Gilbert Bécaud
“Unsterblich – Seine größten Chansons” // “Éternel” // “Le Coffret Essentiel”
Am 18. Dezember jährt sich der Todestag von Gilbert Bécaud zum zehnten Mal. Zweifellos war der Franzose einer der größten Chansonniers, den die Grande Nation jemals hervorgebracht hat. Sein Bild ist so tief ins kollektive Gedächtnis von Musikliebhabern verankert wie seine rauchige Stimme, die ebenso zum Synonym seiner Kunst wurde wie seine äußere Erscheinung. Stahlblauer Anzug, getupfte Krawatte, die Hand am Ohr, um das Publikum zum Mitsingen aufzufordern - so ist uns der begnadete Entertainer mit der knarzig-rauen Stimme in Erinnerung geblieben. Fünfzig Jahre lang begeisterte Gilbert Bécaud mit energiegeladenen Bühnenshows, die ihm den Beinamen „Monsieur 100.000 Volt“ eintrugen, seine Zuhörer. Jetzt ist es an der Zeit in angemessener Form noch einmal auf das prickelnde Lebenswerk des Künstlers und Entertainers aufmerksam zu machen. Seine besten Chansons erscheinen – allesamt frisch remastered – Ende November in mehreren und unterschiedlich edierten Formaten.
„Unsterblich – Die größten Chansons“ heißt das Doppelalbum, das speziell für den deutschen Markt zusammengestellt wurde. Während auf der ersten CD all seine großen Klassiker versammelt sind, enthält die zweite CD die deutschsprachigen Fassungen vieler beliebter Chansons von „Nathalie“ über „Die Einsamkeit, die gibt es nicht“ („La solitude ça n'existe pas“) und „Überall blühen Rosen“ („L'important c'est la rose“) bis hin zu „Was wird aus mir“ („Et maintenant“). Die rein französische Doppel-CD „Éternel“ enthält insgesamt 47 Chansons, darunter alle vorgenannten französischen Originale sowie „L’orange“, „Quand il est mort le poète“, „Salut les copains“, „Le jour où la pluie viendra“ und etliche andere unvergessliche Lieder. Die umfangreichste Retrospektive bildet das edel ausgestattete 12Disc-Box-Set „Le Coffret Essentiel“, das neun Studioalben als Vinyl-Replika-CDs enthält, die um rare Bonus-Titel ergänzt wurden, sowie zwei Live-CDs mit den besten Aufnahmen aus dem Olympia (1955-1983) und einer weiteren CD mit Raritäten. Ein 64-seitiges Booklet mit Photos und Texten rundet die prächtige Werkschau ab.
Die fünf Dekaden umfassende Karriere von Gilbert Bécaud, den der ehemalige Staatspräsident Jaques Chirac posthum als „Botschafter des französischen Chansons“ würdigte, begann Anfang der 50er Jahre in Paris. Als blutjunger Pianist tingelte der in Toulon geborene François Léopold Silly durch Nachtclubs, Bars und Cafés in der Seine-Metropole, bevor er 1952 von Edith Piaf entdeckt wurde. Sie nahm einige seiner Lieder in ihr Repertoire auf, darunter „Je t'ai dans le peau“, und verschaffte ihm einen Auftritt im legendären Olympia. Diese Chance nutzte Bécaud (das Pseudonym hatte er inzwischen bei seinem Stiefvater entliehen) als Sprungbrett für eine Traumkarriere: Nach dem ersten Triumph im Weihetempel der Unterhaltung war er aus dem Showgeschäft nicht mehr wegzudenken.
In der Folgezeit sang sich der Künstler mit dem Gentleman-Image mit einer schier endlosen Hitserie weltweit in die Herzen der Musikfans. Heute, viele Jahre später, sind diese zu Evergreens geadelten Songerfolge immer noch in aller Ohren. Der Dauerbrenner „Le jour où la pluie viendra“ aus dem Jahre 1959 etwa hat längst einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis (in Deutschland wurde der Titel in Dalidas Fassung „Am Tag, als der Regen kam“ populär). Unvergessen auch das Chanson „Et maintenant“ von 1962, in dem ein verlassener, verzweifelter Liebender sein Schicksal beklagt. Und Fremdenführerin „Nathalie“, mit der Bécaud 1963 in Moskau einen virtuellen Urlaubsflirt erlebte, wird uns wohl ebenfalls auf ewig in Erinnerung bleiben.
