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Gielen-Edition (Schubert/Joh. Strauß)
 
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Gielen-Edition (Schubert/Joh. Strauß)

Michael Gielen , Soswr , Franz Schubert Audio CD
4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Komponist: Franz Schubert
  • Audio CD (24. Juni 2002)
  • Anzahl Disks/Tonträger: 1
  • Label: Hänssler (Naxos Deutschland Musik & Video Vertriebs-)
  • ASIN: B00006AFM7
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 219.226 in Musik (Siehe Top 100 in Musik)

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9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Schuberts "Große" C-Dur-Sinfonie ist in ihrer reichen Komplexität ein Prüfstein für jeden Dirigenten. An ihr hört man, wes Geistes Kind ein Orchesterleiter ist. Leider scheitern die meisten an der Originalität von Schuberts Formzusammenhängen.

Gegen Michael Gielen hält sich hartnäckig das Vorurteil vom kühl-intellektuellen und trocken-didaktischen Avantgardisten. Wahr ist, dass er immer gegen eingefahrene Hörgewohnheiten anmusiziert und seine Wiedergaben rigoros in den Dienst der Darstellung musikalischer Struktur als einer den Hörer fordernden geistigen Substanz gestellt hat. Mit Recht geht Gielen davon aus, dass der Inhalt von sinfonischer Musik zunächst einmal in ihrer Form liegt. Seine als Konzertmitschnitt in London 1996 entstandene Aufnahme dieser außerordentlich gedankenreichen Sinfonie zeigt, dass solche Darstellung alles andere als abstrakt-akademisch sein kann. Der Frühromantiker Schubert wird hörbar als ein Komponist, der sowohl in Kontinuität zur Tradition der klassischen Sinfonik steht als auch diese Tradition in ganz eigener Weise umformt - und damit in die Zukunft weist. Und Gielen, der nie seine besondere emotionale Nähe zu Schubert verleugnet hat, hat hier sich selbst übertroffen. Was Hermann Scherchen 1958 mit seiner fulminanten Aufnahme von Beethovens Eroica geleistet hat, leistet Gielen für Schuberts große Sinfonie.

Der erste Satz verleiht dem formalen Gerüst des Sonatenhauptsatzes mit Andante-Einleitung einen ganz neuen Inhalt. Dessen Darstellung gelingt aber nur, wenn die Originalität der Form richtig analysiert wird. Dass für die Andante-Einleitung in den gedruckten Partituren lange Zeit irrtümlich ein Viervierteltakt statt des im Autograph eindeutig notierten Allabreve angegeben war, hat mit zu einer erheblichen Verzerrung des Formzusammenhangs beigetragen. Dass der Sinn der Komposition nur dann deutlich wird, wenn die Einleitung nicht langsam, sondern als zügiges Wanderlied im Allabreve gespielt wird und der Übergang ins Allegro (ma non troppo!) bruchlos ohne Beschleunigung durch Umwandlung der Viertelnoten in Halbe erfolgen muss, haben zwar offensichtlich Mendelssohn, der die Uraufführung dirigierte, und sein Kommentator Schumann gewusst, es ist aber lange Zeit nicht verstanden worden - und es wird auch heute selbst von vielen Interpreten mit "historisch informiertem" Selbstverständnis nicht verstanden. Gielens Aufnahme ist eine der wenigen, die diesen Zusammenhang richtig erfasst. Der Satz erklingt in einem Guss ohne die willkürlichen Tempowechsel der Furtwängler-Tradition, auf die noch heute auch manche vermeintlich "moderne" Dirigenten nicht verzichten mögen. Trotzdem wirkt die Musik nicht steif, sondern das statisch-repetitive und das vorwärts stürmende Element bilden eine enorm spannungsgeladene Einheit. Auch am Schluss, wo nach der in der Coda verlangten Beschleunigung des Tempos schließlich das Einleitungsthema wiederkehrt, verzichtet Gielen auf die übliche bremsende Verbreiterung.

Der zweite Satz, der seit Furtwängler meist als langsamer Trauermarsch missverstanden wurde, ist in Wirklichkeit ein Andante con moto, und Gielen hält sich daran mit zügiger Gangart, in der er dennoch großzügige lyrische Ruhepunkte zu setzen vermag. Agogische Nuancierungen dienen der Gliederung, und die atmende Dynamik der Partitur wird mustergültig umgesetzt. Der katastrophische Zusammenbruch, der sich in der Mitte des Satzes ereignet, klingt bei dem an Mahler und Schönberg geschulten Gielen albtraumhaft bestürzend, wie aus dem zwanzigsten Jahrhundert.

