Handlung (ohne zu viel zu verraten):
Diana Guzman (Michelle Rodriguez) gehört eindeutig zu den Verlierern: Gestraft mit einem Vater der Marke Macho-Alki, die Mutter durch Suizid verloren, selbst von ihrer besten (weil einzigen) Freundin verraten fristet sie Perspektiv- und Illusionslos ihr Dasein in einem schäbigen hauptsächlich von Latinos bewohnten Vorort New Yorks, möchte eigentlich nur eins - nämlich in Ruhe gelassen werden. Verletzt jemand diese Regel bekommt er - unabhängig von Alter und Geschlecht - direkt "was auf die Nase".
Das diese Argumentationsmethode vielleicht in Hollywood, keinesfalls aber im wahren Leben als Option Nr. 1 angewandt werden sollte, erfährt sie schmerzlich als ihr der Schulverweis droht. Doch auch das ist Diana erst mal relativ schnurz, mit ihren Noten wird sie später eh keinen "reißen" können - Ziellos hat sie sich längst in die Rolle der ewigen Verliererin gefügt.
Ein typischer Fall mangelnden Selbstwertgefühls also.
Immerhin bleibt ihr der Bruder. Mit dem liegt sie zwar auch im Dauerzwist, doch unter dieser Fassade ist deutlich eine Menge gegenseitige Zuneigung zu erkennen. Dem armen Kerl geht's nämlich auch nicht viel besser. Eigentlich eher den schönen Künsten zugewandt, wird er vom Vater ("Ein Mann muss sich wehren können") in den Ring gezwungen.
Eines Tages sieht sie ihn in seinem Box-Club ungerecht behandelt. Es kommt was kommen muss - Boxer hin oder her - der Bad Guy kriegt ordentlich eins auf die Nase und geht zu Boden; das fachkundige Publikum ist angesichts ihres Mutes und der demonstrierten Schlagkraft begeistert.
Als Diana diese anerkennenden Reaktionen realisiert steht für sie fest - "Ich will Boxen, und zwar richtig!!!"
Ob und in welcher Form sie dieses Ziel in den verbleibenden 90 Filmminuten erreicht verrate ich - wie oben versprochen - nicht, doch ihr könnt euch sicher vorstellen - sie hat noch viele Stolpersteine zu überwinden.
State:
Michelle Rodriguez fiel mir erstmals in "The Fast and the Furious" positiv auf, gefiel mir dann in ihrer Rolle als Kampftruppfurie in "Resident Evil" dermaßen gut, dass ich unbedingt weitere Filme mit ihr sehen wollte. So bestellte ich denn "Girlfight", den ich einige Zeit vorher, ihn - entsprechend der Coverbeschreibung - als tumben Schlägerfilm abtuend, schon von der "Habenwollliste" gestrichen hatte, wegen ihr denn doch noch.
Und - Surprise! - Michelle sei gedankt! - wurde wirklich positiv überrascht. Das vermeintliche Haudraufmovie entpuppte sich als geniale Detailaufnahme einer verlorenen Jugend in einem tristen, Chancen hemmenden Umfeld und der inneren Kraft, die einen abstürzenden Menschen dann doch noch im letzten Moment das rettende Seil ergreifen lässt - auch wenn er sich unter Aufbietung aller Kraft schlussendlich alleine daran hoch hangeln muss.
