Zugegeben: Es war anfangs pure Neu-"Gier", die zum Roman der Elfriede Jelinek greifen ließ. Ist sie doch hinlänglich bekannt, nicht nur als bedeutende Autorin, sondern auch als enfant terrible der literarischen Szene, die wegen ihrer früheren Romane "Die Klavierspielerin" und "Lust" und späteren Werke gern als "weibliche Pornografin" bezeichnet wurde, die mit Theaterstücken wie "Clara S. musikalische Tragodie" kleine Theaterskandale hervorgerufen hat und die sich auch ansonsten als veritable Provokateurin erwiea. 2004 erhielt sie allerdings den Literaturnobelpreis.
Neugier auf "Gier" also - und gleich zu Beginn der Lektüre schien sich der Verdacht zu bestätigen, dass der Klappentext wieder einmal lügt. Ein Krimi sollte es sein - das können selbst mittelmäßige Autoren besser. Ein Porno also? Dann schon eher "Lust". Also ein "Unterhaltungsroman", wie es uns der Buchumschlag verspricht. Das wohl aber kann doch nur Jelineksche Ironie sein. Vorsicht also war geboten - eine Vorsicht, aus der schnell einer gewisse Faszination wurde.
"Gier" spielt natürlich in der Steiermark. Hier, in Mürzzuschlag, wurde die Büchnerpreisträgerin Elfriede Jelinek 1946 geboren. Hier sind die Schauplätze ihrer Romane, hier verbringt sie immer noch ihre Ferien, hier leben die Menschen, aus denen sich ihre Romanfiguren generieren. Hier ist Jelinek-Land. Und hier ist auch Kurt Janisch, Landgendarm, beheimatet. "Ein gut aussehender und scheinbar leichtherziger Mann, wie er uns Frauen gefällt." (Zitat). Und sie ihm. Denn es ist von Frauen, "auf deren Grund und Boden er Auge geworfen hatte, bereits der Boden zwischen und unter seinen Füßen gekost worden, solang bis er ihm heiß wurde". Heiß wurde ihm oft, besonders bei Gerti, in mittleren Jahren und wohlhabend. Bald war ihm der "Grund und Boden" ihres Körpers so vertraut wie die Hoffnung, eines Tages Grund und Boden mit ihrem Haus überschrieben zu bekommen.
Denn der Polizist Kurt giert nach Besitz. Haus und Familie hat er bereits. Das muss ihm aber nicht genügen, genau so wenig wie ihm die eigene Frau und Gerti in anderer Hinsicht genügen. So nimmt er sich von reichgedeckten Tisch der weiblichen Natur, was ihm in die Finger fällt. Und das ist viel und ganz einfach. Schließlich ist Kurt Amtsperson und mit Autorität ausgestattet. Er überwacht und regelt den "Verkehr". Und so fallen ihm die Damen wie reife Früchte in den Schoß. Ein Blick auf sein Hosentürl lässt Blusenknöpfe springen. Denn von der Natur ist er zudem prächtig ausgestattet. "Aber kaum hat dieser Mann sich in eins von diesen Herzen hineingestohlen, das er gesucht hat, ist er schon wieder gleichmütig... Etwas Schönes rührt ihn nicht, denn alles, was er schön findet, muss unbedingt tot sein."
Tot sein wird auch bald ein sehr junges Mädchen, eine besitzlose Minderjährige, die ihm ebenfalls verfallen ist. Weil sie seine Pläne, auch was Gerti betrifft, gefährdet, bringt er sie um. Die Suche nach dem Täter und dem Opfer erweist sich als schwierig. Erst als die Leiche, in einem Plastiksack wohlverpackt im See gefunden wird, schöpft die ältere Geliebte Verdacht. Sie ahnt, um was es geht...
Der Leser auch. So sind eben die Geschichten aus Jelinek-Land. Sie sind Vexierspiele, vorgetragen von einer Autorin, die die gesamte Klaviatur der Sprache und damit der Beschreibung von Innen- und Außenwelten beherrscht und sich in der Benutzung keine Grenzen setzt. So werden immer gängige Sichtweisen aufgebrochen und infrage gestellt. Dies auch hinsichtlich eigener Auffassungen. Es gilt nicht mehr das von der Jelinek in früheren Büchern bis zum Überdruss strapazierte Mann-Frau-Verhältnis, das Täter (Mann)-Opfer(Frau)-Klischee. In diesem Roman "Gier" sind die Frauen willfährig, sie sind weit offen und bedienen sich des verhurten Vokabulars des Mannes, zeigen ungeschützt ihr Begehren - und haben damit so ihre Jelineksche "Unschuld" verloren.
Oft erinnert die fast atemlose Prosa der Jelinek an Thomas Bernhard - was ihrer beider "Hass-Liebe" zu Österreich betrifft, die sich in sehr heftigen, sarkastisch-ironischen Attacken gegen die Gesellschaft, zum Thema Umweltschutz, zur politischen Situation der Alpenrepublik äußert. Es gibt hinreißende Landschaftsbilder, es gibt großartige innere Monologe von nahezu Joyceschen Format. Und in gleichem Atemzug wird der Leser mit Schmutz, Perversion, Verachtung, Kälte und Hass, mit Kalauern und Plattitüden konfrontiert. Es ist schon ein etwas eigenartiges Welt- und Sprachbild, das uns Elfriede Jelinek präsentiert.
Neu-"Gier" war es am Anfang. Am Ende steht die Erkenntnis, das die Jelineksche Welt nicht unsere sein kann und sein muss. Eine nur böse Welt, nur böse Menschen? Literarisch ist "Gier" in jedem Fall ein spannendes Unterfangen für den Leser, auch wenn die Elemente Krimi, Porno und Unterhaltung wirklich nur ironisch aufgesetzte Versatzstücke sind.