Ich muss vorweg gestehen, dass ich diese Gesamtausgabe gar nicht besitze, wohl aber alle sieben einzelnen Staffel-Boxen. Da ich etwas zur ganzen Serie schreiben möchte, erscheint es mir richtig, die Rezension an dieser Stelle zu platzieren.
Jeder hyperaktive Film- und Fernsehfan entwickelt im Lauf der Zeit eine Art Aussiebverfahren, das ihn vor schlimmen TV-Verbrechen schützt. Und in den vergangenen knapp 30 Jahren habe ich dieses Verfahren nahezu perfektioniert. Nahezu. So zu 95 Prozent. Im Umkehrschluss heißt das aber, dass einem doch 5 Prozent gute Sachen durch die Lappen gehen. So war es zunächst auch hier. Doch der Reihe nach:
Im August 2008 hatte ich noch zwei Wochen Urlaub. Der ursprüngliche Plan, diese mit einer Motorradfahrt zu verbringen scheiterte, weil meine alte Mühle nicht mehr wollte. Wie verbringt man dann die Zeit? Logisch: Faulenzen und Fernsehgucken.
Tag 1: ich wache so gegen 11:00 Uhr auf, um 11:30 Uhr schalte ich den Fernseher ein. Bis 11:50 Uhr habe ich mich auf VOX vorgezappt, wo gerade "Die Nanny" läuft. Ich gucke nebenher ein bisschen zu, greife mir aber nach ein paar Minuten ein Lexikon und beginne zu blättern. Der Abspann von "Die Nanny" läuft und aus dem Off verkündet ein Sprecher, dass es nach nur einem Spot mit "Gilmore Girls" weitergeht. Oh Mann, fluche ich innerlich, schon wieder so ein Frauenmist. Ich wechsle aber nicht das Programm und schalte merkwürdigerweise auch nicht den Ton ab, was ich sonst in so einem Fall immer tue. Die Folge beginnt. Schon nach zwei Minuten unterschwelliger Wahrnehmung äußerst knalliger Dialoge lasse ich von meinem Buch ab, schaue auf die Mattscheibe und denke: was quatschen die Mädels da bloß? Ich sehe die Folge zu Ende, bin amüsiert, obwohl ich nichts kapiere, denn es war eine Folge mitten aus der dritten Staffel.
Tag 2: dasselbe in Grün. "Die Nanny" kommt, nach deren Ende es nach wieder nur einem Spot mit "Gilmore Girls" weitergeht. Freudig lasse ich diese Stunde über mich ergehen, lache schon ein paar Mal lauthals auf, da ich jetzt ja schon vom Vortag ein wenig über die Personen weiß.
Tag 3: ich wache diesmal schon um 10:30 Uhr auf. Da ich keinerlei Nahrungsmittel mehr im Haus habe, fahre ich einkaufen. Und dann passiert es: ich ertappe mich im Gang mit dem Wein und den Spirituosen dabei, wie ich auf die Uhr sehe. Was, schon 11:40 Uhr? Jetzt aber schnell nach Hause und bloß nicht "Gilmore Girls" verpassen. Die dritte gesehene Episode ist zu Ende. Ich ziehe sofort die Schuhe und die Jacke wieder an, fahre in den nächsten DVD-Laden und kaufe mir die erste Staffel. Drei Tage später die zweite. Eine Woche später die dritte und vierte. Und nach zweieinhalb Monaten habe ich alle sieben Staffeln und alle 153 Folgen durch.
