
Rafael Yglesias, geboren 1954 in New York City, ist der Sohn des Schriftstellerpaars Jose und Helen Yglesias. Mit 17 Jahren brach er die High School ab, um seinen ersten Roman zu veröffentlichen, weitere folgten. Von 1977 bis zu ihrem Tod 2004 war er mit Margaret Joskow verheiratet. Yglesias hat zwei erwachsene Söhne und lebt in New York.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Für sie 1 LIEFERSERVICE Er hatte sie sich bestellt. Während er darauf wartete, dass auf seinem neuen Trinitron (diese Farben, dieses klare Bild, welch Wunder der Technik!) Saturday Night Live anfing, erschien auf seine Bestellung die Traumfrau, von der er gar nicht gewusst hatte, dass er von ihr träumte, bis ihn ihre großen blauen Augen, von der Dezemberkälte tränend, erstaunt und amüsiert musterten. Der Lieferant war sein zuweilen nerviger Freund Bernard Weinstein, der, stoffelig wie immer, ihre Namen in Richtung Fußboden murmelte, »Enrique, Margaret - Margaret, Enrique«, und sich prompt vor ihr in das neue Studio-Apartment drängte. Neu für Enrique Sabas und überhaupt. Das fünfstöckige Haus ohne Fahrstuhl in der Eighth Street in Greenwich Village war praktisch entkernt worden und seit zwei Monaten frisch saniert, so dass die erhöhten Preisbindungsmieten jetzt das Marktniveau erreichten. Eine Woche nach dem Verfugen der letzten Badfliese war Enrique eingezogen. Also war in Enriques Leben alles nagelneu, von den Leitungen bis zum Fernseher, als jetzt auch noch diese neue Frau hereinspazierte, zum einzigen Luxus des Apartments, einem echten Kamin, ging. Ein Lavastrom von glänzend schwarzem Haar floss ihr die Schulter herab, als sie ihre rote Baskenmütze abnahm. Dann wandte sie der Komposition aus Bleichziegeln und hellem Marmor den Rücken zu und heftete ihre tränenden Suchscheinwerfer auf Enrique, während sie den Reißverschluss einer schwarzen Daunenjacke öffnete und ein feuerwehrroter Wollpullover zum Vorschein kam, der sich eng an ihren schlanken Oberkörper und ihre kleinen Brüste schmiegte. Beim Anblick dieses bourgeoisen Striptease durchzuckte Enrique ein Stromstoß, der sich so real anfühlte, als hätte er den Warnaufkleber ignoriert, die Rückwand seines neuen Trinitron geöffnet und den Finger irgendwohin gesteckt, wo er nichts zu suchen hatte. Ihre blauen Augen fixierten ihn immer noch, während sie sich in einen Regiestuhl am Kamin fallen ließ, die dünnen Arme aus den Daunen wand und mit einem zierlichen Heben und Rollen der schmalen Schultern die Jacke schließlich abschüttelte. Sie hatte das körperliche Selbst bewusstsein eines Jungsmädchens, hakte ein Bein über die Armlehne des Stuhls, als hätte sie vor, sich darauf zu setzen. Stattdessen blieb sie, wie sie war, die Beine gespreizt, das geschmeidige Becken in einer ausgebleichten Jeans. Lange konnte Enrique da nicht hinschauen. Er betrachtete dagegen ihren außerordentlich schmalen Fuß, so schmal, dass ihm nur, wie Enrique später erfuhr, Sondergrößen passten. Er wusste weder, dass so kleine Füße für eine Frau, die Schuhe liebte, ein immenses Problem waren, noch, dass der schwarze Wildlederstiefel, der hin und her wippte, ihr des Preises wegen Seelenqualen verursacht hatte. Für ihn, einen ignoranten einundzwanzigjährigen Mann, war dieser Fuß in seinem Stiefel eine Provokation, nicht weil er so klein war, sondern weil er unablässig in Enriques Richtung kickte, als sollte er ihn dazu bringen, irgendetwas zu tun, um sie zu beeindrucken : Zeig was! Zeig was! Zeig was! Er konnte sich schlecht über diese fordernde Präsenz beschweren, weil er sich die Frau ja selbst ins Haus bestellt hatte, so wie das chinesische Fastfood von Charlie Mom, dessen Reste jetzt in dem roten Mülleimer unter der blitzenden Edelstahlspüle steckten. Geblitzt hätte die Spüle ohnehin, denn er kochte kaum je in seiner neuen Küche, die eine Treppenstufe erhöht war, aber offen zum schmalen Schlaf-Wohn-Arbeitsbereich des Apartments, das er sich eigentlich nicht leisten konnte und das, obgleich schon seine dritte Bleibe, seit er das Reich seiner Eltern verlassen hatte, sein erstes wirklich eigenes Zuhause war, da er die beiden vorherigen Wohnungen mit jemandem geteilt hatte - in der einen auch das