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Ineinander und miteinander verwoben sind die Erzählstränge -- die erzählenden Personen wechseln ständig oder die Erzählerin greift ein -- ohne Rücksicht auf den Leser. Erzählt wird eine Geschichte der Brutalität, der "Gier", der Vereinnahmung bis zum Tod. Wobei sich diese beiden Begriffe -- Frauen und Häuser -- derart ineinander verweben und zu austauschbaren "Objekten" werden, dass die Erzählerin oft selbst nicht mehr unterscheiden kann, von welchem der beiden Begriffe sie eben erzählt. Der Mann als besitzergreifender Eindringling in Häuser und Frauen, der Mann aber letztlich auch als Opfer seiner Umgebung, des -- kaum angedeuteten -- politischen Umfeldes, der neuen Gesellschaft, in der Besitz wichtiger ist als alles andere. Nicht zuletzt dokumentiert Jelinek mit der Beschreibung des Baggersees, in dem die Leiche der 16-jährigen Gabi liegt -- einer der eindringlichsten Teile des Romans -- den Zustand der Gesellschaft dieses Landes.
Ein schwer lesbarer Roman, ein "stilloser" Roman, der dem Leser einiges abverlangt, der jegliche humane Einstellung bewusst im Keim erstickt, der die Menschen als Täter und Opfer zeigt, und der letztlich dem Leser keinerlei Spielraum lässt -- zu eindringlich und despotisch zeichnet er die Wirklichkeit. --Lisbeth Legat -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Geschichten aus Jelinek-Land,
Von
Rezension bezieht sich auf: Gier: Ein Unterhaltungsroman (Taschenbuch)
Zugegeben: Es war anfangs pure Neu-"Gier", die zum Roman der Elfriede Jelinek greifen ließ. Ist sie doch hinlänglich bekannt, nicht nur als bedeutende Autorin, sondern auch als enfant terrible der literarischen Szene, die wegen ihrer früheren Romane "Die Klavierspielerin" und "Lust" und späteren Werke gern als "weibliche Pornografin" bezeichnet wurde, die mit Theaterstücken wie "Clara S. musikalische Tragodie" kleine Theaterskandale hervorgerufen hat und die sich auch ansonsten als veritable Provokateurin erwiea. 2004 erhielt sie allerdings den Literaturnobelpreis.
Neugier auf "Gier" also - und gleich zu Beginn der Lektüre schien sich der Verdacht zu bestätigen, dass der Klappentext wieder einmal lügt. Ein Krimi sollte es sein - das können selbst mittelmäßige Autoren besser. Ein Porno also? Dann schon eher "Lust". Also ein "Unterhaltungsroman", wie es uns der Buchumschlag verspricht. Das wohl aber kann doch nur Jelineksche Ironie sein. Vorsicht also war geboten - eine Vorsicht, aus der schnell einer gewisse Faszination wurde. "Gier" spielt natürlich in der Steiermark. Hier, in Mürzzuschlag, wurde die Büchnerpreisträgerin Elfriede Jelinek 1946 geboren. Hier sind die Schauplätze ihrer Romane, hier verbringt sie immer noch ihre Ferien, hier leben die Menschen, aus denen sich ihre Romanfiguren generieren. Hier ist Jelinek-Land. Und hier ist auch Kurt Janisch, Landgendarm, beheimatet. "Ein gut aussehender und scheinbar leichtherziger Mann, wie er uns Frauen gefällt." (Zitat). Und sie ihm. Denn es ist von Frauen, "auf deren Grund und Boden er Auge geworfen hatte, bereits der Boden zwischen und unter seinen Füßen gekost worden, solang bis er ihm heiß wurde". Heiß wurde ihm oft, besonders bei Gerti, in mittleren Jahren und wohlhabend. Bald war ihm der "Grund und Boden" ihres Körpers so vertraut wie die Hoffnung, eines Tages Grund und Boden mit ihrem Haus überschrieben zu bekommen. Denn der Polizist Kurt giert nach Besitz. Haus und Familie hat er bereits. Das muss ihm aber nicht genügen, genau so wenig wie ihm die eigene Frau und Gerti in anderer Hinsicht genügen. So nimmt er sich von reichgedeckten Tisch der weiblichen Natur, was ihm in die Finger fällt. Und das ist viel und ganz einfach. Schließlich ist Kurt Amtsperson und mit Autorität ausgestattet. Er überwacht und regelt den "Verkehr". Und so fallen ihm die Damen wie reife Früchte in den Schoß. Ein Blick auf sein Hosentürl lässt Blusenknöpfe springen. Denn von der Natur ist er zudem prächtig ausgestattet. "Aber kaum hat dieser Mann sich in eins von diesen Herzen hineingestohlen, das er gesucht hat, ist er schon wieder gleichmütig... Etwas Schönes rührt ihn nicht, denn alles, was er schön findet, muss unbedingt tot sein." Tot sein wird auch bald ein sehr junges Mädchen, eine besitzlose Minderjährige, die ihm ebenfalls verfallen ist. Weil sie seine Pläne, auch was Gerti betrifft, gefährdet, bringt er sie um. Die Suche nach dem Täter und dem Opfer erweist sich als schwierig. Erst als die Leiche, in einem Plastiksack wohlverpackt im See gefunden wird, schöpft die ältere Geliebte Verdacht. Sie ahnt, um was es geht... Der Leser auch. So sind eben die Geschichten aus Jelinek-Land. Sie sind Vexierspiele, vorgetragen von einer Autorin, die die gesamte Klaviatur der Sprache und damit der Beschreibung von Innen- und Außenwelten beherrscht und sich in der Benutzung keine Grenzen setzt. So werden immer gängige