Diese erzählen von der 32-jährigen alleinerziehenden und aus reichem Hause stammenden Lorelai Gilmore, die zusammen mit ihrer 16-jährigen Tochter Rory in der von knapp 10.000 Seelen bewohnten Kleinstadt Stars Hollow im US-Staat Connecticut lebt. Als Lorelai in Rorys Alter war, wurde sie mit ihr schwanger, musste die Schule abbrechen und ihre Tochter ohne Hilfe großziehen. Der Kontakt zu ihren Eltern, die ihr immer in ihr Leben reinreden wollten, hat sie fast abgebrochen. Trotz hat Lorelai ihr Leben in den Griff bekommen. Sie hat ihren Schulabschluss nachgemacht und leitet jetzt das Independence Inn, ein kleines Hotel in der Stadt. Rory ist eine exzellente Schülerin, hochbegabt, und wie ihre Mutter selbstbewusst und schlagfertig. Die beiden verstehen sich blind und sind nicht wie Mutter und Tochter, sondern eher wie beste Freundinnen. Schwierigkeiten treten auf, als es sich Lorelai nicht leisten kann, Rory auf eine bessere Schule zu schicken. Sie ist deshalb gezwungen, ihre Eltern, die versnobten Emily und Richard Gilmore, um das Schulgeld anzupumpen. Die sind jedoch nur bereit, das zu bezahlen, wenn Lorelai und Rory einmal in der Woche zum Essen kommen, damit sie wieder Kontakt haben. Widerwillig geht Lorelai darauf ein. Und so können die Streitereien, neben denen sich die junge Rory weiterentwickelt, beginnen ... -
Mein Gesamteindruck: in den ersten sechs Staffeln gibt es keinerlei Ausreißer nach unten. Die sechste gefällt mir sogar am besten, weil sie auch sehr gelungen filmisch ein wenig experimentiert (Traumsequenzen, Handkamera). Außerdem erleben wir in der Episode "Ein fast perfektes Dinner" (Gesamtfolge Nr. 122) den wohl intensivsten, am besten gespielten und am besten inszenierten Familienkrach der Fernsehgeschichte. Die siebte Staffel fällt qualitativ etwas ab, was wohl daran liegt, dass Serienschöpferin Amy Sherman-Palladino und ihr Ehemann Daniel Palladino nicht mehr an den Drehbüchern mitschrieben. Aber diese Staffel erholt sich in der zweiten Hälfte und es kommt zu einem sehr gelungenen Serienabschluss.
"Gilmore Girls" ist eine Erholung, eine Wohltat, Balsam für die gestresste TV-Seele und so entspannend wie ein Kräuterbad. Die fiktive Kleinstadt Stars Hollow erscheint einem wie ein Parallel-Universum, das sich abseits aller Scheußlichkeiten in der Welt entwickelt hat, was die Serie zwar unrealistisch aber deswegen nicht weniger unterhaltend macht; ein Ort, wo man noch nett zueinander ist und sich trotzdem herzhaft zu streiten versteht. Wenn man schlechte Laune hat und dann fünf Minuten in eine Folge reinschaut, ist aller Ärger verflogen. Die Serie lebt in der Hauptsache von den irrsinnig-witzigsten Dialogen, die man sich nur vorstellen kann, was übrigens in der genialen deutschen Synchronfassung voll herüberkommt. Die bis in die letzten Nebenrollen perfekt besetzten Schauspieler sind ihr Gewicht in Gold wert. Letztlich wirkt das Ganze so, als hätten sich die beiden Namensvettern Thornton und Billy Wilder aus ihren Gräbern erhoben und sich mit der jüngeren Schwester von Tim Burton zusammengetan. Amy Sherman-Palladino hat eine der schönsten TV-Serien aller Zeiten erschaffen, eine Serie, die vor Einfallsreichtum, Humor und Skurrilität überquillt und die Charaktere wunderbar zeichnet. Es wird gelebt, geliebt, getrennt, viel gelacht und viel geweint. Und ich darf sagen, dass es auch für einen Kerl wie mich, der doch sonst eher härtere Fernsehkost bevorzugt, keine Schande ist, die eine oder andere Träne zu vergießen. Schön, dass es im Fernsehen auch so etwas gibt.
Wer "Gilmore Girls" noch nicht kennt, sollte das jetzt unbedingt nachholen.