Marteria "springt von Level zu Level" und hat mit "Zum Glück in die Zukunft" eine neue Ebene erreicht. Major-Vertrag bei Four Music und die Platin-Produzententeam The Krauts als musikalische Unterstützung. Ein Top 10 Einstieg ist somit wahrscheinlich und gerechtfertigt. Von Verkaufszahlen lässt sich leider, oder eher zum Glück nichts über die Qualität einer Scheibe sagen. Doch wenn ein Deutschrap Urgestein, wie Jan Delay meint, dass er durch dieses Album wieder Lust auf deutschen Rap bekommt, dann muss es etwas Großes sein.
Den Anfang macht "Endboss", vielleicht einer der persönlichsten Songs auf der Platte und thematisch ein guter Einstieg in die Welt von Marteria. Unterlegt ist sein Bericht über Fußballkarriere, Modelleben und Musikgeschäft durch ein Synthiebrett, das aber meiner Meinung nach nicht ganz in das Klangbild des restlichen Albums passt.
So hatte ich das erste Wow-Erlebnis erst mit dem zweiten Song "Verstrahlt". Unterstützt von Yasha, wurde hier ein zeitloser Hit geschaffen, der sich bei jedem, egal ob Rap Liebhaber oder nicht, wohltuend in den Gehörgang frisst und dort so schnell nicht mehr raus geht.
Massentauglich und trotzdem nicht Sell-out? Geht nicht? Geht schon und Marteria beweist das auf ganzen zwölf Songs. Endlich hat es ein Künstler mal wieder geschafft, die szenetypischen Scheuklappen abzulegen und über den Tellerrand der Jugendkultur HipHop in die Erwachsenenwelt zuschauen. Losgelöst von thematischen und künstlerischen Grenzen, die sich viele Kollegen selbst auferlegen, rappt Marteria über seine eigenen oder erfundene Geschichten, wie zum Beispiel die aus Amys Weinhaus. Wenn mal kein Storytelling betrieben wird, stellt sich Marteria Themen, die uns alle schon mal beschäftigt haben: Schlaflosigkeit (Veronal), die Angst vor dem Älter werden (Sekundenschlaf) oder die Frage, wie man jemand eine unangenehme Wahrheit mitteilt (wie mach ich dir das klar).
Das alles erzählt von einem Künstler, der sein Handwerk wirklich beherrscht. Keine Ausrutscher, keine Lückenfüller und Texte, bei denen man auch noch beim 100sten Mal, gespannt zuhört und neue Feinheiten entdeckt. Wenn ein so talentierter Rapper so lang an seinen Texten feilt und rumstreicht, bis sie frei von unnötigen Ballast sind, beweist das nicht nur ein hohes Maß an Selbstkritik und Perfektionismus, sondern führt auch zwangsläufig zu Zeilen, wie in Stein gemeißelt. Marterias "Gedanken von Windeln verweht". So entstehen Geschichten, geschwängert von Bildern, Wortspielen und Doppeldeutigkeiten, ohne je zu verkopft oder ansträngend für den Hörer zu werden.
"Doch der haut ab, zieht nach Köln in den Kiez, und mietet ein Appartement in der Christopher Street. Und Papa weint, selbst nach acht Flaschen Lachgas"
Diese textlichen Meisterwerke sind untermalt von den Klangwelten der Krauts. Diese beweisen auf voller Länge, dass sie auch fähig sind, eine richtige Rapplatte zu produzieren und erschaffen nebenbei richtig große Musik. Man muss das Album laut und mit einer guten Anlage hören, um diese Bretter wirklich würdigen zu können. "Krauts Bassline" gepaart mit perfekt gesetzten Drums, bilden stets die Grundlage. Ausgeschmückt durch Samples, Synthies und Live Instrumente, wurde ein sehr rundes und vom Sound unverwechselbares Album erschaffen, das melodiös, bass lästig, groß und dreckig zugleich ist.
Weitere Unterstützung erhält Marteria unter anderem von Casper, der aber auf dem gemeinsamen Track "Alles verboten" nicht zu Höchstform auflaufen kann. Vielleicht liegt es an dem etwas futuristisch klingendem Beat, der Casimoto bisschen den Wind aus den Segeln nimmt. Um das gemeinsame Feindbild zu beleuchten und zu erkennen, dass man leider oft genug selber dazu gehört ist zwar Casper auf jeden Fall der richtige Partner, doch fehlt diesem Song der letzte Kick. So wirkt diese Zusammenarbeit, trotz Caspers Stimmgewalt, neben den Großkalibern der Platte, etwas schwach auf der Brust.
Die sonstigen Features, wie Peter Fox, Jan Delay und Miss Platnum, machen sich da deutlich besser. Das liegt vielleicht auch daran, dass sie die Songs vor allem im Refrain ergänzen und so den jeweiligen Einzelwerken den letzten Schliff verpassen. So wirken diese prominenten Features, auch wegen Marterias eigener Präsenz, nie wie ein Verkaufsargument für den Massenmarkt.
Nach vielen Stunden in denen dieses Album jetzt schon aus meinen Boxen dröhnt, verstehe ich was Marteria mit 'Verstrahlt' gemeint hat - dieses Album, das der Musiklandschaft zeigt, dass es mit deutschsprachigen Rap zum Glück in die Zukunft geht.
Gruß,
Kopfmusik