"Surf-Roman" - so manch einen dürfte schon allein die Bezeichnung an sich mehr als abschrecken, malt man sich im ersten Moment doch im Geiste so manches klischeehafte Surfbild aus. Aber mit Klischeedenken solcher Art kommt man bei Kem Nunn nicht weit. "Wo Legenden sterben" ist dafür einfach zu vielschichtig angelegt. Es geht nicht nur ums Surfen, auch wenn dieser Teil der Handlung natürlich eine wichtige Rolle spielt. Dennoch geht es Nunn ganz offensichtlich in erster Linie um die Menschen - um Menschen und Leidenschaften.
Das Thema Surfen nimmt nur den einen Teil des Plots in Anspruch, im anderen Teil geht es vor allem um die Problematik, die das alltägliche Leben der amerikanischen Ureinwohner mit sich bringt. Streckenweise spielt der Roman auf Reservatsgelände, wo ganz eigene Regeln herrschen. Nunn lässt die beiden unterschiedlichen Kulturen aufeinander prallen. Diese Konfrontation birgt viel Spannung in sich. Er verwebt Indianermythen, Surflegenden und die harte Realität des alltäglichen Lebens zu einem überaus stimmigen Plot.
Zusätzliche Spannung baut Nunn durch den eingeflochtenen Krimiplot auf. Parallel zum Haupthandlungsfaden entrollt sich die Geschichte eines Verbrechens, das seinen Schatten über die Figuren wirft. Man spürt als Leser, wie alles seinem unvermeidlichen düsteren Höhepunkt entgegen läuft, wie die Protagonisten auf die finale Konfrontation hinarbeiten und das trägt enorm zur Spannung bei.
Kem Nunns Romane lassen sich wohl am ehesten mit dem Begriff "Surf Noir" umschreiben. Genau wie zuvor auch schon "Wellenjagd", zeichnet sich auch "Wo Legenden sterben" durch eine recht düstere Grundstimmung aus. Nunn lässt den Leser in das Innerste seiner Protagonisten blicken und offenbart die dunklen Abgründe der Seele. Vor dem Hintergrund der sonnigen Surfgebiete Kaliforniens und den weißen Stränden der Pazifikküste entsteht daraus ein kontrastreiches Spiel.
FAZIT: Spannende und unterhaltsame Lektüre, fernab gängiger Surfklischees. Kem Nunn schreibt vielschichtig, spannend und mit sprachlichem Feingefühl. Er zieht den Leser tief in den atmosphärischen Plot und dreht dann kontinuierlich an der Spannungsschraube. Wer ein gewisses Grundinteresse am Surfen mitbringt, der findet bei Kem Nunn erstklassige Unterhaltung, nicht nur bei "Wo Legenden sterben", sondern in gleichem Maße bei Nunns Debütroman "Wellenjagd".