Ich möchte diese Rezension etwas unkonventionell mit einer Empfehlung beginnen: lesen Sie die Rezension von Herrn Böke. Sie ist elegant geschrieben, kenntnisreich und beschreibt die CD nach meinem Dafürhalten auch sehr treffend. Dass ich selbst dennoch auch eine schreibe liegt natürlich am Spaß an der Sache, aber auch daran dass ich denke, dass verschiedene Zugänge zu einer CD die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Leser das Produkt noch besser einschätzen können, indem sie sich überlegen, wie ähnlich oder unähnlich die Hintergründe der Autoren sowie die von ihnen geschilderten Denkweisen und ästhetischen Sichtweisen den ihren sind. Während ich Herrn Böke für einen großen Kenner klassischer Musik halte, bin ich selbst erst seit vielleicht 3 Jahren so richtig klassikbegeistert, während es davor eine Option von vielen war, die ich "anfallsweise" immer mal wieder gezogen habe, aber eigentlich eher vernachlässigt habe. Insofern bin ich eher forgeschrittener Anfänger.
Nachdem ich Beethovens Werk etwas intensiver in Augenschein genommen hatte und die bekannteren Mozartstücke mir als Hörer angeeignet hatte kristallisierte sich vor ziemlich genau einem Jahr eine neue musikalische Liebe heraus, nämlich die zu den Symphonien von Franz Schubert. Sein Frühwerk, die ersten 6 Symphonien tauchen zwar immer mal wieder vereinzelt auf den Spielplänen der Orchester auf, führen aber nach meiner Wahrnehmung doch eher ein Schattendasein, was ich sehr bedauerlich finde, da ich sie für sehr gelungene Musikstücke halte, die vielen Mozart-, Beethoven- und Haydn-Symphonien durchaus das Wasser reichen können.
Schuberts "Unvollendete" hingegen wird ziemlich häufig eingespielt und aufgeführt, was sie verdient, wobei die Art wie das geschieht ihr nicht immer gerecht wird. Die Neunte (oder nach neuerer, adäquaterer Zählweise die Achte) Symphonie des Wiener Komponisten, die sogenannte Große C-Dur-Symphonie wird ebenfalls sehr häufig aufgeführt. Schubert selbst wollte mit ihr Abstand von seinen bisherigen Kompositionen, die er (übertrieben) selbstkritisch ziemlich niedrig einstufte, gewinnen. Die Große C-Dur ist für meinen Geschmack ein äußerst vielseitiges und gehaltvolles Werk. Sie enthält herrliche melodische Einfälle, Dynamikwechsel, Tempowechsel, und, trotzdem es sich um "reine Musik" handelt, auch eine innere Dramaturgie.
Michael Gielen wird diesem Werk weitestgehend vorzüglich gerecht. Der Dirigent Bruno Weil erklärte seinem Publikum beim Klang- und Raum-Festival 2010 das, was Sie bei Herrn Böke ebenfalls lesen können, nämlich dass Schubert seine Alla Breve-Zeichen unkonventionell und undeutlich notiert habe, so dass sie vielfach übersehen wurden und so diesbezüglich falsche Notentexte gedruckt wurden. So beginnen viele Dirigenten, pars pro toto sei hier mal Herbert von Karajan in seiner EMI-Aufnahme genannt, den ersten Satz schwer, pathosgeladen und gravitätisch. Selbst unter denjenigen, die für sich in Anspruch nehmen, Autographe genau zu lesen und die Werktreue extrem hoch ansiedeln, also die Vertreter der historischen Aufführungspraxis, finden sich viele, die es Karajan diesbezüglich gleich tun, so sehr sich ihre Interpretationen sonst auch von ihm unterscheiden mögen.
Gielen ist sicher nie ein Anhänger der historische Aufführungspraxis gewesen.Dennoch positioniert er sich bezüglich der Tempowahl und bezüglich der übrigen Interpretationsart relativ nahe an deren Vertreter. Freilich sind die Klangbilder sehr verschieden, da das SWF-Orchester natürlich auf neuen Instrumenten spielt. Aber es spielt sehr transparent und durchsichtig, phrasiert sehr präzise und arbeitet auf diese Weise musikalische Sinnabschnitte sehr gut heraus, wobei Gielen nicht groß mit Rubati u.ä. dem Stück seinen Stempel aufdrückt und dennoch die Struktur sehr gut herausarbeitet.
Auffällig ist für mich auch, dass Gielen bei dieser eher analytisch geprägten Aufnahme weniger das große Drama sucht. Der "Zusammenbruch der Welt" (Bruno Weil), wie er gegen Ende des 2. Satzes angedeutet wird kommt bei dieser Aufnahme klar heraus, wird aber nicht bis zum letzten ausgeskostet. Ich hätte mir ein etwas geringeres Tempo und eine Prise mehr Pathos gewünscht, aber zu Gielens Konzept hätte das sicher nicht gepasst.
Scherzo und Trio sind sehr schön gespielt, wenn ich auch überrascht war, dass Gielen hier wiederum ein eher niedrigeres Tempo wählt. Damit meine ich nicht, dass er den Satz verschleppt, aber es ist ein klarer Kontrapunkt zu den überdurchschnittlich zügigen ersten Sätzen wahrnehmbar. Ich hätte mir ein etwas höheres Tempo gewünscht, aber ansonsten ist es ein sehr schön gelungener Satz.
Ähnlich wie das Scherzo ist das Finale ausgefallen. Gielen meidet auch hier das allzu emphatische, hat eine relativ langsames Tempo gewählt. Die großen Gefühle scheinen ihm weniger am Herzen zu liegen als eine möglichst kitschfreie Interpretation. Das ist mutig und bewundernswert, aber mir fehlt letztlich ein wenig das Temperament im Finale.
Gielens Lesart von Schubert würde ich als konsequent antipopulistisch bezeichnen. Wo andere in langsamen oder dramatischen Passagen schwelgen und sie bis zum letzten auskosten, dirigert Gielen ein eher hohes Tempo, wo andere mit Tempo und Lockerheit (Scherzo) zu punkten suchen dirigiert Gielen etwas zurückhaltender. Gielen hat ein schlüssiges Konzept, das er konsequent durchzieht und das Ergebnis kann sich sehr gut hören lassen. Schlussendlich ist mir aber dann doch ein Idee zu kühl.
Dass Gielen hier den Frühlingswalzer von Johann Strauß eingespielt hat war dann endgültig gegen meine (zugegeben nicht auf ausreichendem Wissen basierenden) Meinungen zu diesem Dirigenten. Zugespitzt formuliert: der Hohepriester des Andenkens an Schönberg und einer der großen Motoren der Neuen Musik spielt so einen "Gassenhauer" ein? Wirkt auf micht verstörend, womit wahrscheinlich wieder genau das Ziel Gielens erreicht ist: nicht berechenbar sein, keine Gewohnheiten bedienen, in kein Raster passen.
Eine spannende CD!