Nicht nur die Fans lagen dem Franzosen, Legende schon zu Lebzeiten, stets zu Füßen, auch unter seinen Kollegen genoss er großes Ansehen. Diese Wertschätzung drückte sich unter anderem in mehreren Kooperationen mit internationalen Stars aus. Mit Barbra Streisand beispielsweise arbeitete Bécaud 1978 gemeinsam an einem Musical, mit Neil Diamond schrieb er 1981 die Musik zum Film „The Jazz Singer“, die hoch in den US-Charts notierte. Außerdem bekundeten viele Kollegen ihre Hochachtung in Bearbeitungen von Bécauds Kompositionen. Marlene Dietrich interpretierte „Marie-Marie“, namhafte Künstler wie Bob Dylan, Nina Simone und James Brown machten aus „Je t'appartiens“ die Coverversion „Let It Be Me“, und gleich 150 Kollegen, darunter Elvis Presley, Judy Garland und Frank Sinatra, sangen „Et maintenant“ in der englischen Erfolgsversion „What Now My Love“. Jüngst hat auch Götz Alsmann die deutsche Version „Was wird aus mir“ für seine große Hommage an den französischen Chanson auf seinem Blue-Note-Album „In Paris“ neu interpretiert.
Ist die Zahl von Bécauds Eigenkompositionen mit rund 400 gerade noch zu überblicken, so kommt man bei der Addition seiner Live-Auftritte schnell in schwindelerregende, unvorstellbare Dimensionen. Schließlich gab der Workaholic bis zu 250 Konzerte pro Jahr! Und das fünf Dekaden lang! Allein dreißig Mal stand er auf der Bühne des „Olympia“ (so oft wie kein anderer), den New Yorker Broadway nahm Bécaud mit seiner fulminanten Show ebenfalls im Sturm. Vielfach führten ihn seine Tourneen auch nach Deutschland, wo er vor allem in den 70er Jahren häufig gastierte und auch in etlichen Fernsehshows seine mit starkem französischen Akzent deutsch interpretierten Chansons zum Besten gab. 1973 wurde er sogar mit dem Bundesverdienstkreuz für seine Verdienste um die deutsch-französische Freundschaft ausgezeichnet.
Neben seiner phänomenalen Gesangskarriere versuchte sich Gilbert Bécaud in jungen Jahren mit Erfolg auch als Schauspieler. Sein Kinodebüt gab er bereits 1956 in Marcel Carnés „Le pays, d'où je viens“. 1957 übernahm er an der Seite von Caterina Valente die Hauptrolle in dem Revuefilm „Casino de Paris“ und war zwei Jahre später der Star in der Komödie „Croquemitoufle“. Zu zahlreichen Filmsoundtracks steuerte er ebenfalls etliche Songs bei. 1962 brachte er sogar seine erste Oper auf die Bühne: Am 25. Oktober 1962 feierte „L'Opéra d'Aran“ ihre Premiere im Theater des Champs-Elysées in Paris. Mit „Madame Roza“, seinem ersten eigenen Musical, feierte er Ende der 1980er schließlich auch riesige Erfolge am Broadway. Ein Tausendsassa, der kein künstlerisches Abenteuer ausließ und seinem Spitznamen „Monsieur Dynamite“ stets alle Ehre machte.
Zum letzten Mal war Gilbert Bécaud in Deutschland im November 2000 im Rahmen einer großen Konzertreise live zu sehen. Danach musste sich der Sänger aus gesundheitlichen Gründen immer mehr aus dem Rampenlicht zurückziehen, die Diagnose Lungenkrebs zwang ihn dazu. Am 18. Dezember 2001 verlor der Kettenraucher, der drei Schachteln Zigaretten am Tag rauchte, den Kampf gegen die Krankheit. Umgeben von seiner Familie und Freunden entschlief Gilbert Bécaud im Alter von 74 Jahren auf seinem Hausboot an der Seine. „Die Bühne ist eine Droge“, gestand der leidenschaftliche Entertainer einmal. Doch auch wenn die Bühne leer bleibt, die Chansons von Gilbert Bécaud können auch heute noch süchtig machen und haben den Weltstar unsterblich gemacht.
Oktober 2011
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