Sichtweisen aufgebrochen und infrage gestellt. Dies auch hinsichtlich eigener Auffassungen. Es gilt nicht mehr das von der Jelinek in früheren Büchern bis zum Überdruss strapazierte Mann-Frau-Verhältnis, das Täter (Mann)-Opfer(Frau)-Klischee. In diesem Roman "Gier" sind die Frauen willfährig, sie sind weit offen und bedienen sich des verhurten Vokabulars des Mannes, zeigen ungeschützt ihr Begehren - und haben damit so ihre Jelineksche "Unschuld" verloren. Oft erinnert die fast atemlose Prosa der Jelinek an Thomas Bernhard - was ihrer beider "Hass-Liebe" zu Österreich betrifft, die sich in sehr heftigen, sarkastisch-ironischen Attacken gegen die Gesellschaft, zum Thema Umweltschutz, zur politischen Situation der Alpenrepublik äußert. Es gibt hinreißende Landschaftsbilder, es gibt großartige innere Monologe von nahezu Joyceschen Format. Und in gleichem Atemzug wird der Leser mit Schmutz, Perversion, Verachtung, Kälte und Hass, mit Kalauern und Plattitüden konfrontiert. Es ist schon ein etwas eigenartiges Welt- und Sprachbild, das uns Elfriede Jelinek präsentiert. Neu-"Gier" war es am Anfang. Am Ende steht die Erkenntnis, das die Jelineksche Welt nicht unsere sein kann und sein muss. Eine nur böse Welt, nur böse Menschen? Literarisch ist "Gier" in jedem Fall ein spannendes Unterfangen für den Leser, auch wenn die Elemente Krimi, Porno und Unterhaltung wirklich nur ironisch aufgesetzte Versatzstücke sind. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Alle wollen immer nur mehr, egal wovon,
Von
Rezension bezieht sich auf: Gier: Ein Unterhaltungsroman (Taschenbuch)
Elfriede Jelinek erzählt von Tagen in der Steiermark, vom Leben und Sterben, von Menschen und Verhältnissen: das Böse ist immer und überall. Die Autorin findet immer noch einen Schwenk, um einen neuen, anderen Blick auf Beziehungen zu werfen; Männer als rücksichtslose, gierige Monster darzustellen; junge und alte Frauen als abhängig Liebende zu brandmarken. Insgesamt spannend, breit angelegt, tiefenphilosophisch und trotzdem schwierig zu lesen.
Nach der Hälfte des Buches kreist die Autorin nur noch um ein nicht vorhandenes Zielobjekt, ohne wirklich Neues zu erzählen. Ob sie ihr Grundthema: "Alle wollen immer nur mehr, egal wovon." zu wörtlich genommen hat? Oder hat sie sich auf der Suche nach dem inneren Zuhause und ersehnter wahnsinniger Geborgenheit völlig verirrt? Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
33 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Gewagt und daher die Mühe wert,
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Gier: Ein Unterhaltungsroman (Taschenbuch)
Elfride Jelinek hat immer schon die Geister geschieden. Ihr gesellschaftliches Engagement ist ebenso umstritten wie ihre Werke. Bei ihrem neuesten Buch geht sie dabei weiter denn je. In der Steiermark ist das Leben frustrierend, langweilig, grausam und ... kaum zu ertragen. So ist eben auch dieses Buch. Der Leser hat immer wieder die Neigung, es in die Ecke zu werfen, sich angewidert abzuwenden. Wenn man es nicht tut, so wird man nicht fröhlich von diesem 'Unterhaltungsroman'. Er unterhält nicht. Vielleicht ist der Autorin dadurch die eindringlichste Gesellschaftskritik gelungen, die man verfassen kann. Literatur, die sich mit menschenunwürdiger Existenz und dem Verschwinden jeglicher Emotion aus einer gesellschaftlichen Situation auseinandersetzt, sollte eben diese Qualitäten auch aufweisen. Sie sollte menschenunwürdig, emotionslos und anödend sein. Dabei muß man sagen, daß Jelinek durchaus auch 'unterhaltsame' Passagen in ihr Werk einbaut. Diese sind in gewohnter Art bitterböse und manchmal auch wirklich komisch. Dieser Effekt verstärkt sich durch die Trostlosigkeit des Buches, in die er eingebettet ist, nochmals. In die verworrene Handlung webt die Jelinek dabei einen Tatbestand, der an Grausamkeit und Ekelhaftigkeit kaum zu überbieten ist. Warum sollte man das Buch dann lesen? Vielleicht weil es sich hier um ein 'herausgewürgtes' Stück Literatur (Zitat E. Jelinek) handelt, das auch den Leser zu Brechreizen bringen kann und gerade dadurch ein Aha-Erlebnis ermöglicht. So wie dieses Buch ist, sollte das Leben nicht sein. Gott sei dank ist es zumeist auch nicht so. Um sich von der Verlogenheit der Kleinbürgerlichkeit abschrecken zu lassen, eignet sich das Werk. Wer das nicht möchte, sollte das Buch besser nicht lesen. Wer darin etwas von der eigenen Lebensauffassung erkennt, wird nach der mühsamen Lektüre von 'Gier' froh sein, durchgehalten zu haben, trotz aller Langatmigkeit und gelegentlicher erzählerischer Schwächen. Ein gewagtes literarisches Expiriment, mit allen damit verbundenen Risiken, daher aber doch die Mühe wert, denn man sollte sich nie darüber wundern, was es im 'wirklichen' Leben so alles an Abscheulichkeiten gibt. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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