Christian Springers Simon Boccanegra: Dokumente - Materialien - Texte zur Entstehung und Rezeption der beiden Fassungen behandelt in äußerst umfassender, wissenschaftlich fundierter und gleichzeitig ungemein flüssig und gut lesbarer Weise eine Oper, die zwar in ihrer Revision von 1881 als Meisterwerk gilt und als solches auch allgemein bekannt ist, deren komplexe Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte in all ihren Facetten aber bislang kaum beachtet wurde und deren Dokumente daher auch in der internationalen Verdi-Forschung nur einer kleinen Zahl von Spezialisten zugänglich waren.
Der Autor erkundet bei seinen Streifzügen durch die Quellen- und Überlieferungsgeschichte dabei vielfach neues Terrain, was - nicht nur hier, sondern in all seinen Publikationen - ein faszinierender Beweis dafür ist, daß selbst über diesen so gut erforschten Komponisten entweder noch nicht alles gesagt wurde oder aber, daß so manches, was von berufener und auch vielfach und zu oft unberufener Seite gesagt wurde, nicht selten der Korrektur und Neuinterpretation bedarf.
Ich möchte zwei Aspekte herausgreifen, die in der vorliegenden Publikation erstmals eingehend behandelt werden: die Disposizione scenica und die Petrarca-Briefe.
Zum ersten Punkt, zur sogenannten Disposizione scenica: Es handelt sich dabei um das erhaltene Regiebuch der Produktion an der Mailänder Scala von 1881. Obwohl von einigen Verdi-Opern entsprechende szenische Dispositionen in gedruckter Form existieren, wurde noch keine davon je ins Deutsche übersetzt. Hier nun findet man diesen von Giulio Ricordi bei den Proben angefertigten und mit Skizzen und Bewegungsabläufen versehenen Text erstmals ins Deutsche übersetzt und es wurde somit eine kaum bekannte Quelle zugänglich gemacht, welche in den Arbeitsverträgen künftiger Boccanegra¬-Regisseure eigentlich als Pflichtlektüre festgeschrieben werden sollte. Denn man kann daraus vor allem zwei Dinge lernen: Zum einen, daß Verdi, der ja die Probenarbeit selbst überwachte und leitete, ein eminenter Theaterpraktiker war, und zum anderen, daß hier der Autorenwille für alle Zeiten dokumentiert ist - nicht nur der Notentext, also die akustische Seite, sondern auch die optisch-szenische Umsetzung ist somit als zeitgenössisches Dokument überliefert, was sich als unschätzbare Chance für wahrlich authentische Realisierungen erweisen könnte.
Der zweite Punkt betrifft die sogenannten Petrarca-Briefe. Es ging auf Verdis Initiative zurück, daß zwei berühmte Briefe von Francesco Petrarca an die Dogen von Venedig und Genua aus den Jahren 1351 und 1352 direkt in das Libretto der Zweitfassung von 1881 Eingang gefunden haben. In den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts hatte der hochgebildete Rechtsanwalt Giuseppe Fracassetti die erste komplette kritische Edition und italienische Übersetzung der in lateinischer Sprache abgefaßten Epistulae familiares et variae von Petrarca herausgegeben, und es gilt als sehr wahrscheinlich, daß sich Verdi von dieser Fracassetti-Übersetzung, die der Komponist gut gekannt hat und die in seiner Bibliothek in Sant'Agata steht, inspirieren ließ. Die Literaturwissenschaft konnte in der Folge zahlreiche sprachliche Parallelen zwischen Verdi und Fracassetti herausarbeiten. Es ist, gemessen am Gesamtumfang des Buches, zwar ein schmales Kapitel, aber von umso größerer Bedeutung für die Boccanegra-Forschung, diese Briefe in ihrem relevanten Kontext zu besprechen und dem Leser jenes Bild zu vermitteln, welches Verdi und Boito von diesen gleichsam historisch-authentischen Quellen hatten. Auch hier ist wiederum die Erstübersetzung ins Deutsche der Version von Fracassetti besonders hervorzuheben.
Nach seinen beiden Verdi-spezifischen Büchern Verdi und die Interpreten seiner Zeit sowie Verdi-Studien beweist Christian Springer mit seinem neuen Buch über Simon Boccanegra erneut und eindrücklich, wie sehr er in der aktuellen Verdi-Forschung zuhause ist und sie maßgeblich mitgestaltet. Er beweist darüber hinaus aber in noch beeindruckenderer Weise, wie sehr er es zugleich auch versteht, diese Forschungsergebnisse auch durch mustergültige Übersetzungen einem breiteren Publikum in bestens lesbarer Form zugänglich zu machen. Das ist neben dem wissenschaftlichen Ertrag jener didaktische Zugewinn, der dem Autor ein bestechendes Feingefühl für den von ihm bei Fracassetti konstatierten Kultur- und Wissenstransfer bescheinigt. Und dies wiederum ist sicherlich die höchste Auszeichnung für ein wissenschaftliches Buch.
PD Dr. Thomas Lindner