Schlafzimmer, in der anderen nicht. Er sah den mürrischen Bernard an, um ihm irgendein hilfreiches Wort abzuringen, denn, okay, er hatte sich das hier aus der Menükarte seines Freunds ausgewählt, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass die Nudeln so scharf sein würden. Bernard hatte zwar Margarets außergewöhnliche Qualitäten gepriesen, aber nur auf seine typisch nebulöse Weise. Bei seinen ausschweifenden Beschreibungen hatte er weder die unglaublich großen, leuchtend blauen Augen erwähnt, die es von der Wirkung her mit Elizabeth Taylor aufnehmen konnten, noch das eiskremzarte Weiß ihrer sommersprossigen Haut. Dabei war Bernard ein heterosexueller Mann, und er hätte allemal ein Wort darüber verlieren können, dass sie perfekt proportionierte Beine hatte, dass sie schlank war, trotzdem einen Hintern und Brüste hatte und dass - soweit Enrique sich hinzuschauen gestattet hatte - man geneigt war, angesichts dieser reizvoll geöffneten Schenkel, schmal und dennoch wohlgerundet, den Verstand zu verlieren, weshalb doch, Himmelherrgott, eine Warnung angebracht gewesen wäre. Enrique hatte Bernard damit aufgezogen, er solle Margaret doch mal vorzeigen, als sie wie gewohnt bei ihrem Nachmittagsfrühstück im Homer Coffee Shop saßen und Bernard wieder in einem fort von seiner tollen Freundin von der Cornell University redete, sich aber nicht breitschlagen ließ, ihn mit ihr bekannt zu machen. ( Margaret Cohen, nörgelte Enrique, welche jüdischen Eltern nennen ihre Tochter denn Margaret? Ein Einwand, der vielleicht eher überzeugt hätte, wenn er nicht ausgerechnet von jemandem gekommen wäre, der Enrique Sabas hieß und mit einer aschke nasischen Mutter selbst Jude war.) Bernard erklärte, er wolle nicht Freunde aus verschiedenen Ghettos seines Lebens zusammenbringen. »Warum?«, wollte Enrique wissen. Bernard zuckte nur die Achseln. »Ich bin eben neurotisch.« »Quatsch«, sagte Enrique. »Du willst nur deine ganzen sorgsam gedrechselten Betrachtungen auf verschiedene Dinnerpartys verteilen.« »Was für Dinnerpartys?« »Okay, Schüssel Chili. Aber wenn du all deine Freunde nur einzeln siehst, kannst du jeden deiner kostbaren Gedanken siebenmal ausbreiten.« Bernard lächelte matt. »Nein, ich habe Angst, wenn meine Freunde sich treffen, finden sie sich gegenseitig toller als mich.« »Du hast Angst, das fünfte Rad am Wagen zu sein?« »Ich habe Angst, überhaupt kein Rad zu sein.« Enrique konnte das aus Bernards Sicht gut verstehen, aber in seiner äußerst widerstandsfähigen Eitelkeit glaubte er, Bernards Paranoia beziehe sich nur auf ihn, weil er der Schriftsteller war, für den sich Bernard nur ausgab. Gerade mal einundzwanzig, hatte Enrique schon zwei Romane veröffentlicht, und ein dritter würde bald folgen, während Bernard mit fünfundzwanzig lediglich ein permanent umgeschriebenes Manuskript als Rechtfertigung dafür vorweisen konnte, dass er die gleiche Künstleruniform aus schwarzer Jeans und knittrigem Arbeitshemd trug wie Enrique. Der stolze Enrique glaubte, Bernard enthalte ihm seine Freunde - und insbesondere Freundinnen - deshalb vor, weil sich, wenn die Welt sie beide auf einmal sähe, neben dem wahren Kronprinzen der Literatur der falsche Thronbewerber schnell als solcher entlarven würde. Noch immer nicht bereit, ein Treffen zu arrangieren, erging sich Bernard weiter in unspezifischen Elogen auf Margaret. »Sie ist wirklich total außergewöhnlich. Ich kann es nicht in banale Worte fassen, aber sie ist stark und gleichzeitig feminin, intelligent, ohne prätentiös zu sein. In vielem ist sie wie die Heldinnen der amerikanischen Dreißigerjahrefilme, besonders der Schwarzen Serie, aber auch der Sturges-Komödien«, und so weiter und so fort, eine Lobesflut, die einen kirre machte, weil sie alle erdenklichen Qualitäten beschwor, ohne konkret auf irgendetwas einzugehen. Die unpräzise Beschreibung schien Enrique zu bestätigen, dass Bernard ein schlechter Schriftsteller war. Keine seiner Margaret-Geschichten kam zu einem (sexuellen oder sonstigen) Höhepunkt oder veranschaulichte ihr angeblich so außerge wöhnliches Wesen. Nachdem Enrique den fünften Homer-Kaffee in sich hineingekippt hatte, verlegte er sich auf die Strategie, ihre Existenz zu...
