...haben Gisele Freund zu einer Pionierin der Künstler-Portraitfotografie, einer bedeutenden Intellektuellen und zu einer Kosmopolitin gemacht.
Den Spuren ihres langen Lebens (1908 bis 2000) und ihres bis heute hochgeschätzten Werks folgt die deutsch-französische Schriftstellerin Bettina DeCosnac.
Entstanden ist eine hervorragende Künstlerbiographie, die zugleich die Wege vieler berühmter Literaten und Künstler des 20. Jahrhunderts streift.
Gisele Freund hat sich die Berliner Kodderschnauze bis zu ihrem Ende bewahrt. Sie war eine pragmatische, ungeduldige und gewiss nicht immer einfache Frau, die selten zurückblickte und sich stets schnell in eine jeweilig neue Lebenssituation einfand. Gewohnt, Widerstände zu durchbrechen, war sie unerschrocken und unkonventionell, dabei immer bereit, Neues zu lernen und ihre Talente zu nutzen.
Aufgewachsen ist Gisele Freund in einer großbürgerlich-assimilierten jüdischen Familie -- inmitten bedeutender Gemälde und einer anregenden, künstlerisch aufgeladenen Umgebung.
Gegen den Willen ihrer Eltern macht sie das Abitur und beginnt anschließend ein Studium der Soziologie und Kunstgeschichte.
Als die Nazis an der Frankfurter Universität wüten und ihre hochgeschätzten Professoren entlassen, flüchtet die junge Frau nach Paris. Immer im Gepäck befindet sich ihre Leica. In Paris lernt sie Adrienne Monnier kennen und in deren berühmter Buchhandlung die großen, zeitgenössischen französischen Schriftsteller. Als sie beginnt, diese zu porträtieren, hat sie ihr wichtigstes Betätigungsfeld gefunden.
Mehr als 180 Schriftsteller, darunter Joyce, Virginia Woolf und Colette wird sie auf so eindrückliche Weise darstellen, dass diese Fotos zu Ikonen geworden sind.
Doch das ist nur eine Facette der Gisele Freund, die sich der Fotografie nicht nur praktisch, sondern auch kunsttheoretisch zugewandt hat. Darüberhinaus war sie zeitlebens auch eine politisch interessierte Frau, deren Reportagen aus drei Kontinenten immer wieder Reibungsfläche boten. Als eine der ersten erkannte sie die suggestive Macht der Bilder und überließ darum in ihrem Werk nichts dem Zufall.
Gisele Freunds Talent, Kontakte zu knüpfen und zu bewahren, brachte sie in Tuchfühlung mit großen Künstlern ihrer Zeit, während ihrer etwas über ein Jahrzehnt dauernden Lebensperiode in Südamerika gehörte sie zum Freundeskreis von Victoria Occampo und Frida Kahlo.
Ihr Anker aber blieb Paris, wo sie die letzten vier Lebensjahrzehnte verbrachte.
Sie wurde am Ende ihres Lebens auf der ganzen Welt sehr geschätzt und blieb bis zum Schluss aktiv und zugewandt.
Bettina DeCosnacs Biographie ist ein beeindruckendes Zeugnis eines ungewöhnlich abwechslungsreichen und interessanten, zugleich unabhängigen Lebens. Die Geschichte einer einmaligen Karriere, die auch von den Wechselfällen des Zwanzigsten Jahrhunderts profitierte und Gisele Freund immer wieder an die künstlerischen Pulsschläge der Zeit führte. Bettina DeCosnac strukturiert dieses lange künstlerische Schaffen und die persönlichen Geschicke der überaus wachen und intelligenten Fotografin.
Das allein bereitet dem Leser, der an spannenden Biographien, Lebensgeschichten des 20. Jahrhunderts und/oder an Kunst interessiert ist, viel Genuss.
Hervorheben möchte ich aber auch die ungewöhnlich hochwertige Ausstattung dieses bei Arche erschienenen Buches. Das hochwertige Papier, die aufwändige Typographie und die vielen Fotos von Gisele Freund sorgen für ein zusätzliches haptisches und optisches Vergnügen.