Neue Zürcher Zeitung
Sorge um Selbsterhaltung Dieter Thomä über das Glück in der Moderne Das Glück hat in der Moderne einen schweren Stand. Nach Hegels bekanntem Diktum sind die «Perioden des Glücks» die «leeren Seiten im Buch der Weltgeschichte», und für Sigmund Freud ist «die Absicht, dass der Mensch glücklich sei», erst gar nicht «im Plan der Schöpfung» enthalten. Der in St. Gallen lehrende Philosoph Dieter Thomä hat sich trotz dieser modernen «Feindschaft gegen das Glück» nicht davon abhalten lassen, dem Glück ein Buch mit sieben zum Teil unveröffentlichten Aufsätzen zu widmen. Ihm geht es darum, die Idee des Glücks vor ihren Verächtern in Schutz zu nehmen, ohne sie als unmittelbares Handlungsziel zu verteidigen. Die besondere Eigenschaft des Glücks, so Thomäs These, liege in seiner «Unverfügbarkeit». Das klingt vor dem Hintergrund neuzeitlicher Streitigkeiten um das gelingende und das heisst immer auch glückende Leben vernünftig. Hat die Geschichte nicht gezeigt, dass sämtlichen politischen Glücksverheissungen der Keim der Bevormundung und des Terrors innewohnt? Und hat Kant mit seiner Warnung nicht völlig Recht, dass der «Begriff der Glückseligkeit ein so unbestimmter Begriff ist», dass letztlich kein Mensch «sagen kann, was er eigentlich wünsche und wolle»? Das Glück mitsamt seinen Ablegern des Wohlergehens und der Zufriedenheit scheint ein viel zu unsicherer Kandidat zu sein, um es in die Arena der Sozialphilosophie, geschweige denn demokratischer Gemeinwesen zu schicken. Genau das aber ist das erklärte Ziel Thomäs, der das Glück aus seiner Randlage als «Mauerblümchen» ins Zentrum des Projekts der Moderne zurückverpflanzen will, wo es darüber Aufschluss geben soll, wie es um unser sozialpolitisches Selbstverständnis steht. Prüfstein hierfür ist die spannungsvolle «Dualität von Selbsterhaltung und Selbstbestimmung», die den gesellschaftlichen Entwürfen der Neuzeit zugrunde liegt. So reicht es nach neuzeitlichem Verständnis nicht aus, dass der Mensch sich mit materiellen Mitteln am Leben erhält, sondern er muss sein Leben auch in eigener Regie führen können. Ökonomische Bedürfnisbefriedigung und politische Freiheit bilden unter liberalen Vorzeichen eine unverbrüchliche Einheit, die allerdings eine Reihe von widersprüchlichen Konsequenzen nach sich zieht. Diese bestehen zum einen darin, dass durch die Verfolgung von Präferenzen und Interessen das gesuchte Glück nicht erreicht, sondern fortwährend vertagt wird. Wie Graf Wronski in seiner Liebe zu Anna Karenina müssen wir am Ende so Tolstoi den «ewigen Fehler» einsehen, den «alle begehen, die sich unter Glück die Verwirklichung ihrer Wünsche vorstellen». Auch die empirische Glücksforschung hat deutlich gemacht, dass unsere persönliche Lebenszufriedenheit weder auf materielle Sicherheit noch auf subjektives Wohlbefinden reduzierbar ist. Sie umfasst mehr als das sich am Leben erhaltende Dasein, sei es noch so luxuriös versorgt und ideell befriedigt. Freilich lässt sich das Glück auch nicht dadurch herbeiführen, dass die individuelle Selbsterhaltung durch die soziale Selbstbestimmung erweitert wird. Die «Nachlässigkeit der Demokratie» zeigt sich nach Thomä darin, dass in ihr die «Verfügung über das eigene Leben» von den faktischen und natürlichen Voraussetzungen abgekoppelt wird, die für eine umfassende Selbstverwirklichung notwendig sind. Das Gebot der Neutralität und der Vorrang negativer Freiheiten in liberalen Gesellschaften führen dazu, dass die Angewiesenheit der Bürger auf Partizipation und Unterstützung ausgeklammert und die autonome Lebensführung zum alleinigen Massstab gemacht wird. Nach Thomä triumphiert das «Herrschaftsverhältnis» der Autonomie über die bedürftige Existenz, deren Glück aber eben nicht allein in der freien Selbstverfügung bestehe. Es ist nicht ganz einfach zu verstehen, worauf Thomä letztlich hinauswill. Gegen das Zerrbild des konsumorientierten und hedonistischen Individuums, wie es in den posthistorischen Diagnosen von Carl Schmitt über Kojève bis Fukuyama gezeichnet wurde, setzt er die Sorge um Selbsterhaltung «inmitten der Geschichte», die weder mit blosser Bedürfnisbefriedigung noch mit autonomer Selbstbestimmung zusammenfalle. Der Mensch müsse erkennen, dass er das Glück nicht erschafft, sondern dass es ihm «zuteil wird». Die Krisen der Moderne liegen nach Thomä in der Überforderung des Einzelnen mit umfassenden Glücksansprüchen, an deren Stelle die Hinnahme «situativer» Glücksmomente und die «Zufriedenheit mit sich» (Nietzsche) treten müsse. Nur ist das zufallende Glück, das nicht in unserer Macht steht, noch eines? Reicht es aus, sich von der Utopie der Selbstbestimmung zu verabschieden, um eine neue Lebenszufriedenheit zu gewinnen? Die Grenzen des Wohlfahrtsstaates und der sozialen Sicherungssysteme machen eine Diskussion um legitime Glücksansprüche erforderlich, die erst noch zu führen ist. Thomäs Buch bildet dafür trotz einigen Unklarheiten eine wichtige Vorlage, weil es unsere Vorstellungen des richtigen Lebens in die sozialpolitischen Kontexte einbettet, in denen es seine Erfüllung finden soll. Ludger Heidbrink
Über den Autor
Dieter Thomä, geb. 1959, ist Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen und derzeit Fellow am Getty Research Institute, Los Angeles. Veröffentlichungen u.a.: Die Zeit des Selbst und die Zeit danach. Zur Kritik der Textgeschichte Martin Heideggers 1910-1976 (1990); Eltern. Kleine Philosophie einer riskanten Lebensform (1992, 32002); Erzähle dich selbst. Lebensgeschichte als philosophisches Problem (1998); Unter Amerikanern. Eine Lebensart wird besichtigt (2000).