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Gebundene Ausgabe
.
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Für sie
1 LIEFERSERVICE
Er hatte sie sich bestellt. Während er darauf wartete, dass auf seinem neuen Trinitron (diese Farben, dieses klare Bild, welch Wunder der Technik!) Saturday Night Live anfing, erschien auf seine Bestellung die Traumfrau, von der er gar nicht gewusst hatte, dass er von ihr träumte, bis ihn ihre großen blauen Augen, von der Dezemberkälte tränend, erstaunt und amüsiert musterten. Der Lieferant war sein zuweilen nerviger Freund Bernard Weinstein, der, stoffelig wie immer, ihre Namen in Richtung Fußboden murmelte, »Enrique, Margaret - Margaret, Enrique«, und sich prompt vor ihr in das neue Studio-Apartment drängte. Neu für Enrique Sabas und überhaupt. Das fünfstöckige Haus ohne Fahrstuhl in der Eighth Street in Greenwich Village war praktisch entkernt worden und seit zwei Monaten frisch saniert, so dass die erhöhten Preisbindungsmieten jetzt das Marktniveau erreichten. Eine Woche nach dem Verfugen der letzten Badfliese war Enrique eingezogen. Also war in Enriques Leben alles nagelneu, von den Leitungen bis zum Fernseher, als jetzt auch noch diese neue Frau hereinspazierte, zum einzigen Luxus des Apartments, einem echten Kamin, ging. Ein Lavastrom von glänzend schwarzem Haar floss ihr die Schulter herab, als sie ihre rote Baskenmütze abnahm. Dann wandte sie der Komposition aus Bleichziegeln und hellem Marmor den Rücken zu und heftete ihre tränenden Suchscheinwerfer auf Enrique, während sie den Reißverschluss einer schwarzen Daunenjacke öffnete und ein feuerwehrroter Wollpullover zum Vorschein kam, der sich eng an ihren schlanken Oberkörper und ihre kleinen Brüste schmiegte. Beim Anblick dieses bourgeoisen Striptease durchzuckte Enrique ein Stromstoß, der sich so real anfühlte, als hätte er den Warnaufkleber ignoriert, die Rückwand seines neuen Trinitron geöffnet und den Finger irgendwohin gesteckt, wo er nichts zu suchen hatte.
Ihre blauen Augen fixierten ihn immer noch, während sie sich in einen Regiestuhl am Kamin fallen ließ, die dünnen Arme aus den Daunen wand und mit einem zierlichen Heben und Rollen der schmalen Schultern die Jacke schließlich abschüttelte. Sie hatte das körperliche Selbst bewusstsein eines Jungsmädchens, hakte ein Bein über die Armlehne des Stuhls, als hätte sie vor, sich darauf zu setzen. Stattdessen blieb sie, wie sie war, die Beine gespreizt, das geschmeidige Becken in einer ausgebleichten Jeans. Lange konnte Enrique da nicht hinschauen. Er betrachtete dagegen ihren außerordentlich schmalen Fuß, so schmal, dass ihm nur, wie Enrique später erfuhr, Sondergrößen passten. Er wusste weder, dass so kleine Füße für eine Frau, die Schuhe liebte, ein immenses Problem waren, noch, dass der schwarze Wildlederstiefel, der hin und her wippte, ihr des Preises wegen Seelenqualen verursacht hatte. Für ihn, einen ignoranten einundzwanzigjährigen Mann, war dieser Fuß in seinem Stiefel eine Provokation, nicht weil er so klein war, sondern weil er unablässig in Enriques Richtung kickte, als sollte er ihn dazu bringen, irgendetwas zu tun, um sie zu beeindrucken : Zeig was! Zeig was! Zeig was!
Er konnte sich schlecht über diese fordernde Präsenz beschweren, weil er sich die Frau ja selbst ins Haus bestellt hatte, so wie das chinesische Fastfood von Charlie Mom, dessen Reste jetzt in dem roten Mülleimer unter der blitzenden Edelstahlspüle steckten. Geblitzt hätte die Spüle ohnehin, denn er kochte kaum je in seiner neuen Küche, die eine Treppenstufe erhöht war, aber offen zum schmalen Schlaf-Wohn-Arbeitsbereich des Apartments, das er sich eigentlich nicht leisten konnte und das, obgleich schon seine dritte Bleibe, seit er das Reich seiner Eltern verlassen hatte, sein erstes wirklich eigenes Zuhause war, da er die beiden vorherigen Wohnungen mit jemandem geteilt hatte - in der einen auch das Schlafzimmer, in der anderen nicht. Er sah den mürrischen Bernard an, um ihm irgendein hilfreiches Wort abzuringen, denn, okay, er hatte sich das hier aus der Menükarte seines Freunds ausgewählt, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass die Nudeln so scharf sein würden.
