Teil 2 der "Gilde der Jäger" knüpft direkt an das Ende von Teil 1 an: Elena Deveraux, die in einem Kampf gegen den Erzengel Uriel schwer verwundet wurde, erwacht nach einem Jahr aus dem Koma. Körperlich noch sehr geschwächt, hat sie sich grundlegend verändert - Raphael, der mächtige Erzengel von New York, hat sie in einen Engel verwandelt. Elena bleibt wenig Zeit, zu Kräften zu kommen oder Flitterwochen mit Raphael zu verbringen: Lijuan, Erzengel von Beijing, hat sie eingeladen, oder besser gesagt, herausgefordert. Lijuan ist nicht nur weitaus älter und mächtiger als Raphael, sondern in einer ganz eigenen Faszination von Tod und Manipulation anderer Wesen versunken.
Als wären Fliegen und mit Flügeln kämpfen zu lernen nicht schon Herausforderung genug, treibt auch noch ein Mörder im Refugium der Engel sein Unwesen, der verstümmelte Leichen hinterläßt und eines der Kinder der Engel verletzt. Hinter Elenas Rücken kursieren Wetten darüber, wie lange sie es schaffen wird, ihren Kopf auf den Schultern zu behalten. Die Sieben halten sie für eine Schwäche, die sich Raphael nicht leisten kann; insbesondere Dmitri hat seine ganz eigenen Pläne, sollte sie dessen Herrschaft in Gefahr bringen. Zudem bedrohen Erinnerungen an den gewaltsamen Tod ihrer Mutter und Schwester Elenas Konzentration und Kampfstärke, was Lijuan versucht auszunutzen, indem sie Elena Geschenke macht, die sie an die Morde erinnern sollen.
Elena stellt sich diesen Herausforderungen mit Mut und Entschlossenheit, was sie sehr sympathisch macht. Sie benutzt ihre Waffen genauso wie ihren Verstand und ist nicht zu stolz oder starrsinnig, Raphaels Hilfe anzunehmen. Damit ist sie eine erfrischende Abwechslung zu anderen "Kickass"-Heldinnen, die auch dann die Klappe aufreißen und die Waffen schwingen, wo gesunder Menschenverstand angebrachter wäre. Auch Raphael hebt sich vom typischen Alpha-Mann-Muster ab: zwar kämpft er mit seinen Instinkten, Elena zu beschützen und zu dominieren, aber er vertraut auch ihren Fähigkeiten und ihrer Intelligenz, selbst wenn er dabei einen Teil seiner Kräfte verliert und menschlicher wird. Damit entwickelt sich die Beziehung der beiden vom Stadium der ständigen Auseinandersetzungen und Wortgefechte hin zu einer gemeinsamen Vertrauensbasis, die sie aus einer Position der Stärke heraus die bevorstehenden Machtkämpfe und Manipulationen angehen läßt.
Nach einigen blutigen und gewalttätigen Szenen (sinnliche und romantische sind auch dabei) bewegt sich der Plot auf ein Finale zu, in dem es in einer Art Showdown um Macht, Beherrschung anderer Wesen, Unsterblichkeit und Gewalt um ihrer selbst willen geht. Einige Charaktere wechseln die Seiten, nicht alle überleben.
Mit ihrer ungewöhnlichen Interpretation des Vampir- und Engelsthemas hat N. Singh in einem fast übersättigten Markt eine neue und originelle Variante geschaffen, die mir unerwartet gut gefallen hat. Bisher kannte ich nur Fantasy-Geschichten über Engel von Sharon Shinn, die mich nie wirklich überzeugen konnten. Singhs neue, von Engeln und Vampiren bevölkerte Welt ist äußerst spannend, facettenreich und unterhaltsam, auch die dunkleren Aspekte sind faszinierend und gut gezeichnet, ohne kitschig oder eindimensional zu wirken. Angenehm ist auch der Verzicht auf einen religös-moralischen Unterton und vereinfachende Gut-Böse-Charakterisierungen.