Der Positiven Psychologie gebührt das Verdienst, den Fokus auf Dinge gerichtet zu haben, die vorher weniger im Zentrum therapeutischer Arbeit standen. Doch eher ungewollt trägt sie auch zum Machbarkeitswahn des modernen Menschen bei, indem sie die These vertritt, dass jeder der Schmied seines Glücks sei. Optimismus, Vertrauen, Selbstbewusstsein und Glück, alles lässt sich erlernen, wenn man will. Also ist selber schuld, wer's nicht schafft. Und das ist auch der Tenor dieses nicht eben handlichen Buches, was nicht erstaunt, wenn man die Angaben zu den über 100 Beitragsschreibern liest. Die meisten bezeichnen sich als Glücksforscher und sind im Umfeld der Positiven Psychologie anzusiedeln.
Wo das Glück zu Hause ist, interessiert natürlich die meisten Menschen. Aber wenn der Klappentexter schreibt, dass dieses Buch den Leser ohne philosophische oder spirituelle Spekulationen auf die Spur führe, so stimmt das nicht. Denn obwohl bei den Angaben zu den Autoren das Wort "wissenschaftlich" geradezu inflationär verwendet wird, handeln der Inhalt oft von Annahmen, persönlichen Erfahrungen und bekannten Tipps aus der Ratgeberliteratur. Dass dies nicht sogleich auffällt, ist der Gestaltung zu verdanken, die mich auch mehr überzeugte als die Texte.
Einem Sampler von Glücksforscherartikeln vorzuwerfen, es sei allzu viel vom Glück die Rede, ist natürlich Unsinn. Aber das ist auch gar nicht der Punkt, der mich störte. Vielmehr habe ich das ungute Gefühl, dass die Leser nach der Lektüre noch ratloser sind als zuvor. Denn die "wissenschaftlichen" Glücksforscher sind sich alles andere als einig, was sie der Menschheit raten sollen. Und so wird sich eben jeder das heraussuchen, was zu seiner eigenen Lebensbiographie passt. Aber was macht er mit dem Rest? Sich unnötig verwirren lassen? Bestehende Zweifel nähren? Umdeuten? Als Beweise für eine komplizierte Welt verwenden?
Ich würde empfehlen, zuerst mit dem Beitrag von Grant Ducan zu beginnen. Denn dieser amerikanische Sozialwissenschaftler postuliert das Recht auf Traurigkeit und erinnert die Leser daran, dass es kein Recht auf Glück gibt und niemand dazu verpflichtet werden kann, glücklich zu sein. Letztlich sei man schon auf gutem Weg, wenn man aufhört, Dinge zu tun, die unglücklich machen und eine Weile lang nicht über das eigene Glück nachdenkt.
Mein Fazit: Wer möglichst viele Vorschläge sucht, wie er glücklicher werden kann, wird in diesem Buch fündig. Er muss allerdings damit zurechtkommen, dass er nicht alle Tipps befolgen kann. Denn einig sind sich die Glücksforscher keineswegs, wenn es darum geht, den besten Weg auszuschildern. Und selbst wenn man sich für einen bestimmten Weg entschieden hat, bleibt noch die Schwierigkeit, eingeschliffene Verhaltensmuster zu ändern. Das geht bekanntlich nicht, indem man gut gemeinte Befehlssätze liest oder anderen Menschen hinterher trottet. Den größten Gewinn haben Leser, die ihre Gedanken und Meinungen mit Freunden und Kollegen austauschen. Denn ein Fazit lässt sich ziehen: Allein sein macht weniger glücklich als in Gesellschaft sein.