Jeder, der die Gilmore Girls mag, findet das Buch "Gilmore Girls - mehr als eine Fernsehserie?" auf den ersten Blick sicherlich ansprechend. Doch sollte der Untertitel "Sozialwissenschaftliche Zugriffe" nicht überlesen werden, denn in erster Linie geht es genau um diese. So müsste der Titel eigentlich lauten: "Sozialwissenschaftliche Themen erklärt anhand der Serie GG"! Wer von Sozialwissenschaften überhaupt keinen Plan hat und sich dafür auch nicht interessiert, der sollte sich das Geld sparen!
Das Buch ist in verschiedene Themengebiete unterteilt, die zunächst Theorien darbieten und diese dann anhand der Serie näherbringen. Ein Thema lautet beispielsweise "Hegemoniale Weiblichkeit-Geschlechterkonstruktionen bei den Gilmoregirls" (hieran wird bereits erkennbar, dass es sich um ein sozialwissenschaftliches Buch handelt), ein anderes "Der Umgang mit Freiheit in der Serie Gilmore Girls". Das letzt genannte Kapitel umreißt zunächst den Begriff Freiheit (nach Erich Fromm) und prüft, inwiefern Freiheit und Sicherheit diametral verlaufen und wie sich das in der Serie widerspiegelt. Es wird also oft theoretisch begonnen und dann erst am Schluss eines Kapitels Bezug zur Serie genommen. Aus didaktischer Sicht finde ich das völlig unklug, denn es spricht den Leser vielmehr an, mit Inhalten der GG konfrontiert zu werden und anhand dieser genaueres zu Theorien zu erfahren.
Das Buch bleibt letztlich der Antwort schuldig, ob denn die GG mehr als eine Fernsehserie sind bzw. ein konkretes Fazit wird nicht gegeben, vielleicht kann auch keines gezogen werden, aber selbst das wird nicht explizit geäußert.
Merkwürdig finde ich darüber hinaus die in dem Buch enthaltene These, dass die GG eigentlich auch nur dem Konventionellen folgen (nahezu alle sind weiße, heterosexuelle Menschen). Die Autorin schreibt, dass es interessanter gewesen wäre, wenn Rory sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen würde. Aber ehrlich, es würde nicht zur Serie passen, einer der Hauptfiguren diese Eigenschaft zuzuschreiben-Rory ist so schon "vom anderen Stern" im Vergleich zum konventionellen amerikanischen Teenie. Außerdem wären die Konflikte zwischen Lorelai und Emily dahin. Letztere will für Rory nicht das gleiche Leben wie für Lorelai, vor allem nicht, dass Rory schwanger wird...Solche nachvollziehbaren Konflikte würden mit einer lesbischen Rory garnicht erst entstehen, stattdessen müssten andere Probleme zum Gegenstand der Diskussionen werden (Emilys Verhältnis zu Rory würde sich sicherlich anders entwickeln).
Daüber hinaus fehlt mir ein Kapitel zu den Kommunikationsstrukturen der GG. Ich mag die Serie vor allem weil die Charaktere schlagfertig sind und besonders humorvolle Bemerkungen machen. Sie sind intelligent und beziehen ihr Wissen aus Filmen und Büchern. Gerade wer diese Hobbys (lesen, Filme sehen) teilt, schaut gern die GG. Dieser Aspekt bleibt allerdings weitgehend unberücksichtigt.
Fazit: Ich hatte beim Lesen oft das Gefühl, dass sich die Sozialwissenschaftler einer beliebten Serie bedienten, um ihre Theorien zu erklären und nachvollziehbar zu machen. Das Buch würde sich mit einem ehrlicheren Titel sicherlich nicht gut verkaufen. Dennoch lesbar für an Sozialwissenschaften Interessierte (wobei die Themen auch sehr allgemein umrissen werden), die gern GG schauen.