Bernard hatte zwar Margarets außergewöhnliche Qualitäten gepriesen, aber nur auf seine typisch nebulöse Weise. Bei seinen ausschweifenden Beschreibungen hatte er weder die unglaublich großen, leuchtend blauen Augen erwähnt, die es von der Wirkung her mit Elizabeth Taylor aufnehmen konnten, noch das eiskremzarte Weiß ihrer sommersprossigen Haut. Dabei war Bernard ein heterosexueller Mann, und er hätte allemal ein Wort darüber verlieren können, dass sie perfekt proportionierte Beine hatte, dass sie schlank war, trotzdem einen Hintern und Brüste hatte und dass - soweit Enrique sich hinzuschauen gestattet hatte - man geneigt war, angesichts dieser reizvoll geöffneten Schenkel, schmal und dennoch wohlgerundet, den Verstand zu verlieren, weshalb doch, Himmelherrgott, eine Warnung angebracht gewesen wäre.
Enrique hatte Bernard damit aufgezogen, er solle Margaret doch mal vorzeigen, als sie wie gewohnt bei ihrem Nachmittagsfrühstück im Homer Coffee Shop saßen und Bernard wieder in einem fort von seiner tollen Freundin von der Cornell University redete, sich aber nicht breitschlagen ließ, ihn mit ihr bekannt zu machen. ( Margaret Cohen, nörgelte Enrique, welche jüdischen Eltern nennen ihre Tochter denn Margaret? Ein Einwand, der vielleicht eher überzeugt hätte, wenn er nicht ausgerechnet von jemandem gekommen wäre, der Enrique Sabas hieß und mit einer aschke nasischen Mutter selbst Jude war.) Bernard erklärte, er wolle nicht Freunde aus verschiedenen Ghettos seines Lebens zusammenbringen.
»Warum?«, wollte Enrique wissen.
Bernard zuckte nur die Achseln. »Ich bin eben neurotisch.«
»Quatsch«, sagte Enrique. »Du willst nur deine ganzen sorgsam gedrechselten Betrachtungen auf verschiedene Dinnerpartys verteilen.«
»Was für Dinnerpartys?«
»Okay, Schüssel Chili. Aber wenn du all deine Freunde nur einzeln siehst, kannst du jeden deiner kostbaren Gedanken siebenmal ausbreiten.«
Bernard lächelte matt. »Nein, ich habe Angst, wenn meine Freunde sich treffen, finden sie sich gegenseitig toller als mich.«
»Du hast Angst, das fünfte Rad am Wagen zu sein?«
»Ich habe Angst, überhaupt kein Rad zu sein.«
Enrique konnte das aus Bernards Sicht gut verstehen, aber in seiner äußerst widerstandsfähigen Eitelkeit glaubte er, Bernards Paranoia beziehe sich nur auf ihn, weil er der Schriftsteller war, für den sich Bernard nur ausgab. Gerade mal einundzwanzig, hatte Enrique schon zwei Romane veröffentlicht, und ein dritter würde bald folgen, während Bernard mit fünfundzwanzig lediglich ein permanent umgeschriebenes Manuskript als Rechtfertigung dafür vorweisen konnte, dass er die gleiche Künstleruniform aus schwarzer Jeans und knittrigem Arbeitshemd trug wie Enrique. Der stolze Enrique glaubte, Bernard enthalte ihm seine Freunde - und insbesondere Freundinnen - deshalb vor, weil sich, wenn die Welt sie beide auf einmal sähe, neben dem wahren Kronprinzen der Literatur der falsche Thronbewerber schnell als solcher entlarven würde.
Noch immer nicht bereit, ein Treffen zu arrangieren, erging sich Bernard weiter in unspezifischen Elogen auf Margaret. »Sie ist wirklich total außergewöhnlich. Ich kann es nicht in banale Worte fassen, aber sie ist stark und gleichzeitig feminin, intelligent, ohne prätentiös zu sein. In vielem ist sie wie die Heldinnen der amerikanischen Dreißigerjahrefilme, besonders der Schwarzen Serie, aber auch der Sturges-Komödien«, und so weiter und so fort, eine Lobesflut, die einen kirre machte, weil sie alle erdenklichen Qualitäten beschwor, ohne konkret auf irgendetwas einzugehen. Die unpräzise Beschreibung schien Enrique zu bestätigen, dass Bernard ein schlechter Schriftsteller war. Keine seiner Margaret-Geschichten kam zu einem (sexuellen oder sonstigen) Höhepunkt. [...]
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Gebundene Ausgabe
.