Linnet "Birdie" Walker tut das, was sie gelernt hat: abzocken. In den 60-er Jahren war sie die Freundin des Rockstars Jack, der schon zu Lebzeiten Idol einer ganzen Generation war. Sein mysteriöser und früher Tod katapultierte ihn schließlich in den Himmel der Rocklegenden. Birdie blieb als seine Rockwitwe auf Erden zurück und sah sich seitdem Anfeindungen und Gerüchten ausgesetzt. Wie Yoko Ono oder Courtney Love zog sie den Hass von Fans und Musikwelt auf sich. Böse Stimmen behaupteten sogar, Birdie sei nicht unschuldig am frühen Ableben ihres Geliebten.
Was die Öffentlichkeit nicht weiß: Birdie war der eigentliche Kopf der Band, die meisten Songs von Jack stammen aus ihrer Feder. Doch dafür hat sie nie Geld gesehen. Sie und Jack wurden von den Haien der Musikindustrie kräftig ausgenommen. Also tut Birdie das, was ihr die großen Bosse vorgemacht haben: Sie zockt Leute ab. Allerdings erscheinen ihre Betrügereien, mit denen sie sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt, wie Peanuts.
Birdies große Chance scheint gekommen, als Jacks fünfundzwanzigster Todestag heran rückt. Hartnäckig halten sich in der Musikbranche Gerüchte, Birdie verfüge über unveröffentlichte Songs und Filmmaterial, das die legendäre Antigua-Session der Band zeigt. Es ist jene Session, in deren Anschluss die beiden besten Alben von Jack entstanden sind. Kein Wunder, dass den Plattenbossen die Dollarzeichen in den Augen leuchten und sie alles daran setzen, an dieses kostbare Material heranzukommen. Aber existieren diese Aufnahmen wirklich, sind sie vernichtet worden oder hat es sie nie gegeben? Nur Birdie, mit ihrer rotzfrechen Art ein rotes Tuch für die Mächtigen der Musikindustrie, kennt die Wahrheit. So liefert sie sich ein aufregendes Katz- und Maus-Spiel mit den Plattenbossen, bei dem sich beide Seiten nichts schenken und sich an Trickreichtum geradezu überbieten.
Birdie Walker ist eine wunderbare Mischung aus trauernder Rockwitwe, gewiefter Ganovin und witzigem Weibsbild, die mal sexy und charmant, dann wieder eiskalt und berechnet sein kann. So facettenreich wie ihre Heldin ist auch Liza Codys Roman. Die englische Autorin zeichnet ein realistisches und faszinierendes Portrait einer Musikepoche, bei dem das Herz jedes Rockfans schneller schlägt. Überhaupt das Tempo: Cody trifft den richtigen Beat, sie kann nicht nur über Musik schreiben, sie kann sie auch aufregend beschreiben. Eine Kunst, über die nicht viele Autor/innen verfügen. Ihr lakonischer Schreibstil, der schnelle Wechsel der Perspektiven - mal die Ich-Erzählerin Birdie, mal eine personale Erzählsituation - bringen Fahrt in die Geschichte und passen wunderbar zu der Rastlosigkeit der rebellischen Birdie.
Codys Erzählaufbau spielt zudem geistreich mit dem Genre Krimi, ohne es zu verleugnen: Überraschende Wendungen, gezielte Auslassungen, schichtweises Aufblättern von Figuren und ein fulminanter Schluss sorgen für Spannung bis zur letzten Seite. Darin eingefügt sind grandiose und gnadenlose Kommentare zum Musikgeschäft. Kurz, knapp und böse rechnet die Autorin mit der jammernden Musikindustrie ab - ein wahrer Wohlklang in den Ohren aller "Superstar" geschädigten Musikfans. Cody bringt das hausgemachte Dilemma auf den Punkt. Schon deshalb sollte der Roman Pflichtlektüre bei allen Plattenbossen sein.
Fazit: "Gimme more" ist ein aufregender und klug komponierter Roman, aufgebaut wie ein gutes Rockalbum: Mal hart und heftig, mal sentimental und verzweifelt, aber immer echt und ehrlich. Kurz: It's only Rock'n'Roll - but I like it.