Seit Erfurt und Winnenden wissen wir, dass Amokläufe in Schulen nicht nur ein Phänomen der waffenfetischistisch veranlagten US-Amerikaner sind. Und bei Robert Steinhäuser und Tim Kretschmer handelte es sich um zwei Jugendliche aus recht wohlhabenden und bildungsbürgerlichen Haushalten, die nichts mit Migrationshintergrund oder Prekariatskarriere zu tun hatten, so dass diese einfach erscheinenden Erklärungsmuster nicht herangezogen werden können. Wenige Monate, nachdem Eric Harris und Dylan Kleebold im April 1999 an ihrer Schule in Littleton 13 Menschen und anschließend sich selbst ermordet haben, veröffentlichte Morton Rhue seinen Jugendroman "Give a boy a gun", in dem er versucht, die Hintergründe solcher Schulmassaker zu ergründen.
Thema des Romans ist der Amoklauf der beiden Außenseiter Brandon Lawlor und Garry Searle an der fiktiven Middletown High School. Dass es am Ende der Handlung dazu kommen wird, steht bereits früh fest und liegt in der Erzählstruktur des Romans begründet. In der Einleitung erläutert Denise Shipley, eine ehemalige Schülerin der Middletown High School, dass sie in den vergangenen Monaten Betroffene des Amoklaufes, Schüler, Lehrer, Eltern usw., befragt habe, um ein Gesamtbild der Tragödie entwerfen zu können. Dementsprechend besteht der Roman aus den unkommentiert abgedruckten Aussagen der Beteiligten, die den Amoklauf aus vielen unterschiedlichen Perspektiven beleuchten und die Leser vor die Aufgabe stellen, seine eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen. Im Zentrum stehen dabei die Aussagen von Allison Findley, Garys Freundin, sowie des Schulleiters Allen Curry, welche exemplarisch für die unterschiedlichen Ansichten bezüglich der Hintergründe des Amoklaufes stehen. Zusätzlich zu den Zeugenaussagen besteht "Give a boy a gun" noch Auszüge aus den Abschiedsbriefen von Brandon und Gary, zahlreiche Statistiken über den Waffengebrauch in den USA sowie Ausschnitte aus Büchern und Zeitungsartikeln.
Dem Roman gelingt es sehr gut, ein nachvollziehbares Panorama der Situation an der Middletown High School zu entwerfen, die von der allmächtigen Footballclique beherrscht wird, die teilweise mit Duldung der Lehrer auf den andern Schülern herumtrampelt. Durch die Multiperspektivität des Romans werden einseitige Deutungsmuster allerdings erschwert. Was deutlich wird ist jedoch Rhues Kampf gegen die amerikanische Waffenindustrie samt ihren Lobbygruppierungen, allen voran die NRA, denen im Roman an vielen Stellen die Verantwortung gegeben wird, dass in keinem Land der Welt, in dem kein Krieg herrscht, mehr Menschen durch den Gebrauch von Waffen getötet werden als in den USA.
Fazit: Auch wenn der Roman neben Mobbing, Ego-Shootern und leichter Zugang zu Waffen keine neuen Erkenntnisse liefert ist er gerade für Jugendliche bestens geeignet, in diese wohl nie an Aktualität verlierende Thematik einzuführen. "Give a boy a gun" ist spannend zu lesen und regt dazu an, sich intensiver mit dieser Thematik zu beschäftigen.