Die ersten vier Folgen der neuen LPL Records Reihe „HR Giger's Vampiric" sind dankenswerter Weise zeitgleich erschienen und wer ein Freund des ersten Teils, „Die verloren gegangene Kunst des Zwielichts" mochte, der wird „Der Vampyr" entweder gleich mitgenommen haben oder sich nach dem Durchhören gleich wieder auf den Weg gemacht haben, Teil zwei zu erwerben.
Wiederum führt der schweitzer Künstler und Oscarpreisträger Giger uns wieder in seine Gedankenwelten und erläutert in aller Kürze, was es ist, dass ihn an diesen Geschichten so fasziniert und abermals sind es zwei, die auf einer CD mit einer Laufzeit von 78 Minuten untergebracht wurden.
Den Anfang macht „Der Vampyr" eine fast schon kafkaeske Horrorgeschichte, die sich auch als Parabel auf die Arbeitswelten der modernen Zivilisation lesen bzw. hören lässt.
Die Hauptfigur ist der sehr auf Äußerlichkeiten bedachte Herr Samassa, ein Mann, der nichts so schätzt, wie teure Kleidung, gutes Essen und eine Zigarre. Das ein solcher Mann sowohl beruflich, wie auch privat in jeder Hinsicht erfolgreich ist, liegt auf der Hand. Eine schöne Freundin rundet das Leben des Genussmenschen ab - um so angewiderte ist er von dem relativ zudringlichen Annäherungsversuch einer neuen, aber wenig attraktiven Kollegin. Doch hinter der Fassade des ungepflegten Mauerblümchens steckt mehr, als man zunächst gedacht hätte. Das Fräulein wohnt nicht nur in der selben Pension, es zeigt auch ein lebhaftes Interesse, nicht nur an einem Treffen mit Herrn Samassa, sondern vor allem auch an seinen Körpersäften. In seiner Not fällt dem jungen Mann, der allnächtliche Besuche bekommt, nichts anderes ein, als andere Opfer darzubieten, um sich selbst vor der Unersättlichkeit des Fräuleins zu schützen. Schnell leidet seine Konzentrationsfähigkeit ebenso, wie sein Äußeres und bald sieht man den einstigen Beau durch die nächtlichen Straßen huschen, als wäre er selbst ein Untoter.
„Der Vampyr", eine Kurzgeschichte aus den 1920ern stammt aus der Feder von Leonhard Stein. Bei dem Namen handelt es sich - laut Giger - um ein Synonym, die wahre Autorenschaft ist bis heute ungeklärt. Solche Anekdoten verleihen natürlich gerade einer Horrorgeschichte wie dieser den letzten Schliff - obgleich diese ihn nicht nötig gehabt hätte. Das Tempo ist gemächlich und der Blut- und Ekelfaktor tendiert gegen Null, aber der Niedergang eines Menschen, der sich, wie weiter oben erwähnt, so wunderbar als Chiffre für die Lasten und Laster der modernen Zivilisation lesen lässt, jagen einen wohligen Schauer nach dem anderen über den Rücken.
Helmut Krauss erweist sich als wahres Stimmwunder, wenn er nicht nur Stimmungen und Atmosphäre in seine rauchigen, getragenen Vortrag legt, sondern er erweckt tatsächlich einen Charakter zum Leben, erschafft eine ganze Stadt um ihn herum und schickt ihm und den Hörer dann einen fleischgewordenen Alptraum hinzu.
„Der Vampyr" ist eine ganz besondere Geschichte für alle Freunde älterer Horrorkunst, die noch ohne viel Blutvergießen auskam. Giger hat hier eine echte Perle ausgegraben.
Die zweite Geschichte, „Der Untote", erzählt uns von Henry Thorne, der von den Schatten, die in dem Familiengemäuer in den Wahnsinn getrieben wird.
Seine merkwürdige Geschichte erzählt er seinem guten Freund Michael, dem Ich-Erzähler, der versucht, sich ein eigenes Bild von dem nervösen Leiden seines Freundes zu machen. Die Zutaten der Kurzgeschichte von Amelia Reynolds Long sind klassisch; ein vererbtes Anwesen, sonderbare Todesursachen und natürlich der obligatorische Fremde, der dann auftaucht. Als sich die ersten Morde ereignen, gilt es, die Sache besser schnell aufzuklären.
Longs Geschichte vom Untoten in der eigenen Familie plätschert ohne besondere Vorkommnisse vor sich hin. Vielleicht, weil alles allzu klassisch verläuft und man sich an keiner einzigen Stelle fragt, was hier wohl vor sich gehen mag. Nicht das die Erzählung wirklich schlecht wäre, sie ist nur eben auch nicht besonders gut und selbst Helmut Krauss kann mit seiner charismatischen Stimme nicht viel mehr aus ihr herausholen.
Auch Giger selbst scheint sich eher unsicher in bezug auf „Der Untote" zu sein, denn seine einführenden Worte haben nichts mit der Geschichte zu tun und sind stattdessen so bizarr, wie man es sich eigentlich von Longs Kurzgeschichte gewünscht hätte.
Nicht ganz so überzeugend wie die erste CD der „Vampiric" Reihe, ist das Hörbuch doch immer noch weit jenseits der allermeisten anderen Horror Hörbuch Produktionen und auf alle Fälle ein Kauftipp. Mit der titelgebenden Geschichte hat Giger eine wahre Meistererzählung vor dem Vergessen bewahrt. Das „Der Untote" den äußerst positiven Gesamteindruck schmälert, fällt da eigentlich nicht weiter ins Gewicht.
Optisch präsentiert sich die CD als Fortsetzung, lediglich eine farbliche Varianz bildet den einzigen Unterschied zu dem Cover des ersten Teils, das, ich erörterte das Thema ja schon an anderer Stelle, eben Geschmackssache ist.