Glücklich sind die Klappentexter, die nichts erfinden müssen, sondern beschreiben dürfen. Ja, dieses Buch ist tatsächlich ein anderes zum Thema Glück. Ja, es ist realistisch, fröhlich, enzyklopädisch und voller Überraschungen. Und viele Glücksmomente dufte wohl auch der Autor in seinen 82 Jahren erleben. Denn er ist nie zynisch, verletzend oder besserwisserisch. Aber er ist ungewöhnlich klar in seinen Aussagen. Und aussergewöhnlich belesen. Zudem beherrscht er die Kunst des Schreibens wie nur wenige. Davon zeugt nicht nur dieses Buch, sondern auch zahlreichen Auszeichnungen und eine lange Liste von Neuauflagen seiner Werke. Beste Voraussetzungen für ein tolles Leseerlebnis.
Am einfachsten lässt sich Schneiders Buch einordnen, wenn man es anderen Glücksbüchern gegenüberstellt. Das Thema ist ja absolut hip und bestsellerträchtig. Wolf Schneiders Lebenserfahrung und sein geschichtliches Bewusstsein lässt kein Buch à la Küstenmacher zu. Denn er weiss, dass sich das Glück nicht mit unzähligen Imperativen herbeizaubern lässt. Ratgeber- und Rezeptsüchtige werden also bitter enttäuscht. Aber gerade diesen Lesern lege ich Schneiders Buch besonders ans Herz. Weil ihnen die Lektüre die wunderschöne Erfahrung beschert, auch das kleine Glück geniessen zu dürfen. Das darf durchaus eine blühende Rose, der Besuch eines Fussballsspiels, ein Bier oder ein unerwartetes Wiedersehen sein. Pflege die Erinnerung, aber wühle nicht in der Vergangenheit. Und kümmere dich weniger um all die unerfüllbaren Ratschläge. Die erteilen ja ohnehin meist Menschen, die sich vom Leben betrogen fühlen. Es ist doch so, obwohl die traditionellen Lebensratgeber die Bestsellerlisten anführen, bescheren sie ihrer Fangemeinde vor allem Frusterlebnisse. Der Mensch ist nun mal weder rationalen Wesen, noch besonders formbar. Und da Glück ein sehr individuelles Gefühl ist, sind pastorale Tipps zu diesem Thema doppelt unsinnig.
Die Frage stellt sich natürlich trotzdem, ob uns Wolf Schneider ausser unzähligen Geschichten nichts Handfestes zu sagen hat. Selbstverständlich hat er das. Er ermuntert uns auf äusserst angenehme Weise dazu, vom Wunsch nach dauernder Glückseligkeit Abschied zu nehmen. Denn es bringt uns mehr, wenn wir Glück als positives Lebensgefühl sehen, das uns zu einer bestimmten Zeit überfällt. Egal, ob das eine lange Zufriedenheit, ein kurzes Wohlbehagen oder die grosse Wonne ist. Egal, ob und wie wir uns darüber äussern. Egal, wie es anderen sehen und benennen. Egal, ob es sich aus Glücksgütern oder Glückszufällen speist.
Mein Fazit: Wolf Schneiders Glücksbuch ist ein Glücksfall. Weil es herrlich amoralisch ist, den Menschen so nimmt, wie er ist ' und weil ich selten eine unterhaltsamere Beweisführung eines Glaubensbekenntnisses gelesen habe. Da spricht ein Weiser im Alltagsgewand. Wer für seine Reise nach dem Glück auch Bücher einpackt, muss das von Wolf Schneider unbedingt mit sich führen.