Mit der gleichen bestechenden Klarheit gelingt es Gielen auch im dritten und vierten Satz, den volkstümlichen Ton und die melancholischen bis finsteren Einbrüche in Schuberts Musik als Momente eines sinfonischen Prozesses von außerordentlicher Dichte darzustellen. Im Scherzo spielt er alle Wiederholungen. Schade, dass er sie in den Ecksätzen weglässt - möglicherweise begrenzte das Konzertprogramm den zeitlichen Rahmen der Aufführung.

In einem Punkt knüpft Gielen, der so eisern die falschen Gewohnheiten wegfegt, an Traditionen des neunzehnten Jahrhunderts an: Er hat immer, unter Berufung auf Mahler, Retuschen der Dynamik und Instrumentation im Dienste größtmöglicher Deutlichkeit verteidigt. Das Einleitungs-Thema lässt er am Ende des ersten Satzes durch Trompeten verstärken. Dieser von vielen Dirigenten praktizierte Eingriff ist anfechtbar, da er Schuberts kunstvollen Holzbläsersatz überdeckt - die Frage ist, ob Schubert nicht absichtlich das Thema zunächst in einer etwas opaken Instrumentierung bringt, um es dann erst im Unisono zu bekräftigen. Richtig sieht Gielen, dass die Dynamik manchmal nicht buchstabengetreu auszuführen ist, sondern im Interesse der Transparenz modifiziert werden muss: Zu Beginn des zweiten Teils im Scherzo, wo der As-Dur-Akkord von den Bläsern acht Takte lang repetiert wird, nimmt er nach dem vierten Takt das notierte Fortissimo etwas zurück, um die im Unisono in die tiefe Lage absteigenden Streicher nicht zu übertönen.

Wer diese Sinfonie nicht kennt, schrieb Robert Schumann, kennt noch wenig von Schubert. Man könnte auch sagen: Wer Gielens Aufnahme nicht kennt, kennt noch wenig von Schubert. Diese Sternstunde der Schubert-Interpretation steht ebenbürtig neben den Leistungen des Altmeisters Günter Wand - und haushoch über den meisten Aufnahmen des alten spätromantischen und des neuen historisierenden Mainstreams.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Tobias Fabian-Krause TOP 500 REZENSENT
Ich möchte diese Rezension etwas unkonventionell mit einer Empfehlung beginnen: lesen Sie die Rezension von Herrn Böke. Sie ist elegant geschrieben, kenntnisreich und beschreibt die CD nach meinem Dafürhalten auch sehr treffend. Dass ich selbst dennoch auch eine schreibe liegt natürlich am Spaß an der Sache, aber auch daran dass ich denke, dass verschiedene Zugänge zu einer CD die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Leser das Produkt noch besser einschätzen können, indem sie sich überlegen, wie ähnlich oder unähnlich die Hintergründe der Autoren sowie die von ihnen geschilderten Denkweisen und ästhetischen Sichtweisen den ihren sind. Während ich Herrn Böke für einen großen Kenner klassischer Musik halte, bin ich selbst erst seit vielleicht 3 Jahren so richtig klassikbegeistert, während es davor eine Option von vielen war, die ich "anfallsweise" immer mal wieder gezogen habe, aber eigentlich eher vernachlässigt habe. Insofern bin ich eher forgeschrittener Anfänger.

Nachdem ich Beethovens Werk etwas intensiver in Augenschein genommen hatte und die bekannteren Mozartstücke mir als Hörer angeeignet hatte kristallisierte sich vor ziemlich genau einem Jahr eine neue musikalische Liebe heraus, nämlich die zu den Symphonien von Franz Schubert. Sein Frühwerk, die ersten 6 Symphonien tauchen zwar immer mal wieder vereinzelt auf den Spielplänen der Orchester auf, führen aber nach meiner Wahrnehmung doch eher ein Schattendasein, was ich sehr bedauerlich finde, da ich sie für sehr gelungene Musikstücke halte, die vielen Mozart-, Beethoven- und Haydn-Symphonien durchaus das Wasser reichen können.

Schuberts "Unvollendete" hingegen wird ziemlich häufig eingespielt und aufgeführt, was sie verdient, wobei die Art wie das geschieht ihr nicht immer gerecht wird. Die Neunte (oder nach neuerer, adäquaterer Zählweise die Achte) Symphonie des Wiener Komponisten, die sogenannte Große C-Dur-Symphonie wird ebenfalls sehr häufig aufgeführt. Schubert selbst wollte mit ihr Abstand von seinen bisherigen Kompositionen, die er (übertrieben) selbstkritisch ziemlich niedrig einstufte, gewinnen. Die Große C-Dur ist für meinen Geschmack ein äußerst vielseitiges und gehaltvolles Werk. Sie enthält herrliche melodische Einfälle, Dynamikwechsel, Tempowechsel, und, trotzdem es sich um "reine Musik" handelt, auch eine innere Dramaturgie.

