Familie Grape ist alles andere als gewöhnlich: Sie leben in einem freistehenden, fast zerfallenen Haus, die nächsten Nachbarn sind weit entfernt. Der Vater hat sich vor langer Zeit das Leben genommen, deshalb wurde die Mutter aus Gram fettsüchtig. Neben zwei relativ normalen Töchtern gibt es noch zwei Brüder, die in diesem Jugend-Melodram im Vordergrund stehen: Der geistig behinderte Arnie (Leonardo di Caprio), der sehnsüchtig auf seinen achtzehnten Geburtstag wartet und der stille, verantwortungsbewusste und allzu ernste Gilbert (Johnny Depp).
Während Arnie aufgrund seiner Behinderung gnadenlos verwöhnt wird und alle seine Launen ausleben darf, arbeitet Gilbert in einem Laden als Ausfahrer, um die Familie zu ernähren. Er kümmert sich rund um die Uhr um seinen behinderten Bruder, der ihm manchmal auch arg auf die Nerven geht. Dann lernt Gilbert ein Mädchen kennen, das seine Einstellung zur Umwelt und zu sich selbst verändert ...
Der Regisseur Lasse Hallström hat dem Stoff sein unverwechselbare Handschrift gegeben: pastellartige Farben, starke Kontraste, ausgeklügelte Einstellungen (vor allem während der Dialoge), wunderbar atmosphärische Landschaftsaufnahmen und sorgsam ausgewählte Schauspieler, die gar nicht zu spielen, sondern die Figuren selbst zu sein scheinen. Hallström hat einen sensiblen und gleichzeitig ironischen Blick auf die Realität. Obwohl die Handlung des Films langsam und traurig ist, gibt es viel zu lachen. Teilweise wirkt das Melodram fast wie eine gute Komödie, wenn nicht im Humor noch ein Schuss Melancholie versteckt wäre.
In der Irving-Verfilmung ,Gottes Werk und Teufels Beitrag' hat Hallström in der Zusammenarbeit mit Irving seinen Stil zur Vollendung geführt. ,Gilbert Grape' ist weniger spektakulär, birgt aber genau besehen fast noch mehr gesellschaftlichen Zündstoff als die Geschichte um Homer Wells und die Abtreibung. Nicht umsonst geht am Ende Gilberts ganze tragikomische Welt in Flammen auf, um ihm Platz zu machen für seine Zukunft.
Wer Leonardo di Caprio in einer wirklich ungewöhnlichen Rolle sehen will, dem sei dieser herrlich echte, einfühlsame Film empfohlen. Doch auch alle anderen Hauptakteure liefern darstellerische Leistungen ab, die unabhängig vom Drehbuch Emotionen und Aussagen an den Zuschauer bringen. Ich halte diesen Film für einen der besten der Neunziger Jahre. Er hat sehr viel Tröstliches an sich, weil so viele der liebevoll gefilmten Situationen zeigen, dass über Ländergrenzen und Generationen hinweg die grundlegenden Probleme und Werte die gleichen bleiben werden: Verantwortung, Behinderung, Trauer, Angst vor dem Leben, die Liebe zu anderen Menschen und trotz aller Einschränkungen und Lächerlichkeiten die Freude an kleinen, aber wichtigen Ereignissen und Dingen. ,Gilbert Grape' ist ein notwendiger und wichtiger Film, den ich jedem empfehlen möchte, der mehr erwartet als simple Unterhaltung.