Die Regisseurin Karyn Kusama präsentiert uns hier ein rundum gelungenes, sehr gut durchdachtes Werk, welches auf dumme Klischees fast vollständig verzichtet, eine dichte Atmosphäre (inhaltlich, bei der Ausleuchtung und auch durch die Wahl der Drehorte) aufbaut, insbesondere bei den Kampfszenen geniale Kameraeinstellungen bietet, mit einem immer passenden (wenn auch in meinen Ohren nicht sonderlich schönen) Soundtrack unterlegt ist und mit zwar weitgehend unbekannten, aber durch die Bank ihre Rollen perfekt spielenden Schauspielern aufwartet: Jaime Tirelli, der den Trainer Dianas spielt, ist vielleicht dem einen oder anderem aus "Carlito's Way" bekannt, Paul Calderon, in der Rolle des Vaters, trat u. a. schon in "Pulp Fiction und "Copland" in Erscheinung. Und da wären wir wieder bei Michelle Rodriguez: In Haudraufrollen ist sie - keine Frage - topp, doch in "Girlfight", ihrem Erstling, darf sie noch zeigen, dass sie auch eine wirklich gute ausdrucksstarke Schauspielerin ist. Ihre Fassungslosigkeit beim Verrat der Freundin, die erstmalige Erkenntnis anerkannt zu werden (nach dem Schlag in der Boxhalle), Verzweiflung in Liebesdingen, Überwindung und anschließender Stolz, wenn sie sich gegenüber Lehrern endlich einmal vernünftig und argumentativ artikuliert hat, Hassausbruch gegenüber dem Vater - alles in Körperhaltung und Mimik so perfekt und intensiv gespielt, wie es nur wirklich gute Darsteller vermögen. So wünsche ich ihr wirklich, dass sie ihr zweifelsohne hohes Potential zukünftig nicht nur in Action- und Horrorfilmen "vergurkt" Nichts gegen diese Streifen (freue mich schon riesig auf S.W.A.T.), aber zu schnell landen auch Allrounder in "Schubladen", aus denen sie nicht mehr herauskommen.
Damit hier keiner auf die Idee kommt ich würde den Film nur wegen Michelle Rodriguez loben - er wurde mit folgenden Preisen geehrt: Regiepreis beim Sundance Filmfestival, Großer Jurypreis beim Filmfest in Deauville und Preis des jungen Kinos in Cannes.
Die DVD:
Bevor ich's vergesse - an dieser Stelle eine kleine Warnung an gehörlose Filmfreunde: dem Film sind weder englische noch deutsche Untertitel zuschaltbar.
Das Bild liegt in opt. 16:9 Widescreen Verh. 1.85:1 vor und weist keine besonderen Stärken oder Schwächen auf.
Der Ton (Deutsch DD 5.1, Englisch DD 2) kommt ein wenig frontlastig, ist aber in der Summe keinesfalls zu beanstanden.
Bei den Extras macht Eurovideo - nicht zum ersten mal - falsche Angaben. Allerdings diesmal zu unserem Vorteil ;-)
Wir finden tatsächlich: Die deutschen Trailer von Girlfight, Chocolat, Im Juli und Sumo Bruno --- 6 Videoclips zu Songs aus dem Soundtrack: I can Do too (Cole feat. Queen Latifah), No Retreat (Dilated People feat. B Real) in voller Länge und "Feelin' you", "Compared to What", "Out for the Count", "Follow me" je auf ca. 30 Sek. gekürzt --- Deutsche Texttafeln mit spärlichem Informationsgehalt: 2 zum Thema Soundtrack, je 2 mit Erläuterungen von Karyn Kusama und Michelle Rodriguez zum Film, insgesamt 5 zu Cast&Crew --- Leidlich interessante Interviews (auch ohne UT) mit Rodriguez (4:30 Min.) und Kusama (2:37 Min). Beide sprechen ein überraschend gut verständliches Englisch.
Das war es denn auch schon - Outtakes, geschnittene Szenen, Making Of - alles nicht vorhanden.
Fazit:
"Girlfight" kann sicher nicht als Teenie Film gelten, wird aber sicher auch dieser Zielgruppe gefallen. Auch Fans brillanter Darstellungen und ausgefeilter Charaktere dürfen zugreifen - Gesellschaftskritiker sowieso. Obwohl viel mehr als ein reiner Boxerfilm kommen wegen der gut choreografierten Kampfszenen auch Action-Fans zumindest einigermaßen auf ihre Kosten. Wer sich ein Movie gerne mit Freunden ansieht, um danach über das übliche "Boah Ey" hinaus darüber zu diskutieren liegt hier ebenfalls goldrichtig.
Ergo - Ein Film den fast jeder Cineast zumindest einmal gesehen haben sollte. Leider aber nur auf einer durchschnittlichen DVD, was bei mir spätestens wegen der fehlenden UT einen Stern Abzug bringt.