Michael Gielen wird diesem Werk weitestgehend vorzüglich gerecht. Der Dirigent Bruno Weil erklärte seinem Publikum beim Klang- und Raum-Festival 2010 das, was Sie bei Herrn Böke ebenfalls lesen können, nämlich dass Schubert seine Alla Breve-Zeichen unkonventionell und undeutlich notiert habe, so dass sie vielfach übersehen wurden und so diesbezüglich falsche Notentexte gedruckt wurden. So beginnen viele Dirigenten, pars pro toto sei hier mal Herbert von Karajan in seiner EMI-Aufnahme genannt, den ersten Satz schwer, pathosgeladen und gravitätisch. Selbst unter denjenigen, die für sich in Anspruch nehmen, Autographe genau zu lesen und die Werktreue extrem hoch ansiedeln, also die Vertreter der historischen Aufführungspraxis, finden sich viele, die es Karajan diesbezüglich gleich tun, so sehr sich ihre Interpretationen sonst auch von ihm unterscheiden mögen.

Gielen ist sicher nie ein Anhänger der historische Aufführungspraxis gewesen.Dennoch positioniert er sich bezüglich der Tempowahl und bezüglich der übrigen Interpretationsart relativ nahe an deren Vertreter. Freilich sind die Klangbilder sehr verschieden, da das SWF-Orchester natürlich auf neuen Instrumenten spielt. Aber es spielt sehr transparent und durchsichtig, phrasiert sehr präzise und arbeitet auf diese Weise musikalische Sinnabschnitte sehr gut heraus, wobei Gielen nicht groß mit Rubati u.ä. dem Stück seinen Stempel aufdrückt und dennoch die Struktur sehr gut herausarbeitet.

Auffällig ist für mich auch, dass Gielen bei dieser eher analytisch geprägten Aufnahme weniger das große Drama sucht. Der "Zusammenbruch der Welt" (Bruno Weil), wie er gegen Ende des 2. Satzes angedeutet wird kommt bei dieser Aufnahme klar heraus, wird aber nicht bis zum letzten ausgeskostet. Ich hätte mir ein etwas geringeres Tempo und eine Prise mehr Pathos gewünscht, aber zu Gielens Konzept hätte das sicher nicht gepasst.

Scherzo und Trio sind sehr schön gespielt, wenn ich auch überrascht war, dass Gielen hier wiederum ein eher niedrigeres Tempo wählt. Damit meine ich nicht, dass er den Satz verschleppt, aber es ist ein klarer Kontrapunkt zu den überdurchschnittlich zügigen ersten Sätzen wahrnehmbar. Ich hätte mir ein etwas höheres Tempo gewünscht, aber ansonsten ist es ein sehr schön gelungener Satz.

Ähnlich wie das Scherzo ist das Finale ausgefallen. Gielen meidet auch hier das allzu emphatische, hat eine relativ langsames Tempo gewählt. Die großen Gefühle scheinen ihm weniger am Herzen zu liegen als eine möglichst kitschfreie Interpretation. Das ist mutig und bewundernswert, aber mir fehlt letztlich ein wenig das Temperament im Finale.

Gielens Lesart von Schubert würde ich als konsequent antipopulistisch bezeichnen. Wo andere in langsamen oder dramatischen Passagen schwelgen und sie bis zum letzten auskosten, dirigert Gielen ein eher hohes Tempo, wo andere mit Tempo und Lockerheit (Scherzo) zu punkten suchen dirigiert Gielen etwas zurückhaltender. Gielen hat ein schlüssiges Konzept, das er konsequent durchzieht und das Ergebnis kann sich sehr gut hören lassen. Schlussendlich ist mir aber dann doch ein Idee zu kühl.

Dass Gielen hier den Frühlingswalzer von Johann Strauß eingespielt hat war dann endgültig gegen meine (zugegeben nicht auf ausreichendem Wissen basierenden) Meinungen zu diesem Dirigenten. Zugespitzt formuliert: der Hohepriester des Andenkens an Schönberg und einer der großen Motoren der Neuen Musik spielt so einen "Gassenhauer" ein? Wirkt auf micht verstörend, womit wahrscheinlich wieder genau das Ziel Gielens erreicht ist: nicht berechenbar sein, keine Gewohnheiten bedienen, in kein Raster passen.

Eine spannende CD!
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